Anredeformen Englisch-Deutsch

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delver
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Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon delver » 01.07.2014, 23:50

Hallo an alle,

nach der Lektüre einiger Berichte über Erfahrungen mit ATS in D ist mir etwas durch den Kopf gegangen, das ich mal so als Anregung zur Diskussion stellen möchte. Vorweg gesagt: ich bin kein Gastvater einer/eines ATS, sondern war nur selbst vor im ATJ, obwohl ich dies in meiner Altersgruppe theoretisch schon mehrfach hätte sein können. Bei Lesen mancher Beiträge habe ich mich fast wieder als ATS gefühlt...

Oft habe ich von Problemen gelesen, die mit "Abkapselung" und "innerem Rückzug" der/des ATS vor der GF zu tun hatten, die sich mit viel Vorfreude und materiellem Aufwand auf ihren Gast gefreut hatte, um ihr/ihm das Jahr so schön wie möglich zu gestalten. Manchmal hatte ich bei den Berichten das Gefühl, dass sie ATS sich vielleicht nonverbal unter Druck gesetzt gefühlt haben könnten, da ihnen eine intensive "deutsche" Zuwendung bislang fremd war.

Im Falle von ATS aus englischsprachigen Ländern gibt es eine Kleinigkeit, über die man sich vielleicht nicht so viele Gedanken macht. Das Englische kennt nur eine einzige Anredeform ("you"), die eigentlich nur "Sie" bedeutet. Ein "Du" gab es mal im Englischen, ist aber schon seit Jahrhunderten aus der Sprache verschwunden. Streng genommen "siezen" sich ausnahmslos alle englischen Muttersprachler; die Unterscheidung zwischen "sehr förmlich", "förmlich" und "familiär" wird auf andere Weise vorgenommen (entweder durch die vorausgehende oder angehängte Anrede "Sir" oder durch "Mr. (Nachname)" sowie durch den Tonfall, wobei die weit verbreitete Anrede nur mit dem Vornamen nicht zwangsläufig bedeutet, dass das "you" dann in irgendeiner Weise mit dem deutsche "Du" zu vergleichen wäre).

Angenommen, ihr redet eure/n frisch angekommene/n ATS erst einmal mit "Sie (Vorname)" an. Könnte das vielleicht dabei helfen, zunächst den gewohnten sprachlichen Abstand einzuhalten, damit sich die/der ATS nicht gleich zu sehr persönlich vereinnahmt fühlt? Jeder Deutsch Lernende muss am Anfang etwas für sie/ihn oft völlig Neues begreifen: im deutschen Sprachraum wird das familiäre "Du" gegenüber Älteren (Erwachsenen) regelmäßig erst verwendet, wenn man sich besser kennt bzw. es einem angeboten wird. Siezen euch die ATS, oder duzen sie euch gleich von Anfang an? Wäre es vielleicht besser, wenn die/der ATS sich erst einmal an die beiderseits "förmlichen" Anreden gegenüber den Gasteltern gewöhnt, die sie/er ja zumeist aus dem Deutschunterricht kennt, auch wenn sie/er selbstverständlich Teil der Familie ist? Ich denke, dass ein deutscher ATS zB in den USA- bei aller Lockerheit und Offenheit - zunächst (oder vielleicht auch auf Dauer) von den Gasteltern förmlich angesprochen, also "gesiezt" wird, auch wenn sie/er es vielleicht nicht begreift...oder hat das Internet diese Konventionen schon längst gesprengt?

Könnt ihr mit diesen Gedanken etwas anfangen?

Sanus
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Re: Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon Sanus » 02.07.2014, 10:05

Hallo, ich stehle mir hier kurz mal Zeit um dir kurz zu antworten.
Mit deinen Gedankengängen kann ich was anfangen. Kenne das. Ob in USA oder UK oder ein englisch sprachiger Mensch hier in D , als ich noch sehr jung war, wusste ich nicht, wie freundschaftlich (kumpelhaft) ich mich geben darf, wenn die Gesprächspartner deutlich älter waren. „you“ und Vorname war verwirrend. Heute erwachsen, verlasse ich mich auf Erfahrung und mein Gefühl.

