Live aus JAPAN

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Dana
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Beitragvon Dana » 12.04.2004, 15:13

noch zum Dienstag, 6. April 2004

Zum Abendbrot gab es Qualle. Es kaut sich wie Gummi und schmeckt ganz komisch!

Mittwoch, 7. April 2004

Ich konnte die ganze Nacht kaum schlafen und hatte morgens Fieber. Meine Gastmutter meinte daraufhin, dass ich erst einmal zur Schule gehen soll (erster Schultag!!!) und sie mit mir danach ins Krankenhaus fährt. Da fühlt man sich gleich noch viel elender, wenn man die ganzen alten Leute um sich herum zu sitzen hat und diese auch noch am Tropf hängen. Okaasan neigt zu leichten Übertreibungen und macht sich ständig Sorgen, ob es mir gut geht. Ich muss hier auch fünf Mal am Tag mein Fieber messen...

Na jedenfalls bin ich zur Schule gegangen und alle Schülerinnen haben eine kleine Blume mitgebracht, die dann in einen großen Topf gesteckt wurden. Den tieferen Sinn dieser Handlung habe ich aber leider nicht mitbekommen!

Danach wurde ich zu meiner Klasse gebracht und mir wurde ein Tisch zugewiesen. Hier sind die Tische kleiner als in Deutschland, so dass pro Bank nur ein Schüler Platz hat. Ich sitze ganz hinten am Fenster und bin die 36ste Schülerin in der Klasse. Als ich schließlich saß, durfte ich auch schon wieder aufstehen und mit kratziger Stimme erzahlen, wer ich bin und was ich mag. Aber es sollte noch schlimmer kommen...

Nachdem wir den Stundenplan und noch andere Blätter mit komischen Kanji bekommen hatten, versammelten sich alle in der Aula. Das war eine Aktion, bis endlich alle dort saßen, wo sie sitzen sollten! Wir sangen buddhistische Lieder aus einem Buch und beteten zusammen. Ich verstand natürlich kein Wort und so schnell kann ich Japanisch auch nicht lesen, als dass ich hätte mitsingen können. Ich war außerdem damit beschäftigt, die Regeln herauszufinden und mich einigermaßen richtig zu verhalten. Danach wurden die neuen Lehrer vom Direktor vorgestellt und ich musste wieder in meinem fürchterlichen Japanisch ( ich bin definitiv zu höflich mit meinen gelernten mas-Formen) vor Hunderten von Schülern mit belegter Stimme von mir berichten! Peinlich! Die Schule war dann aber relativ schnell vorbei und morgen ist ein freier Tag! *freu*

Eingestuft bin ich in die 2. Klasse der Oberstufe. Ayumi geht in meine Parallelklasse.

Irgendwie habe ich die Geschenkübergabe an Chihiro nicht so richtig mitbekommen. Und so ein bisschen hab ich mit meiner Krankheit ihren Geburtstag wohl auch durcheinander gebracht. Von mir gab es für sie eine kleine Silberkette mit ihrem Sternzeichen als Anhänger, die sie nun auch trägt. Und mein Gastvater hat sich über eine Krawattennadel der Berliner Polizei und ein Holzpuzzle (Euro-Zeichen) sehr gefreut.

Vorhin haben wir Sushi gegessen! Oishikatta! Außerdem hatte Ayumi eine Torte zu Chihiros Geburtstag gekauft, die aber während des Transportes umgekippt war und so zu unserer Belustigung beitrug.

Zum Glück habe ich mir Tempo-Taschentücher *Schleichwerbung* aus Deutschland mitgebracht! Die japanischen Papiertschentücher sind so dünn, dass man sie eher zum Reinigen einer Kameraoptik benutzen kann! Durchschnupfsicher sind sie aber nicht! Hier darf man sich in der Öffentlichkeit die Nase aber sowieso nicht putzen, weil die Japaner das ekelig finden. Hochziehen ist angesagt. Es ist so grausam, wenn einem die Nase nun einmal läuft.

Gestern und heute waren übrigens wieder kleine Erdbeben. Die merke ich aber anscheinend immer nur, wenn ich im Bett liege.

Donnerstag, 8. April 2004

Die Medizin scheint zu helfen! Mir geht es besser und ich habe kein Fieber mehr. Nur Schnupfen! Und keine Nasentropfen. Dafür aber Tempos (^-^)! Ich muss aber zweimal am Tag so ein kleines weißes Pulver mit Wasser runterspülen. Hmm?

Hab die meiste Zeit im Bett verbracht und die Ruhe um mich herum genossen, Musik gehört und (ich gebe es ja zu) Gameboy gespielt!

Ich schaffe es einfach nicht die Fotos auf den Computer zu bekommen! Meine Gastmutter hat schon die Hotline angerufen und die haben mir eine CD-Rom geschickt, die aber auch nicht weiter hilft! Der Computer hat von selber mitbekommen, dass es sich um eine Minolta handelt. Er erkennt den Chip aber nicht als eine kleine Festplatte an und somit weiß ich überhaupt nicht, wie ich an die Bilder herankommen soll? Ich kann sie nicht importieren! Keiner weiß hier einen Rat! Muss ich wohl doch in der Schule versuchen!?

Freitag, 9. April 2004

Heute mal wieder Schule! Aber noch kein richtiger Unterricht. Der geht erst morgen richtig los (*heul* Schule am Samstag). Dafür wurden Fotos von der Klasse gemacht und wir hatten Klassenleiterstunden. Das gemeinsame Putzen ist heute auch ausgefallen, weil alles irgendwie noch sauber war!

Dafür versuchten viele Mitschülerinnen ihr Englisch an mir auszuprobieren und stellten mir die beliebten Standartfragen, ob ich Geschwister und Haustiere habe, was ich am liebsten esse und welchen Beruf ich gerne ausüben möchte... Auf jeden Fall sind sie die ganze Pause damit beschäftigt rumzualbern und zu kreischen. Ich stehe dann mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht daneben und denke mir meinen Teil... In den Pausen ist es also richtig laut und alle sind ganz ausgelassen. Ich habe auch noch nicht bemerkt, dass es Außenseiter oder Klassenanführer gibt und an der Schule nehmen auch leicht behinderte Mädchen ganz selbstverständlich am Unterricht teil. So einen Zusammenhalt würde man sich in einer deutschen Klasse mal wünschen!
Warnung: Japan macht süchtig.

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Live aus Japan

Beitragvon Dana » 15.04.2004, 19:00

Samstag, 10. April 2004

Es ist zum Heulen!!! Am Samstag bis mittags in die Schule zu müssen!

Erste Stunde Buddhismusunterricht. Der Lehrer ist Anfang 50 und hat dunkelgraue Haare, einen hellgrauen Bart. Er sah eigentlich ganz freundlich aus und dann hampelt er vorne rum und spielte den Entertainer. Ich habe ihn aber gerade deswegen überhaupt nicht verstanden, weil er ganz aufgeregt war und immer schneller wurde... Aber schon ein bisschen verrückt.

