Sich im Auslandsjahr unwohl fühlen

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hanna_nz
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Sich im Auslandsjahr unwohl fühlen

Beitragvon hanna_nz » 06.04.2018, 08:50

Hi,
Ich bin nun bereits seit 2 Monaten in Neuseeland und am Anfang war natürlich alles neu und damit auch mega spannend und aufregend. Ich muss sagen ich habe mich sehr sehr wohl gefühlt. Mittlerweile ist die "alles ist neu"-Phase allerdings vorbei und ich beginne alles ohne die rosas rote Brille zu sehen. Ich habe hier einfach wirklich keine Freunde sondern nur ein paar Bekannte, mit denen ich nicht wirklich über meine Probleme reden kann. Dadurch das ich hier wirklich auf dem Land Land lebe, muss ich überall hingefahren werden und kann mich so auch nicht einfach mit meinen Freunden verabreden oder mal Nachmiitags cafe trinken oder whatever. Ich wustte natürlich, dass ich zu 80% auf dem Land platziert werde und ich liebe die Natur und alles wirklich sehr, aber ich mag es einfach nicht so abhängig vom auto zu sein. Mit meiner Gastfamilie komme ich auch nicht wirklich zurecht, da ich mich einfach unwohl in der Familie fühle. Ich werde zwar in Sachen Hausarbeit und so in die Familie eingebunden, aber Gespräche werden eher an mir vorbeigeführt und zum Beispiel nach der Schule fragt niemand wie es war. Außerdem wird immer nur meine Gastschwester (8) angesprochen, wenn wir beide im Raum sind. Letztens waren wir beide im Wohnzimmer und meine Hostmum hat gemeint sie gehen jetzt auf den Paddock. Damit meinte sie natürlich nicht mich. Danach allerdings meinte sie zu mir: "Oh you should've come. Experience the paddock." Ich weiß nicht ob ich alles nur zu persönlich nehem, aber ich fühle mich so richtig wie ein Gast. Es sind halt einfach so kleinigkeiten, die mich sehr verletzen und mich unwohl fühlen lassen. Einfach so was wie, wenn jemand zu Besuch kommt und dann gesagt wird "Oh ja, dass ist ein leeres Schlafzimmer, in dem Hann gerade wohnt." Oder, dass sie mich an Ostern nicht mal aufgeweckt haben, um Ostereier zu suchen und zur Kirche zugehen. Ich wäre ja auch extra früh aufgestanden, aber mir wurde ja nicht mal gesagt, dass die Ostereier in der früh gesucht werden. Ich würde ja gerne mehr mit ihnen reden, aber ich habe das Gefühl, dass sie dann immer so kühl zu mir sind. Auch würde ich gerne mit ihnen über meine Probleme reden, aber ich weiß einfach, dass niemand zu mir halten würde, weil ich eben die Fremde bin. Ich weiß nicht, ob "sich unwohl fühlen" ein Grund zum wechseln ist!? Ich habe auch das Gefühl, dass meine Coordinatorin eher auf der Seite meiner Gastfamilie ist und meint, wir hätten kein gutes Verhältnis, weil ich so wenig rede und mich nicht in die Familie einbringe.
Puh, dass war jetzt ein langer Post (sryy) aber ich musste mir echt mal alles von der Seele reden. Es kann sein, dass es jetzt so rüberkommt als würde ich überreagieren, aber jeder empfindet Situationen anders.