Wie mag es nun ATS gehen, wenn sie frisch hier in Deutschland ankommen und auch weiterhin? Der Gedanke ist mir nicht fremd. Manche haben auch in ihrer Sprache du und Sie. Und trotzdem kann es ihnen manchmal unangenehm sein denke ich. Vor ein paar Monaten hab ich eine ATS aus Kolumbien kennengelernt und ganz ehrlich, wir haben viel geredet alle miteinander, ich kann mich nicht mehr dran erinnern, ob sie bewusst „du“ zu mir sagte. Man kann ja auch drumherum reden. Wie sie das Siezen/Duzen hier erlebt hat, hab ich bisher vergessen zu fragen. Auch die Gasteltern wollte ich schon längst mal drauf ansprechen.

Als Gastfamilie (bisher nicht gemacht) würden wir das sicher gleich am Anfang ansprechen und nach und nach besprechen, wie wir das hier in D so machen.
Ich erinnere mich, wie ich Freunde aus verschiedenen Ländern mit nach Hause zu meinen Eltern brachte. Die hatten dann ein paar deutsche Worte gestammelt und meine Eltern geduzt, was auch sonst, wenn man nie vorher deutsch gelernt hatte. Doch das war anders. Unter Freunden eben. ATS machen sich selbstverständlich ganz andere Gedanken schon im vorraus.

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Re: Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon Monx » 02.07.2014, 10:12

delver hat geschrieben:
Könnt ihr mit diesen Gedanken etwas anfangen?


Ich verstehe natürlich den Gedanken dahinter, bin aber überhaupt nicht deiner Ansicht.
In Deutschland werden Eltern nicht mehr gesiezt und auch allgemein habe ich das Gefühl, dass immer weniger Leute noch gesiezt werden. Mir fällt es z.B schwer Eltern von Freunden zu duzen, weil ich anders erzogen wurde.
Ein ATS soll dich dann also siezen/gesiezt werden, merkt aber gleichzeitig, dass seine Gastgeschwister dich duzen/geduzt werden. Für mich würde das direkt zu einem Gefühl der Ausgrenzung führen. Zudem wird der ATS nachfragen, wen man siezt und wen man duzt. Was willst du ihm dann sagen? Freunde und Familie werden geduzt, nur in deinem Fall siezt du uns und wir dich?
Das finde ich nicht richtig. Zudem glaube ich führt das zu sprachlichen Problemen. Am Anfang ist es für den ATS doch am Besten in so einfachen Sätzen wie möglich zu sprechen, damit er schnell die Sprache lernt. Wenn es aber schon innerhalb der Familie zu siezen und duzen kommt, ist das kontraproduktiv. Außerdem würde ich meinen, dass am Anfang die du-Form wichtiger für den ATS wäre, um sich mit Freunden etc. zu unterhalten. Die Sie-Form wird er dann noch schnell genug lernen (oder kann sie eventuell schon).
Aber ich sehe es auch insgesamt vielleicht ein bisschen anders. Ein ATJ stellt für mich eine große Veränderung dar. Und dazu gehören auch sprachliche und kulturelle Veränderungen. Jedes Land hat seine Eigenheiten und daran muss sich ein ATS einfach gewöhnen. Ich war z.B. in Südamerika, wo jeder geduzt wird (Erklärung von meiner Gastschwester, als ich nach dem Siezen gefragt habe: "Siezen kannst du die Queen."). Das war für mich auch eine Umstellung. Lehrer, Kassierer, fremde Leute auf der Straße...alle wurden geduzt. Aber man passt sich eben an.
Dass sich ein ATS nur wegen dem Duzen zurückzieht glaube ich einfach nicht. Ich denke nicht mal, dass sich die Du-Form irgendwie auf den ATS auswirkt. Das sind viel mehr einfach alle Umstellungen zusammen (Fremde Sprache, fremde Leute, fremde Kultur,...).