Das mit dem Singen der Lieder und dem schnellen Greifen der Gebetskette habe ich mittlerweile auch raus, auch, wenn ich nur eine beliebige Seite aufschlage und so tue, als würde ich mitlesen. In Wirklichkeit geht das natürlich nicht so schnell. Ich achte lieber auf die Musik als auf den Text. Die Schulhymne wird zwar jeden Tag mehrmals über ein Lautsprechersystem gespielt, nur einfach nicht beachtet...

Danach Chemie, aber wir haben nichts gelernt und die Lehrerin ließ Blätter mit Fragen über unsere Hobbys ausfüllen...

In den letzten beiden Stunden war Hauswirtschaftslehre angesagt. Zuerst durften wir das Geschirr in der Schülerküche abwaschen. Wir wurden in Gruppen eingeteilt und bekamen zu fünft einen Herd mit Spüle zugewiesen. Als wir dann fertig waren, sollten wir für das Gericht, das wir nächste Woche kochen, herausfinden, wie viel Fett und Vitamine jede einzelne Zutat hat. Dazu erhielten wir ein Lehrbuch, das nur aus solchen Angaben besteht. Das ist komisch und ich habe auch null Lust, das für einen Test alles auswendig zu lernen... Die Lehrerin diktierte die Zutaten und dazugehörigen Zahlen und guckte mich schief an, als ich nicht mitkam. So ein Drachen, aber sie passt schon zu dem Fach. Ich durfte mit meinem kleinen Tisch zu meiner Nachbarin rutschen. Die hatte aber alles unordentlich in Kanjis geschrieben und ich konnte nichts zuordnen. Da habe ich die bösen Blicke ertragen und lieber ein bisschen Japanisch gelernt. Die soll sich nicht so haben.

Zum Schluss noch das gemeinsame Putzen und ab nach Hause. Und nach dem Essen erst einmal einen dreistündigen Mittagsschlaf. Uffff.

Sonntag, 11. April 2004

Ich bin morgens früh aufgestanden und habe für meine Gastschwestern die Ostersachen versteckt. Es ist irgendwie komisch, das selber zu machen und mal nicht zu suchen! Es war auch relativ schwer hier etwas wieder zu finden, weil es Sasakis nicht so sehr mit der Ordnung haben. Dann wollte ich die Eier kochen, aber es gab keinen Eierpiekser. (Oder wie man den nennt - ich meine damit das kleine Ding, mit dem Hausfrau/mann die Frühstückseier vor dem Kochen anpiekst.) Aber Not macht erfinderisch und ich fragte okasan nach einer Nadel, die aber beim Benutzen lieber verbiegen wollte, als ein Loch in die Schale zu machen... Okasan hat ganz verdutzt geguckt, als ich die ganzen Eier in das kochende Wasser legen wollte. Das ist hier wohl nicht üblich!? Zwei hatten am Ende einen Riss und als ich sie mit Osterhasenabziehbildern bekleben wollte, habe ich mir nicht nur die Finger verbrannt, sondern es ist ein Ei ganz aufgeplatzt. Mist.

Das Oster-Päckchen, das meine Mutter mir aus Deutschland schickte, enthielt u. a. auch Eierbecher. Da musste ich meiner Gastfamilie erst einmal zeigen und erklären, was das ist, wozu die da sind und dass die Eier in Deutschland mit einem Teelöffel gegessen werden. Sie haben sich vielleicht angestellt. Schon lustig, aber wer weiß, wie ich beim Essen mit Stäbchen aussehe?

Das Suchen bereitete jedenfalls viel Spaß. Ein lila Schokohase liegt noch irgendwo in der Wohnung. Alles Schauen, alles Rufen war vergebens... Der taucht ja vielleicht Weihnachten wieder auf... und wird zum Glück auch nicht so leicht schlecht!

Nachmittags durfte ich Play-Station spielen. Bei dem Tanzspiel weiß ich inzwischen auch, wann ich wo hin treten muss, damit ich von der Konsole nicht ausgebuht werde. *freu*. Auf einmal merkte ich, dass etwas Flauschiges über mein Bein krabbelte... ich schrie entsetzt und erschrocken auf. Da ist doch tatsächlich eins der durchgedrehten Streifenhörnchen ausgebüchst! Wir lockten es mit kleinen Leckerbissen in den verschlossenen (!!!) Käfig zurück und wunderten uns eine Runde, wie es da wohl herausgekommen sein mag. Ein verrücktes Zauberhörnchen... Vielleicht hat es ja den Schokohasen gefunden? ;-)

Übrigens habe ich heute in meiner Verzweiflung wegen der Probleme zwischen Computer und meinem digitalem Fotoapparat (sie reden einfach nicht miteinander) den Chip in einen Foto-Shop gebracht und mir für 525 Yen eine Foto-CD brennen lassen.

Und dann gab es noch ein längeres Ostergruß-Telefonat mit meinen Eltern und meiner Freundin Eileen.

Montag, 12. April 2004

Jetzt fing die Schule richtig an!

Zu Beginn das obligatorische Schulhymnensingen: Diesen Text, den ich nicht verstehe mit geschlossenen Augen anhören und dabei nicht einschlafen. Danach die Blätter der Homeroom-Lehrerin Susuki-sensei durch die Bankreihen reichen, bis sie hinten angekommen sind, raufgucken, merken, dass man sie eh nicht versteht...und in die Tasche stopfen.

Erste Stunde Chemie! Die Lehrerin schrieb die ersten 20 Elemente aus dem Periodensystem an die Tafel und die dazugehörigen Namen in Katakana und Kanji. Sie schwafelte etwas von einem Test, wann weiß ich aber nicht. Ich hab also alles abgeschrieben und zu Hause die Kanjis meiner Gastmutter gezeigt, damit sie sie berichtigen kann und ich die Reihenfolge der Striche kennen lerne.

Im anschließenden Sportunterricht bereiteten sich zwei Schülerinnen auf die Erwärmung vor. Die war aber so schnell, dass ich die Bewegungen erst kapierte, als sie vorne schon wieder fertig waren. Ich war alles andere als warm und gedehnt. Danach setzte ich mich wegen meiner Sportbefreiung auf einen alten Stuhl, der auf dem Sportplatz herumstand und musste feststellen, dass der Sportunterricht in Japan ähnlich grässlich dem in Deutschland ist. Höher, schneller, weiter, ohne auf die Gesundheit aufzupassen...

Dritte Stunde Weltgeschichte! Wir sollten die Welt malen. Ich wusste zum Glück noch, wo welche Kontinente liegen und wie sie in etwa aussehen, aber der Lehrer wollte es wohl genauer. Es war sehr lustig zu sehen, dass meine Mitschüler Japan in die Mitte zeichneten und alles Andere drum herum. Logisch, Japan als Mittelpunkt...

Danach Gesundheitslehre. Die Lehrerin teilte Blätter mit Skizzen der männlichen und weiblichen Geschlechtorgane aus. Soll ich die einzelnen Teile jetzt mit Kanji beschriften???