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Re: Sich im Auslandsjahr unwohl fühlen

Beitragvon Souri » 09.04.2018, 03:43

Das mag jetzt sehr hart klingen, aber willkommen in deinem echten ATJ. Ich war selbst auch in Neuseeland und war zwar nicht ländlich, aber auch meine Gastfamilie hatte vor mir (und nach mir) schon viele Leute gehosted und ja irgendwann ist man eben nichts mehr besonderes. Deine Eltern finden dich was besonderes, da du ihr Kind bist, deine Gasteltern haben eventuell jedes Jahr jemanden neues, daher kann man von ihnen nicht erwarten ein extatisches Level an Begeisterung dir gegenüber zu zeigen. He wenn sie dich mögen und du sie und du vielleicht sogar mal eine Aktivität ihrer engen Familie mitmachen kannst ist das doch echt cool.
Mit den Freunden verhält es sich leider ähnlich. Ich war sogar noch vor den grossen Zeiten des Social Media (zumindest in NZ) als ATS unterwegs und es war fast jedem klar, dass er mich in einem Jahr wohl nie wieder sehen wird. Darauf eine echte, tiefe Freundschaft aufzubauen ist unsagbar schwer und auch heute nach mehreren Ländern, Unis, Jobs, ... habe ich dafür kein Patentrezept dafür gefunden.
Es gibt hier im Forum schon den ein oder anderen Thread über das Thema der Ernüchterung nach 1 oder 2 Monaten, vielleicht klickst du dich da mal durch, eventuell ist da ja was dabei was dir irgendwie helfen kann.
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Re: Sich im Auslandsjahr unwohl fühlen

Beitragvon Fredy » 26.06.2018, 02:18

Souri hat geschrieben:Das mag jetzt sehr hart klingen, aber willkommen in deinem echten ATJ.


Hart aber fair ist oft das beste was man hören muss damit es einem klar wird.
Das man keine wirklichen Freunde hat sollte allerdings jedem klar sein.

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Re: Sich im Auslandsjahr unwohl fühlen

Beitragvon Higanbana » 10.07.2018, 15:46

Hallo Hanna,

vielleicht hilft dir mal mein Blickwinkel aus GF-Sicht.
hanna_nz hat geschrieben:Hi,
Dadurch das ich hier wirklich auf dem Land Land lebe, muss ich überall hingefahren werden und kann mich so auch nicht einfach mit meinen Freunden verabreden oder mal Nachmiitags cafe trinken oder whatever. Ich wustte natürlich, dass ich zu 80% auf dem Land platziert werde und ich liebe die Natur und alles wirklich sehr, aber ich mag es einfach nicht so abhängig vom auto zu sein.

Das Autofahrproblem ist etwas, an das man sich einfach gewoehnen muss, ob man nun will oder nicht. Die ATS, die in meinem Heimatkreis platziert werden, muessen da auch durch. Oder eigentlich hatten selbst meine Klassenkameraden das gleiche Problem. Und in anderen Regionen musst du 45 min stehend in sardinendosenaehnlichen Zuegen verbringen, wo dir mit viel Pech auch Maenner noch an die Waesche gehen. Das ist das, was dich staerker und flexibler in deiner Denkweise macht.

Mit meiner Gastfamilie komme ich auch nicht wirklich zurecht, da ich mich einfach unwohl in der Familie fühle. Ich werde zwar in Sachen Hausarbeit und so in die Familie eingebunden, aber Gespräche werden eher an mir vorbeigeführt und zum Beispiel nach der Schule fragt niemand wie es war. Außerdem wird immer nur meine Gastschwester (8) angesprochen, wenn wir beide im Raum sind. Letztens waren wir beide im Wohnzimmer und meine Hostmum hat gemeint sie gehen jetzt auf den Paddock. Damit meinte sie natürlich nicht mich. Danach allerdings meinte sie zu mir: "Oh you should've come. Experience the paddock." Ich weiß nicht ob ich alles nur zu persönlich nehem, aber ich fühle mich so richtig wie ein Gast.