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Re: Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon Sanus » 02.07.2014, 10:36

Monx, ich verstehe das eher als frage von delver, ob man evtl den Neuankömmling siezen sollte.
Ich persönlich hab auch keine Probleme damit, wie ich angesprochen werden, wenn es denn freundlich und resprektvoll ist. Nun benehmen sich viele Deutsche leider nicht immer freundlich und respektvoll und ein ATS = Ausländer kann da ins Fettnäpfchen treten (ich erlebe es nicht, dass hier das Siezen überholt ist) und Unfreundlichkeit ernten. All sowas gehört allerdings zum ATJ. Das stimmt.
Gibt es in Deutschland oft Gastfamilien mit mehreren ATS? Wer würde dann schon dem Neuankömmling verwehren "du" zu sagen während die anderen es dürfen? Das war wohl nicht Delvers Idee, schätze ich mal.
Ansonsten danke für deine Sicht und Erfahrungen :D

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Re: Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon Monx » 02.07.2014, 12:24

Sanus hat geschrieben:
Gibt es in Deutschland oft Gastfamilien mit mehreren ATS? Wer würde dann schon dem Neuankömmling verwehren "du" zu sagen während die anderen es dürfen? Das war wohl nicht Delvers Idee, schätze ich mal.
Ansonsten danke für deine Sicht und Erfahrungen :D

Als Gastgeschwister habe ich an die eigenen Kinder gedacht. Nicht an andere ATS. Man duzt ja seine eigenen Kinder und die eigenen Kinder duzen einen ja auch. Wenn man dann als ATS in die Familie kommt und gesiezt wird fühlt man sich ausgeschlossen (so würde es zumindest mir ergehen).

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Re: Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon delver » 02.07.2014, 18:23

Monx hat geschrieben:Ich verstehe natürlich den Gedanken dahinter, bin aber überhaupt nicht deiner Ansicht.


Welche Ansicht meinst du? Ich habe nur eine Frage aufgeworfen.

Monx hat geschrieben:Ich war z.B. in Südamerika, wo jeder geduzt wird


Wenn du in Uruguay warst, müsstest du doch die meisten Leute mit "Ihr" (vós) angesprochen haben, das ja noch förmlicher ist als "Sie" (usted)... :wink: ich weiß natürlich, das der voseo rioplatense eine eigene Anredeform ist, die dem angelsächsischen "you" nicht ganz unähnlich ist. Ob man das "vós" so direkt mit dem deutschen "du" gleichsetzen kann, wage ich aber zu bezweifeln. Zumal auch in Uruguay meines Wissens nach weder "tú" (du) noch "usted" (Sie) abgeschafft wurden.

Monx hat geschrieben:(Erklärung von meiner Gastschwester, als ich nach dem Siezen gefragt habe: "Siezen kannst du die Queen.").


Meinte sie die Schönheitskönigin von Uruguay? :wink:

Du betrachtest des Ganze vom deutschen Standpunkt aus. Ich habe versucht, die Anrede aus Sicht zB eines Amerikaners darzustellen, der diese Unterschiede im Deutschunterricht in den USA kennen lernt und sich ja vielleicht durch zu viel "du-Nähe" am Anfang verwirrt und überfordert fühlen könnte. Wie gesagt, im Englischen gibt es nur die eine Form, und die bedeutet eigentlich "Sie". Und ich glaube auch, dass in vielen Gegenden, in denen ATS in Deutschland landen, noch immer scharf zwischen "duzen" und "siezen" unterschieden wird.

Duzen ATS ihre Gasteltern unaufgefordert gleich von Anfang an?

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Re: Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon Monx » 02.07.2014, 18:51

delver hat geschrieben:
Monx hat geschrieben:Ich verstehe natürlich den Gedanken dahinter, bin aber überhaupt nicht deiner Ansicht.


Welche Ansicht meinst du? Ich habe nur eine Frage aufgeworfen.

Ich hatte es so aufgefasst, dass du die Meinung vertrittst, dass es besser wäre die ATS zu siezen.

Wenn du in Uruguay warst, müsstest du doch die meisten Leute mit "Ihr" (vós) angesprochen haben, das ja noch förmlicher ist als "Sie" (usted)... :wink:

Vos ist auf keinen Fall förmlicher als usted. Vos entspricht in Uruguay dem deutschen du. Usted dagegen ist eben sehr sehr höflich und wird "für die queen" verwendet. (Sie meinte damit wirklich die britische queen, natürlich nur scherzhaft. Einfach um darzulegen, dass es quasi niemanden gibt, den ich mit usted ansprechen müsste.)