Da hab ich mich richtig auf die Mathestunde gefreut! Ich dachte vielleicht dort etwas zu verstehen. In dem Klassenraum saßen 55 Schülerinnen. Der Lehrer stand vorne an einer winzigen Tafel und erklärte die Polynomdivision mit Variablen und Rest. Die Japaner haben eine andere Schreibweise und ich wusste anfangs gar nicht, was ich davon halten sollte. Fand mich aber rein und nun hat es echt Spaß gemacht, weil es zwar sehr schwer war, aber mit ein bisschen Knobeln durchaus lösbar. Der Lehrer rechnete uns die gestellte Aufgabe vor und verrechnete sich ständig. Ein paar Schülerinnen bemerkten dies und brüllten gleich „Sensei!“ (Lehrer). Gelacht wurde aber im Gegensatz zu deutschen Klassen nicht. Das wirklich Ironische an der Situation war aber, dass der Lehrer sein Nichtkönnen mit vollem Selbstbewusstsein vorne präsentierte.

In der großen Hofpause zeigte die „Brassband“ ihr Können. Ich bin in den Innenhof gelaufen und habe ihr zugehört. Das war soooo toll. Zu Schade, dass ich kein Blasinstrument spielen kann und auch nicht die Zeit habe, das hier zu lernen! Vielleicht gibt es ja einen anderen Club, in den ich eintreten kann. Die Schule hat wirklich viel zu bieten. In den Pausen vor und nach dem Unterricht üben zum Beispiel die Tanzgruppen immer.

Dienstag, 13. April 2004

Ich hatte heute vier Stunden Mathe!!! Es reicht für diese Woche! Mit drei unterschiedlichen Lehrern und zwei Themen: imaginäre Zahlen (die ich schon im Profilkurs zu Hause nicht wirklich verstanden hatte) und Vektoren. Der Lehrer für die Vektorrechnung hat mir freundlicherweise die wichtigsten Sachen ins Englische übersetzt und so habe ich das Wesentliche verstanden. *puh*

Englisch haben wir mit Susuki-Sensei. Sie war für ein Jahr in Großbritannien und spricht somit ein verständliches Englisch. Sie ist noch sehr jung und richtig nett (oh, ein netter Lehrer!). Sie teilt Arbeitsblätter aus, die zweigeteilt sind: auf der einen Seite steht Englisch und auf der anderen die japanische Übersetzung. Für mich schreibt sie sogar die Furigana (Lesungen) über die Kanji, damit ich im Englischunterricht Japanisch lernen kann. Jetzt verstehe ich auch langsam, warum Japaner kaum Englisch sprechen! Sie lernen ganze Sätze auswendig und haben keine Vokabelliste. Wenn die Wörter dann in anderer Form erscheinen, können sie damit nichts anfangen. Danach üben sie die Aussprache, indem sie die Sätze, die von der Lehrerin vorgesprochen werden, in einem Sprechchor (falsch) wiederholen. Ich bin dadurch wenigstens gezwungen in der Schule Japanisch zu reden, weil mich sonst keiner versteht. Neuerdings rücken viele Mitschülerinnen mit deutschen Standartsätzen an und freuen sich und kichern, wenn ich das „Aufu widdasaen“ verstehe

Im Chemieunterricht habe ich wieder ein bisschen Japanisch gelernt und es danach meiner Banknachbarin gleichgetan und mich ein bisschen „erholt“. Ayumi hat es gestern geschafft 90 Minuten zu baden, so dass ich, weil ich nach ihr dran war, erst um Mitternacht im Bett war. Es tat mir also ein bisschen Schlaf ganz gut und die Lehrerin habe ich sowieso nicht verstanden. Auch wenn das ganz praktisch ist, werde ich versuchen, es nicht zu meiner Gewohnheit zu machen, weil es mir in Deutschland sonst fehlt und es dort ja so was, wie Mitarbeitszensuren gibt *grmpf*. Hier meldet sich keiner, also gibt es auch keine Bewertung der Mitarbeit. Klingt zwar komisch, iss aba so.

Nach der Schule redete ich mit Susuki-sensei über die Schwierigkeit mancher Unterrichtsfächer und sie fing an die Hälfte davon herauszustreichen, so a la „Zauber und weg“. Da wird sich aber noch einiges ändern und vielleicht werden Stunden, wie Altjapanisch und Geschichte durch andere ersetzt. Aber ich kann ja noch auf ein paar Freistunden hoffen. Susuki-sensei würde meine Faulheit wahrscheinlich unterstützen, aber erstens würde Abe-sensei, die für Austauschschüler zuständig ist, das nicht durchgehen lassen und zweitens hätte ich wohl ein schlechtes Gewissen, weil die anderen in der Klasse so viel lernen müssen... Das entscheidet sich also alles später.

Ich erzählte Susuki-sensei, dass ich gerne mindestens zweimal pro Woche eine Stunde Klavier üben möchte und fragte, ob sich das in Freistunden einrichten ließe. Sie brachte mich gleich zum Chor, damit ich ihn mir angucken konnte. Da kamen alle interessiert auf mich zu und stellten sich vor. Der Chor besteht aus 20 Sängerinnen. Sie singen gerade eine langweilige, aber anspruchsvolle Version von „Halleluja“ und ein japanisches Lied, das ich nicht kenne. Es war zum Lachen „Halleluja“ mit japanischer Aussprache zu hören!!! In einer Pause fragten sie mich, was sie eigentlich singen und waren ganz erstaunt, weil sie es für ein Trauerlied gehalten hatten! Morgen werde ich etwas vorspielen müssen. Mitsingen konnte ich heute nicht, weil ich immer noch erkältet bin. Der Chor singt übrigens a capella, was für mich etwas gewöhnungsbedürfig ist. Außerdem sind natürlich keine Tenöre und Bässe dabei. Und ein Chor ohne Bässe klingt, wie eine Currywurst ohne Soße schmeckt. Fade und langweilig. Aber ich werde wahrscheinlich trotzdem für das Jahr mitsingen. Auch wenn es etwas unmotiviert klang, sie singen wirklich gut und sauber und ich werde noch einiges lernen können. Proben sind dienstags, mittwochs und freitags für jeweils zwei Stunden. Ich habe aber nichts Besseres zu tun, also werde ich meine bereits erwähnte Faulheit etwas besiegen und etwas für meine Stimmbildung tun.

Mittwoch, 14. April 2004

Ich bin heute schon relativ früh aufgestanden, um zeitig mit Ayumi in die Schule zu fahren. Wir waren eingeteilt, uns an die Ausgänge zu stellen und die ankommenden Schülerinnen und Lehrer zu begrüßen. Wir haben es aber nicht auf die Reihe bekommen das „ohayogozaimasu“ gleichzeitig zu sagen. So grüßten wir wild durch die Gegend und das a im „masu“ zogen wir gaaaanz lang, damit wir wenigstens gleichzeitig aufhörten. Danach machten wir uns über uns selber lustig, auch wenn die langweilige Lehrerin, die ich im Hauswirtschaftsunterricht habe und die uns beaufsichtigen wollte, das gar nicht lustig fand und ihren Job wie gewohnt sehr ernst nahm.