Diese Situation klingt irgendwie bekannt. Koennte es eventuell sein, dass du sie selber herbeigefuehrt hast? Ich frage, weil wir, nachdem wir 6 Monate versucht hatten, zu unserer ATS irgendein Verhaeltnis aufzubauen, resignierten und sie schliesslich ignorierten, so wie sie das mit uns gemacht hatte. Ich will nicht sagen, dass das unbedingt boese Absicht von dir war, aber es waere durchaus moeglich, dass deine GF schneller aufgegeben hat, weil du nicht die richtigen Signale gebracht hast. Eine Beziehung zu einer GF aufzubauen kostet Zeit und Energie. Meine GE, besonderes meine Gastmutter hatte keinerlei Interesse an einer GastTOCHTER. Sie hatte nicht einmal das Konzept verstanden. Die Beiden hatten seit ihrer Hochzeit immer irgend jemanden bei ihnen leben, aber das waren Mitbewohner, zu denen man freundlich war, und keine neue Familie oder so ein Quatsch. Sich von mir "mor" nennen zu lassen war echt das Letzte, was sie vorstellen konnte. Sie hatte 15 Jahre nach dem ATJ angefangen, mich und meine Kinder in eine andere Kategorie als die anderen Mitbewohner zu packen. Und erst Stunden vor ihrem Tod fast 20 Jahre nach der Einwilligung zu der Aufnahme von mir sagte sie meiner Gastschwester, sie sei froh, dass sie 3 Toechter (ihre eigenen 2 Maedchen und mich) gehabt hat. Zwanzig Jahre!!!! Da kannst du nicht erwarten, dass jemand gleich nach 2 Monaten die Adoptionspapiere fuer dich unterschreiben will.

Entschliesse dich, die Familie liebzugewinnen. (Ich war mir am Anfang bei meiner Gastmutter nicht wirklich sicher, ob ich sie moegen koenne. Aber ich wollte es unbedingt.) Verbringe Zeit mit ihnen, mache Kleinigkeiten fuer sie wie mal den Abwasch oder ohne es gesagt zu bekommen die Waesche zu falten. Wenn Aktionen sind, selbst nur fuer die kleine Gasttochter, dann frage aktiv, ob du auch mitmachen oder zum Zusehen hingehen kannst. Rede mit, wenn Familiengespraeche gefuehrt werden. Zeige Interesse am Leben der GF. Wenn du daran arbeitest, dann wirst du auch langsam, aber sicher einen anderen Status im Leben der Familie haben. Ich hatte auch nach ein paar sehr unschoenen oder nur maessigschoenen Erlebnissen nicht mehr wirklich das Interesse, einen ATS bei uns als Familie zu sehen. Dafuer bin ich einfach zu oft verletzt worden. Aber die Franzoesin letztes Jahr tat alles, um ein Teil von unserem Leben zu werden. Auch von meinem. Und so wurde auch sie wieder Gasttochter trotz anderer urspruenglicher Planung.

Oder, dass sie mich an Ostern nicht mal aufgeweckt haben, um Ostereier zu suchen und zur Kirche zugehen. Ich wäre ja auch extra früh aufgestanden, aber mir wurde ja nicht mal gesagt, dass die Ostereier in der früh gesucht werden.

Wieso hast du erwartet, dass du geweckt wirst. Du wusstest doch, dass Ostern ist. Es waere ein guter Grund fuer ein Gespraech gewesen, nach Plaenen fuer diesen Tag zu fragen und vielleicht ja auch selber Eier als Ueberraschung fuer die Familie zu verstecken. Eigeninitiative heisst das Zauberwort.

Versuche doch mal, deine Denkweise von "was sie fuer mich machen" auf "was ich fuer sie machen kann" zu aendern. Und dann wird sich sicherlich auch vieles aendern.

Liebe Gruesse

Higanbana

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Re: Sich im Auslandsjahr unwohl fühlen

Beitragvon Orava » 13.07.2018, 12:28

Mein ATJ ist 12 Jahre her, und nach all dieser Zeit schäme ich mich noch unglaublich für eine Sache:

An Muttertag haben alle meine Geschwister für meine Gastmutter morgens am Bett ein Lied gesungen. Und ich war so müde und es war echt früh, und ich bin einfach im Bett geblieben.

ich werde mich wahrscheinlich für immer dafür schämen :(

Eigeninitiative ist so, so wichtig!
bang, bang, Kris Letang


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