Du betrachtest des Ganze vom deutschen Standpunkt aus. Ich habe versucht, die Anrede aus Sicht zB eines Amerikaners darzustellen, der diese Unterschiede im Deutschunterricht in den USA kennen lernt und sich ja vielleicht durch zu viel "du-Nähe" am Anfang verwirrt und überfordert fühlen könnte. Wie gesagt, im Englischen gibt es nur die eine Form, und die bedeutet eigentlich "Sie". Und ich glaube auch, dass in vielen Gegenden, in denen ATS in Deutschland landen, noch immer scharf zwischen "duzen" und "siezen" unterschieden wird.


Ich glaube einfach, dass sich ein ATS viel verwirrter fühlt, wenn er als einziger in der Familie gesiezt wird. Veränderungen gehören im ATJ nun mal einfach dazu und ich denke, dass das "du" bzw. "sie" eines der kleinsten Probleme ist. Wenn der ATS schon akzeptabel/gut deutsch kann, dann kann man ihm das am Anfang direkt erklären, wie das in Deutschland mit dem Duzen und Siezen ist und ihm einfach sagen wen er zu siezen hat (Lehrer, fremde Personen,...). Und wenn der ATS noch kein deutsch kann, wird ihm das am Anfang nicht mal auffallen mit dem Du und Sie. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein ATS sich zurückzieht und Probleme bekommt, weil er mit dem "du" überfordert ist.

Duzen ATS ihre Gasteltern unaufgefordert gleich von Anfang an?

Ob das alle machen weiß ich nicht, aber von mir aus und den ATS, die bei uns waren, kann ich nur sagen: JA. Und das ist doch auch richtig so, schließlich sollen sie ja als Kind aufgenommen werden.

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Re: Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon Sanus » 02.07.2014, 21:09

Gut erklärt, Monx. Ich stimme Dir zu. Die förmliche Anrede wird bei Problemen kaum helfen. Auch nicht den asiatischen ATS, an die ich in erster Linie dachte, weil Konventionen eine ganz andere Bedeutung haben für sie.

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Re: Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon delver » 02.07.2014, 23:27

Ich stimme ja auch zu, dass "duzen" oder "siezen" kaum ursächlich werden kann für irgendwelche Probleme.

Sanus hat geschrieben:Als Gastfamilie (bisher nicht gemacht) würden wir das sicher gleich am Anfang ansprechen und nach und nach besprechen, wie wir das hier in D so machen.


Das sehe ich genau so. Und fragen, welche Anrede die/der ATS selbst bevorzugt. Damit wird niemand ausgegrenzt, sondern Klarheit geschaffen hinsichtlich der Anredeformen. Ich glaube schon, dass das bei später auftretenden Problemen helfen kann (von wegen Grenzen setzen und auch mal ein bisschen förmlicher miteinander reden können, damit nicht alles gleich zum großen Tränendrama oder zu unterdrückter Wut ausartet).

Ich persönlich hätte mir einmal bei einer alles und jeden duzenden, dennoch hyperdominanten amerikanischen Dozentin hier in D gewünscht, wenn beiderseits wieder auf das "Sie" zurückgegriffen worden wäre. Ist natürlich aber auch was ganz anderes als bei einer Gastfamile auf Zeit, bei der man lebt.

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Re: Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon Monx » 03.07.2014, 11:13

delver hat geschrieben:
Ich persönlich hätte mir einmal bei einer alles und jeden duzenden, dennoch hyperdominanten amerikanischen Dozentin hier in D gewünscht, wenn beiderseits wieder auf das "Sie" zurückgegriffen worden wäre. Ist natürlich aber auch was ganz anderes als bei einer Gastfamile auf Zeit, bei der man lebt.