Es war auch interessant zu sehen, wie die Leute, die gegrüßt wurden, darauf reagierten. Manche gingen mit gesenktem Kopf weiter und manche grüßten zurück.

Ansonsten hab ich heute im Japanischunterricht nix verstanden und das Lehrbuch besteht auch nur aus Hyroglyphen. Ich weiß auch nicht, wer unter den Lehrern das Gerücht verbreitet hat, dass ich gut Japanisch verstehen würde, aber die Lehrer reden in gewohnter Geschwindigkeit auf mich ein und wundern sich, dass ich sie nicht oder nur teilweise verstehe. Die Lehrerin wollte, dass ich so komische Kanjis von der Tafel abschreibe. Das hab ich dann auch gemacht, aber den Sinn nicht so ganz verstanden. Wenn ich wenigstens die Strichreihenfolge gewusst hätte, wäre es eine gute Übung gewesen, aber so... Aber besser als zu schlafen.

In den Pausen verteilte ich ein paar deutsche Süßigkeiten. Alle haben sich gefreut, aber ein paar wurden ganz hysterisch! Süßigkeiten sind wohl in der Schule verboten. Ich sollte aufpassen, dass die Lehrer das nicht mitbekommen. Die sind aber eh nur im Unterricht in unserem Klassenraum. Also, was soll’s?

Ich bekomme sowieso die Verbote irgendwie immer erst mit, wenn es zu spät ist. Ich hab letztens in der Schuluniform ein paar Purikura-Bilder gemacht. Ayumi meinte, dass das nicht erlaubt ist. Aber das kann ich doch nicht ahnen, wenn ein paar Mitschülerinnen mit mir nach der Schule noch schnell ein paar Bilder mit mir machen wollen... Können sie mir so etwas nicht vorher sagen?

In der letzten Unterrichtsstunde hatten wir Teilungsunterricht und ich habe lieber Bio als Altjapanisch gewählt. Die Lehrerin ist total lustig und ich sitze nach ihrem Plan ganz vorne. Sie versuchte, mir die Fremdwörter mit einem Translator ins Englische zu übersetzen. Hättet ihr gewusst, was ein Bailus ist? Sie schrieb es nach viel Verwirrung letztendlich an die Tafel: Virus. Ah! Alle lachten nur noch und wir haben in der Doppelstunde kaum etwas geschafft, weil wir an jedem zweiten Wort hängen geblieben sind. Der Lehrerin hat es aber sichtlich gefreut, wenn ich wusste, wovon sie redet. Sie ist neben Susuki-sensei die Einzige, die mit den Schülern während des Unterrichts Dialoge führt. Die anderen ziehen ihren Frontalunterricht durch.

Nach dem gemeinsamen Putzen ging ich zum Chor. Bei „Halleluja“ bin ich ja noch klar gekommen, auch wenn ich jetzt Mezzosopran singe und nur die Sopranstimme einer Gospelvariante kenne. Bei dem japanischen Lied war es aber aus. Blattsingen und die Hiragana lesen gleichzeitig ist einfach zu schwierig gewesen. So schnell komme ich nicht hinterher. Da muss ich wohl erst einmal lesen üben! Aber bei sechs Stunden in der Woche wird wohl irgendwo einmal eine abfallen, oder?

Nach der Schule fing es an zu regnen. Japaner nehmen meistens einen Regenschirm in die Hand, während sie Fahrrad fahren. Das traue ich mir aber nicht zu, weil ich die Hände zum Bremsen brauche, falls ich wieder einmal rechts mit links vertausche...

Na, auf jeden Fall wusste ich auf einmal nicht mehr, wo ich war. Okay, das ist nicht das erste Mal und mein Orientierungssinn ist vielleicht auch nicht der Beste, aber muss das unbedingt passieren, wenn es regnet? Ich hab mich zum Tamashi-Bahnhof durchgefragt und kam klitschnass zu Hause an. Meiner Gastmutter gegenüber habe ich den Vorfall natürlich nicht erwähnt, weil sie mich sonst nicht mehr alleine draußen herumfahren lässt.

Ich weiß jetzt übrigens, warum es in Japan nicht so viele Arbeitslose gibt wie in Deutschland :P
An jeder größeren Kreuzung steht hier ein Polizist, um zu pfeifen, wenn es grün wird. Den Sinn verstehe ich leider nicht! Man sieht doch, was die Ampel anzeigt und wenn man blind ist, dann fährt man kein Auto, oder? Die Polizisten tun ganz bedeutungsvoll und fuchteln mit ihren Leuchtstäben a la „Star Wars“ durch die Gegend. Da muss ich immer grinsen, besonders, wenn es regnet und ich mich gerade nicht verfahren habe...
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lena56
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Beitragvon lena56 » 15.04.2004, 19:33

Deine Berichte sind super! Für mich ist vieles natürlich unklar, aber ich habe mich auch nicht mit deinem Land, der Kultur und Sprache so beschäftigt, wie du... Alles Gute! :D
Kann ich nicht einfach eine Zaubererbse schlucken, genau wie Pippi Langstrumpf, und zusammen mit meinen Freunden nie erwachsen werden?
Go St. Agnes! Go Aggies!
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"Wenn ich jetzt nein sage- kehrst du dann um?"

-Wolfgang Hohlbein-

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nuka
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Beitragvon nuka » 21.04.2004, 18:28

es ist zwar nicht die erste japanbericht den ich lese, aber zumindest der beste. ich finde es auf jeden fall klasse, wie du dich da so gut schon zurecht findest und die alltäglichen probleme und fettnäpfchen mit dem nötigen humor und begegnest. auch ich bedanke mich recht herzlich dafür, dass du uns alle hier im forum an deinen rundmails teilhaben lässt, was ja nicht selbstverständlich ist. :)
irgendwie ist japan/asien ja dann so ziemlich das krasseste gegenteil von dem, was man hier in südamerika erlebt. so scheint es zumindest :mrgreen:

grüsse

nuka
immer wieder aktualisierte fotos auf http://mitglied.lycos.de/averyx/Pics/Nuka/

Anna-Maria

Beitragvon Anna-Maria » 24.04.2004, 11:58

Und so geht es auf ihrer Homepage weiter :-)

Donnerstag, 15.April 2004

Heute früh war ich so in Eile, dass ich fast ohne Schlips aus dem Haus gegangen wäre. Das hätte in der Schule sicherlich viel Spaß gegeben. Meiner Gastmutter ist es aber zum Glück aufgefallen...

In der Schule haben wir den Test in Chemie wiederbekommen, den wir irgendwann mal zwischendurch über das Periodensystem geschrieben hatten. Ich lernte die ganzen Kanjis und Namen der Elemente auswendig. (10 Minuten vorm Unterricht, weil ich das mit dem angekündigten Test voll verpeilt hatte). Ich konnte bloß nicht so schnell schreiben, habe es aber trotzdem auf 28 von 40 Punkten gebracht. Es war ganz verwirrend, weil japanische Lehrer offensichtlich keine "Richtighäkchen" an die Lösungen setzen, sondern pro Punkt einen Kringel um die richtige Angabe machen... Ich dachte erst, dass das alles falsch wäre und wunderte mich eine Runde...

Freitag, 16. April 2004

Heute wieder Chorprobe und ich komme immer noch nicht mit dem schnellen Lesen der Hiragana hinterher. Das Mädchen, das neben mir steht, grinst mich dann immer an, aber es sind alle ganz verständnisvoll. Vielleicht sollte ich das Buch einfach mal mit nach Hause nehmen und hier üben!? Wenigstens "Hareruelra" *grins* kann ich jetzt auswendig. Die Lehrerin kommt ständig herum und korrigiert unsere Haltung. Das auch ja das Notenblatt nicht zu weit unten gehalten wird und wehe, wenn der Rücken nicht ganz gerade ist... Mensch, hatte ich es im Bernstein-Chor gut...

Als ich zu Hause war, bin ich nur noch ins Bett gefallen, nachdem ich aber erst wieder ewig warten musste, bis meine Gastschwester mit dem Baden fertig war...

Samstag, 17. April 2004

Im Hauswirtschaftsunterricht schauten wir uns ein Video an, in dem gezeigt wurde, wie das Gericht zubereitet wird, das wir nächste Woche kochen werden. Man kann da eine richtige Wissenschaft draus machen! Aber ich bin ganz froh über das Video, weil ich nämlich nicht alles verstanden hatte und befürchtete, nächste Woche ziemlich doof da zustehen. Die Lehrerin wird auch ein bisschen freundlicher, weil ich ihr jetzt immer Gespräche über Deutschland aufdrücke. Ich berichte über deutsches Essen, was aber aufgrund ihrer fehlenden Englischkenntnisse etwas schwierig ist. Aber lustig, weil ich alles versuche zu zeigen und das meistens zu Missverständnissen führt.

Nach dem Unterricht bekam ich von einer Mitschülerin einen Fächer geschenkt. Den brauche ich hier auch, weil es inzwischen ziemlich warm ist. (Wenn es nicht gerade regnet und ich mich verfahren habe, oder vom Hanami komme und mich deswegen erkälte ;-))

Mit Ayumi kaufte ich Mittagessen ein. Auf einem Fertiggericht, das man mit Wasser auffüllen muss, war ein Fächer abgebildet. Ich zeigte darauf und meinte, dass ich so etwas bekam. Nachmittags fragte okaasan dann, was ich denn heute mit meinen Freunden gegessen habe? Ich wusste natürlich erst gar nicht, was sie von mir wollte, weil sie mir ja ein Obento mitgegeben hatte. Dann fiel es mir ein: Ich meinte auf der Verpackung den Fächer, nicht das Essen! Ach ja, wieder so ein Missverständnis.

In der Schule habe ich heute meinen neuen und für mich zurechtgeschnittenen Stundenplan erhalten. Jetzt ist easy life angesagt. Nur noch Fächer, die ich mag. Ich darf mit den ichinenseis (Erstklässlern der Oberschule, also eine Klasse unter mir) sogar am Musik- und Kalligrafieunterricht teilnehmen. Genial, oder?

Abends kochte ich zusammen mit meiner Gastmutter Tempura. Dazu werden Gemüse und Krabben mit Mehl und Eiern paniert und in heißem Pflanzenöl frittiert. Total lecker! Aber leider genau so fettig. Ayumi stand in der Tür und meinte, dass sie das nicht isst. Ich fragte sie, ob sie es nicht mag. Nun zickt sie total rum, schrie wie von einer Tarantel gestochen durch die Gegend und ich wusste gar nicht, was los war. Okaasan meinte mit einer leichten Ironie in der Stimme, dass sie eine kurzentschlossene Diät durchziehen möchte. Hä? Stopft man neuerdings bei einer Diät massenhaft Schokolade und Chips in sich rein??? Auf jeden Fall äffte sie mich nach und kreischte ungefähr eine halbe Stunde ihre Mutter an, warum sie mich nicht ausstehen kann. Chihiro erzählte mir nur, dass ich mir nichts draus machen soll, weil Ayumi des Öfteren so ist und sie sich eher selbst im Weg steht und ich nun nur ein guter Grund für ihre Unzufriedenheit bin. Ich tat einfach so, als wenn nichts wäre, auch wenn sie mir die Türen vor der Nase zuknallt, mir demonstrativ die Sicht zum Fernseher versperrt und sich sonstige kleine Gehässigkeiten für mich ausdachte. Da stehe ich jetzt einfach mal drüber, auch wenn?s schwer fällt. Find ich ja ehrlich gesagt ein bisschen kindisch für ihr Alter, aber na ja. Wer weiß, wie lange das noch so geht???

Sonntag., 18. April 2004

Das Rumgezicke Ayumis hat relativ genau 24 Stunden angehalten! Jetzt tut sie so, als wäre nie etwas gewesen. Nicht mal ein "Entschuldigung" habe ich vernommen. Pff...

Ich bin heute einfach in meinem Zimmer geblieben, habe Musik gehört und Karten geschrieben. Ich brauchte mal meine Ruhe. Sonst ist nichts nichts vorgefallen.

Montag, 19. April 2004

Zwei Stunden Japanisch lernen in der Schule. Mit meiner eigenen Lehrerin. Sie wollte mir unbedingt Sachen beibringen, die ich schon konnte und wollte ständig wissen, ob ich dies oder das schon kenne. Wenn ich sagte, dass ich dieses oder jenes in Deutschland schon gelernt habe, redete sie trotzdem noch eine halbe Stunde darüber. In der zweiten Stunde kam die mexikanische Austauschschülerin noch dazu. Es war erschreckend für mich mit anzuhören, dass sie nach einem dreiviertel Jahr Aufenthalt in Japan immer noch Probleme mit den Grundlagen hatte. Das mit dem Japanisch sprechen hatte ich mir nach einem Jahr anders vorgestellt... Aber vielleicht konnte sie noch kein Wort, als sie hier ankam?!

Nach der Schule bin ich mit meiner Gastmutter losgetrabt und hab die aliencard abgeholt. Ich bin jetzt also ein amtlicher Alien! In der japanischen Übersetzung konnte ich die Kanjis für Ausland entdecken. Ausland = Alien. So ist das hier also...

Das Lieblingshobby meiner Mutter in Berlin ist es, bei allen Reisen Gullydeckel zu fotografieren. *peinlich* Das klingt zwar ein bisschen krank, ist aber eigentlich richtig interessant! Hier gibt es richtig schöne mit Blumen und Blättern drauf. Da muss ich ständig nach unten gucken, wenn ich einkaufen gehe. Ich werde mal ein paar Fotos machen, auch wenn die Leute mich vermutlich komisch angucken werden, wenn ich mitten auf der Straße stehen bleibe, um ein Bild vom Boden zu machen... Aber das tun sie sowieso, da kann ich solche Aktionen ruhig starten. Ist ja eh egal...