Das ist eben so die Sache. Bei Lehrern habe ich hier in D teilweise auch auf ein "Sie" bestanden.
Aber bei einer Gastfamilie will man ja genau dazugehören, man will sich ja als Teil der Familie fühlen und die Nähe haben. Und das klappt meiner Meinung nach nicht über ein "Sie". Auch nicht für einen amerikanischen ATS, der nur ein "Sie" kennt. Denn spätestens in Deutschland wird er ein "Du" kennenlernen und sich dann nicht als Familienmitglied fühlen.
Aber natürlich kannst du es ihm am Anfang auch freistellen. Ich finde es eh sehr gut, dem ATS so viel Entscheidungsfreiheit wie möglich zu lassen.
(Vllt ein Beispiel, auch wenn nicht zu 100% vergleichbar: In Uruguay war es üblich sich mit einem Küsschen zu begrüßen. Nur Familienmitglieder haben sich mit zwei Küsschen begrüßt. Eigentlich haben mich von Anfang an alle Tanten und Onkel (meine Gasteltern hatten viele Geschwister!) auch immer mit zwei Küsschen begrüßt. Nur eben eine Tante mit ihrer Familie nie. Noch bis zum Schluss des ATJ habe ich mich nie ganz wohl gefühlt, wenn diese Familie zu Besuch kam, weil ich einfach wusste, dass sie mich nicht wirklich als Teil der Familie sehen. Und das fiel auch meinen Gastschwestern und Gasteltern auf, die selbst meinten, sie würden nicht verstehen warum besagte Tante so was macht. In Deutschland würde man jetzt vielleicht denken, dass das doch egal ist, wenn irgendeine Tante einen nicht mag, aber in Südamerika wird Familie eben sehr groß geschrieben und ich war auch immer mal über Nacht bei einer Tante und sie haben mich auch alle immer als Nichte bezeichnet. Da fand ich es einfach traurig bis zum Schluss bei jeder Begrüßung immer zu merken: "Für die bist du nur ein Gast." Ich denke das ist in etwa vergleichbar mit dem Siezen.)

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Re: Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon SarahS » 08.07.2014, 23:40

Delver, ich denke, deine Theorie scheitert daran, dass du dich so daran aufhängst, dass "you" früher mal "Sie" war (was übrigens rein auf französischen Einfluss zurückzuführen ist und ein vorübergehendes Phänomen war). Die Anrede "you" ist unmarkiert, sie bedeutet einfach nur "Person(en), die ich direkt anspreche und die ein Gegenüber für mich darstellen". Die Markierung Nähe-Distanz erfolgt über andere Mittel, die du ja auch schon genannt hast.
Ein "Sie" ist dagegen ganz eindeutig markiert, es schafft nämlich eine sehr krasse Distanz. Auch im Deutschen ist ja ein Du nicht gleich einem Du. Nicht mit jedem, den wir duzen, kommunizieren wir auf einer sehr persönlichen Ebene.

Außerdem find ich es lustig, dass du denkst, das "vos" (was ja mal Ihr, also ein veraltetes Sie war), irgendwie höflicher ist als usted, was sich aus "vuestra merced" (Euer Gnaden) entwickelt hat ;).
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Re: Anredeformen Englisch-Deutsch

Beitragvon Higanbana » 31.08.2014, 03:13

Ha, in Japan haben wir ein aehnliches Problem. Wenn es jetzt nicht gerade Freunde oder Familienangehoerige sind, verwendet man die einfache hoefliche Form, die auch fuer Anfaenger im Japanischen um Welten leichter zu bilden ist wie die Sie-Form fuer Deutschanfaenger. Daher hatte eine GF auch die Org.leiterin und mich gefragt, ob sie mit der ATS aus Verstaendnisgruenden nicht so reden sollte, damit den ATS ausserhalb der Familie keine Faux-pas passieren. Allerdings wuerde dadurch auch die ganze Unterhaltung etwas ... ehm ... sagen wir man ... anders werden, weil man eben in der Kernfamilie des 21. Jh. nur die hoeflichkeitsneutrale Form benutzt. Daraufhin meinte aber auch die japanische Leiterin, dass das unnoetig waere. Und ich konnte ihr aus Erfahrungsgruenden auch nur zustimmen. Deswegen wuerde ich ATS in Deutschland auch immer mit Du anreden, auch wenn man ja mal, wenn es aus Uebungsgruenden notwendig sein sollte, mal Abende mit Sie einlegen kann, damit man Uebungsmoeglichkeiten hat. Ich habe das manchmal mit Freunden so gemacht, damit ich eine Moeglichkeit habe, neben der bekannten einfachen Hoeflichkeitsform auch die hoeflichkeitsneutrale und die superhoefliche Form zu ueben.

*und wieder raushuepf*

LG

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