Hier werden gerade richtige Kartoffeln gekocht und ein ganzes großes Stück Fleisch. Sie wollen mir bestimmt eine Freude machen! Ich freu mich auch und bin gespannt, ob es dazu Reis geben wird?

Dienstag, 20. April 2004

Die ersten beiden Schulstunden, die von Abe-sensei als Lesestunden bezeichnet wurden, waren für mich Freistunden *grins*. Ich hatte die ganze Bibliothek für mich alleine, die anderen waren mit dem Unterricht beschäftigt.

Also ging ich auf die Suche nach Lesestoff und stellte erstaunt fest, dass manchmal die Buchtitel Englisch geschrieben waren, aber die Innenseiten des Buches aus Kanjis bestanden. Irreführend, nicht wahr? Ich habe mir dann ein Buch über japanische Kunst herausgesucht und es wie Bilderbuch behandelt. Es gibt zwar auch englischsprachige Bücher, aber die sind dann mehr für Kinder. Auch Bücher wie "Pippi Langstrumpf" und "Emil und die Detektive" standen in einem der Regale - aber eben auf Japanisch.

In Mathe behandeln wir weiterhin die Vektoren. Das scheint ein relativ leichter Kurs zu sein, weil bis jetzt alles idiotensicher ist und sogar ich es verstehe, auch wenn ich den Erklärungen des Lehrers nur bedingt folgen kann. Wenn ich aber das Buch so durchblättere, wird mir ganz schlecht, weil ich bestimmt spätestens bei den Sinus- und Kosinusfunktionen scheitern werde. Da ist dann alles nur noch Japanisch und da ist es für mich schwer überhaupt die Aufgabenstellung zu verstehen. Wenn man aber eine Gleichung mit x und y Werten hat, dann ist es denkbar, was damit zu machen ist...

Nach dem Unterricht habe ich mich zum Chor geschleppt und bin wieder nicht hinterhergekommen. Mal singen sie den Text, mal singen sie die japanischen Notennamen *wunder*. Ich sehe da noch nicht durch. Und logischerweise singen dann alle Stimmen einen anderen Text. Wie sinnvoll. Wir haben hier auch nur einen Raum für alle Stimmgruppen zur Verfügung und es laufen mehrere Einzelproben gleichzeitig auf Keyboard und dem Flügel. Mich ärgert wirklich, dass die Pianistin die Stücke noch nicht spielen kann, wenn wir anfangen es zu proben. Des Weiteren bringt sie uns die Stimmen falsch bei und die Lehrerin kommt momemtan nur selten... Am Ende der beiden Stunden konnten wir genau so viel wie am Anfang! Da kam doch jemand tatsächlich auf die Idee, dass ich das Stück beim nächsten Auftritt spielen könnte. Mist, da kann ich mich aus dem Chor nicht mehr rausreden... Glücklicherweise sind die san nenseis (Drittklässler) echt total nett.

Ach ja, bevor ich es vergesse. Es war sooo lustig mit anzusehen wie meine Gastfamilie gestern verzweifelt versuchte, das Fleisch, das noch dazu auf einem tiefen Teller lag, mit dem Messer zu zerschneiden. Zum Schluss griffen sie doch wieder zu ihren geliebten Stäbchen. Zu den Kartoffeln gab es natürlich auch noch Reis und die tägliche Mizosuppe.

Mittwoch, 21. April 2004

Alle Oberschülerinnen versammelten sich heute morgen in der Aula, um gemeinsam buddhistische Lieder zu singen. Jedem wird dann ein Sitzplatz zugewiesen, der irgendwie mit der Nummer in der Klasse zusammenhängt. Also stehen alle erst einmal wie wild durch die Gegend und zählen Stühle. Das kommt bei mehreren Hunderten verwirrten Schülerinnen richtig gut. Ich muss immer fragen, ob mir nicht bitte, bitte jemand helfen kann. Als ich saß, versuchte ich das System nachzuvollziehen, scheiterte aber kläglich...

In der 3. und 4. Stunde war Kochen angesagt. Zum Glück aber nicht mit der unangenehmen Lehrerin, mit der wir vorher samstags Unterricht hatten. Wir kochten oyakodon. Oya steht für Eltern und ko für Kinder. Es werden nämlich Huhn und Eier verwendet und zusammen mit Shouyo(Sojasoße) und mir unbekanntem Grünzeugs zusammen gekocht. Die Pfanne war ganz interessant: Der Pfannenstiel war senkrecht angebracht und nicht waagerecht, wie wir es in Deutschland gewöhnt sind.

Ich habe die halbe Soße verschüttet, weil die Pfanne schon zu heiß war und der Rand auch nicht besonders hoch ist. Die Lehrerin guckte mich ein bisschen komisch an, aber diejenige, die mit mir zusammen die Kochstelle besetzte, machte vor den Augen der Lehrerin den gleichen Fehler. Glück! Ich kann immer noch behaupten, dass es in Deutschland so ein Gericht und vor allen Dingen solche Art von Unterricht nicht gibt. Puh! Es war auch ganz lecker und exakt nachdem wir mit dem Abwaschen des Geschirrs fertig waren, gab die Schulklingel ihre kaum zu überhörende Pausenmelodie von sich. Das war ein Timing! Ich finde es total stark, dass es hier diesen Unterricht gibt, weil ich dann nach dem Jahr ein paar japanische Gerichte kochen kann.

Die nächste Doppelstunde Bio verbrachten wir zunächst damit, Zwiebeln und Algen zu mikroskopieren, um die Zellen zu sehen und zu skizzieren. In der zweiten Stunde durften wir uns selbstständig (und individuell!!!) etwas aussuchen. Eigentlich wollte ich eine Blüte auseinander nehmen, schleppte aber aus Versehen eine Blattlaus mit in den Raum. Alle waren ganz hysterisch, aber ich schob das Tierchen kurzerhand und entschlossen auf das Glas und betrachtete es. Die Lehrerin kam vorbei und fragte mich, ob ich wisse, was das für ein Tier wäre. Ich schaute in meinen Langenscheidt (mein kleines Taschenwörterbuch für alle Fälle) und das Wort "Blattlaus" war tatsächlich vorhanden. Leider bedeutete es aber, wie sich später herausstellen sollte, "Kopflaus" und die Lehrerin schaute mich etwas verdutzt an. Danke Langenscheidt!!! Ich erklärte ihr sofort, dass ich es in einer Blüte gefunden hatte...

Hab heute aus der Heimat zwei Postkarten gleichzeitig bekommen und mich ganz doll gefreut!

Donnerstag, 22. April 2004

Boah, war das anstrengend! Drei Stunden Japanischunterricht und man kann im Einzelunterricht so schlecht schlafen *grins*. Die Lehrerin wollte wieder einmal unbedingt die Übung kontrollieren, obwohl hinten in dem AFS-Heft die Lösungen drinstehen. Ich lernte keine neue Grammatik, aber wir redeten ganz viel und ich erklärte ihr das deutsche Schulsystem. Dann brachten wir uns gegenseitig die Bezeichnungen für ?Toilette? in Japanisch bzw. Deutsch bei. Voll lustig. Die Lehrerin studiert gerade und lernt an der Uni Italienisch. Ich denke, dass sie mindestens Anfang 30 ist!

Im Englischunterricht kam Susuki-sensei mit einem Keyboard an und schaltete einen Rhythmus ein, um dazu die neuen Wörter zu sprechen. Sie steigerte langsam das Tempo und grinste mich immer an. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen! Danach rief sie einen Wettbewerb aus. Wer als erster mit dem Lesen des Textes fertig war, sollte sich melden. Okay, ich hab die anderen gewinnen lassen, ich bin ja mal nicht so. *grins* Auch Susuki-sensei war gespielt langsam. Ach ja, die Tricks der Lehrer, um Schüler zu motivieren. Als wenn wir so etwas nicht mitbekommen würden. Sie ist die einzige Lehrerin, die mit der Klasse zusammen arbeitet und nicht vorne den Einzelkämpfer gibt. Am schlimmsten ist unsere Chemielehrerin. Da schlafen immer mindestens fünf Personen gleichzeitig. Ich bearbeite in der Stunde lieber die Japanischübungen des AFS-Lernheftes für Anfänger, damit es im Unterricht mal etwas weiter geht, wenn ich meiner Lehrerin zuliebe schon unbedingt alles lückenlos ausfüllen muss... Da hat sie wenigstens etwas zum Kontrollieren ;-)

Am Abend beklagte sich mein Gastvater, nachdem er stundenlang auf dem Wohnzimmerboden geschlafen hatte, über einen verspannten Nacken. Dann holte er ein Gerät aus dem Schrank, das mit zwei Plättchen Strom durch seinen Rücken jagt. Er saß nun mit Zuckungen auf der Couch und lass Zeitung. Echt lustig! Aber ein bisschen merkwürdig fand ich die selfmade-Physiotherapie schon!

Mit Chihiro und Okaasan hab ich Mensch-Ärger-Dich-Nicht gespielt und so mit Chihiro die Zahlen gelernt. Darüber schreibt sie eventuell einen Test und es macht mehr Spaß, als es stupide auswendig zu lernen... Ich find es echt klasse, dass sie Deutsch lernt!!!

Freitag, 23. April 2004

Unsere Homeroom-Lehrerin hatte heute einen freien Tag. Aber trotzdem wurde morgens die ganze Zeremonie (Schulhymne usw.) abgespult. Da ist mir das erste Mal aufgefallen, dass die Bandsingstimme völlig schräg singt. Das wurde bisher nur immer übertönt. Ach ja...

Auch das Verbeugen vorm Lehrer. Witzig. So brav, die Japaner!

Heute fand mein erster Musikunterricht in Japan statt. Wir guckten einen Film über die zwei Stunden... Ich bin mal gespannt, ob wir nächstes Mal drüber reden! Den Titel muss ich dann auch noch herausfinden.

Danach Kalligraphie!!! Die Lehrerin unterrichtete auch die mexikanische Austauschschülerin (ATS) und behandelte mich, als wenn ich noch nie ein japanisches Wort gehört hätte. Danach sollte ich doch tatsächlich mit einem Bleistift die Katakana lernen. Ich rieb ewig die Tinte an und absolvierte ein paar Pinselführungsübungen. Als ich fertig war, malte sie zu meinem Entsetzen mit roter Farbe über alle Bilder eine Blume. Das war so deprimierend: Da versucht man ein Schriftzeichen so perfekt, wie nur irgend möglich, zu machen und wenn es ihr gefällt, zeichnet sie eine überdimensionale Blume drüber... Ich habe ungefähr 10 Mal das Wort inu (Hund) in Katakana geschrieben. Daraufhin hängte sie es an die Tafel und allen sagt, wie toll ich das doch mache. Peinlich! Ein paar koko ichinenseis (Erstklässler der Oberstufe) probierten ihr Englisch an mir aus. Aber mehr als ein "Hello, my name ist... Please call me..." habe ich bis jetzt noch nicht gehört. Das liegt wohl daran, dass sie ganze Sätze und nicht einzelne Worte auswendig lernen. Wenn man den Satz ganz leicht abändert, verstehen sie mich nicht mehr.

Ein paar Mitschüler haben mich zu einer "Tempura-Party" am Sonntag einladen. Mal sehen, was sie darunter verstehen...

Gast

Beitragvon Gast » 29.04.2004, 17:55

Samstag, 24. April 2004

Wir haben heute einen Englischtest geschrieben, obwohl geschrieben hier wohl das falsche Wort ist. Susuki-sensei las eine Wortgruppe auf Japanisch vor und die Schülerin, deren Nummer sie rief, sollte übersetzen. Nr. 36, also ich, bekam umi de = at sea ab. Habe ich jetzt etwa eine Zensur dafür bekommen? Für die Aussprache oder dafür, dass ich es übersetzen konnte? Schon ein bisschen komisch. Außerdem durften wir das Arbeitsblatt, auf dem die eine Seite Japanisch und die andere Englisch beschrieben ist, benutzen, sollten aber die englische Seite nach hinten wegklappen. Hm, lauter ehrliche Schüler? Solchen Test hätte ich in Deutschland auch gerne, da bräuchte ich nicht mehr zu lernen.

Sonntag, 25. April 2004

Heute früh fing Ayumi wieder einmal an, wie wild durch die Gegend zu brüllen. Ich dachte nur: "Was ist denn nun schon wieder nicht nach ihrem Willen geschehen?" Dann musste ich aber leider feststellen, dass eins der durchgedrehten Streifenhörnchen gestorben ist. *Scheigeminute einleg* Sie sind mit ihm zunächst zum Tierarzt gefahren und anschließend noch zu einem Schrein. Das Tier soll eine Krankheit gehabt haben, aber keiner weiß welche. Aber wen wundert's, wenn man den Käfig nur selten sauber macht. Da braucht man nur mal dran zu riechen und schon weiß man Bescheid?

Ich bin trotzdem zur Tempura-Party gefahren. Bevor ich allerdings dorthin gehen durfte, gab es wieder die obligatorische telefonische Absprache zwischen meiner okaasan und Yuis Mutter. Yuis okaasan hatte den Tisch schon gedeckt, als Eriko und Yukako mit mir bei ihnen zu Hause ankamen... Ich glaube, ich habe noch nie so viel gegessen. Außer dem Tempura mit Krabben, Bambus und anderem Gemüse gab es noch Nudeln und Sushi und alles war sooooooo lecker. Zum Abschluss noch einen Tee und einen kleinen Kuchen. Ich bin fast geplatzt. Wir aßen im Übrigen im Schneidersitz von einem niedrigen Tisch, so, wie man ihn in den Büchern über Japan immer sehen kann.

Danach waren wir gemeinsam in Harajuku shoppen und hatten jede Menge Spaß. Ich habe mir ein paar Loose Socks und blaue Kniestrümpfe mit Notenschlüsseln drauf gekauft.

Da hab ich vielleicht ein paar durchgeknallte Japaner gesehen. Ein Typ war in allen Regenbogenfarben gekleidet und sah daher aus wie ein Paradiesvogel. Außerdem traf sich dort die Gothic-Szene und aus den meisten Läden guckten schwarze Klamotten heraus... War schon interessant!

Natürlich war auch wieder Purikura angesagt, was sonst... Das wird morgen in der Schule Spaß geben.

Gegen 21 Uhr war ich wieder zu Hause und telefonierte noch ein Stunde mit meinen Eltern.

Danach war Ayumi mal wieder sauer auf mich, wahrscheinlich weil ich einen schönen Tag hatte. Ich fragte um 23 Uhr, ob ich ins Ofuro(Bad) gehen darf. Meine Gastmutter hat erst einmal Ayumi gefragt und nachdem diese ihr nicht geantwortet hat (und ich drei Minuten abwartend in der Tür stand), wurde sie noch gebettelt, etwas dazu zu sagen. Ich bin dann einfach in mein Zimmer gegangen und okaasan meinte dann, dass Ayumi möchte, dass ich morgens baden gehe. Seit wann hat meine Schwester das zu entscheiden, ob und wann ich baden darf? Irgendetwas stimmt hier nicht... Ich bin sauer...

Morgens geht hier nämlich immer das große Gejammer los, was Miss "Prinzessin auf der Erbse" alles weh tut und warum sie nicht in die Schule gehen kann. Nachmittags geht sie dann shoppen und tanzt durch die Gegend. Sie wird hier total verwöhnt und alle machen, was sie will, nur damit es nicht so viel Stress gibt...

Montag, 26. April 2004

Aufgrund des healths check's (Reihenuntersuchung vor dem Sportfest) fing die Schule heute erst um 10 an. Morgen wird es auch so sein. Luxus, oder? Ayumi hatte dann gestern Abend doch keine Lust mehr zu Baden und besetzte heute früh extra lange das Bad. Aber warum sollte sie auch auf andere Leute Rücksicht nehmen!? Mir bleib demnach kaum Zeit und musste total hetzen, um es rechtzeitig in die Schule zu schaffen.

Als ich dann 15 Minuten vor Unterrichtsbeginn endlich fertig war und im Flur auf sie wartete, sprintet sie doch an mir vorbei und fuhr alleine zur Schule. Oh, man! Ich hoffe, dass das jetzt nicht jeden dritten Tag so ist. Aber so schnell gebe ich mich noch nicht geschlagen. Sonst denkt sie ja, dass sie damit etwas erreichten kann, wenn sie sich so benimmt. Pffff.

In der Schule wurden heute Größe und Gewicht kontrolliert. Und einen Augen- und Urintest haben sie auch gemacht. Ich kam mir schon ein wenig doof vor. Vor allen Dingen mussten wir sooooo lange warten. Da hab ich mit Eriko Bilder gemalt - es war echt lustig. Sie wollen hier ständig deutsche Comic-Charaktere kennen lernen. Ich male dann einfach Bernd, das Brot und Diddl Maus und das finden alle dann kawaii. So wie hier alles kawaii ist. Mir ist es immer total peinlich, wenn sich die Japaner vor mich stellen und ständig mit dem Finger auf mich zeigen. Meine Haare, meine Augenfarbe, meine Klamotten, meine Verhaltensweise und sogar (wer kommt schon darauf) die Art, wie ich laufe ...alles kawaii und tsugoi. Es geht mir echt auf die Nerven, aber ich kann es wohl kaum ändern, oder? Schrieben nicht alle Austauschschüler über dieses Phänomen?

Nachmittags habe ich mit meiner Gastmutter über Ayumis Verhaltensweise geredet. Ihr ist das sehr unangenehm und sie entschuldigt sich ständig bei mir...

Dann hatte ich ein bisschen Zeit und habe mir meinen Fotoapparat geschnappt, um endlich die Gullydeckel der Umgebung fotografiert. Okaasan wusste erst gar nicht, was sie davon halten sollte, dass ich alleine losgehen wollte. Da drückte sie mir das Handy in die Hand, für den Fall, dass ich mich verlaufen würde.

Hat ja auch prompt geklappt. Ich wusste mal wieder nicht, an welcher Ecke der Strasse ich abgebogen war. Aber auf keinen Fall konnte ich zu Hause anrufen. Das wäre dann wohl der letzte Ausflug gewesen, den ich alleine unternommen hätte. Hab ich mich mal wieder bis zu dem berühmten Tanashi Bahnhof durchgefragt. Das kommt davon, wenn man beim Laufen nur auf den Boden guckt, weil man alle Gullydeckel miteinander vergleicht, um einen ohne Kaugummi und mit ordentlichen Lichtverhältnissen zu finden.

Die Leute haben mich wirklich total komisch angeguckt. So nach dem Motto "Was fotografiert denn die blöde Touristin dort" . Danke Mutti! Aber was tut man nicht alles, um das arme Mutterherz zufrieden zu stellen ;-)

Dienstag, 27. April 2004

Healths check Tag Number Two! Lunge und Zähne wurden kontrolliert. Alles in Ordnung. Ich kam mir vor, wie in einer Massenabfertigung. So schnell, wie meine Lunge abgehört wurde, kann der Arzt gar nichts diagnostiziert haben (hat ganze 15 Sekunden gedauert). Aber egal, keine Schule...

Susuki-sensei wollte, dass ich nach dem Saubermachen noch mal zu ihr ins Lehrerzimmer komme. Ich überlegte kurz, ob ich eventuell etwas verbrochen oder gegen welche Schulregel ich verstoßen haben könnte. Sie ging mit mir in ein Extrazimmer... *wunder*

Susuki-sensei wollte mir aber nur erzählen, dass sich Eriko Sorgen macht, weil wir so viel miteinander reden und sie mir nicht auf die Nerven gehen will. Außerdem sei sie der Meinung, dass es besser für mich sei, mit vielen Leuten zu sprechen, damit ich viele Freunde finde. Das ist mir neu, dass jemand sich solche Gedanken macht und dann damit noch zur Klassenlehrerin geht. Ich habe Susuki-sensei beruhigt und ihr gesagt, dass es mir noch nie darauf ankam, viele Freunde zu finden, sondern eher gute und ehrliche. Damit war das Thema abgehakt. Sie wollte noch wissen, ob ich bei dem nächsten Chorauftritt Klavier spiele. Ich dachte die Frage wäre geklärt? Ich habe ihr berichtet, dass ich zwar das eine Lied begleite, aber bei anderen Auftritten nicht singen werde, weil mir das mit dem Singen auf Japanisch noch zu schwer ist.

Ayumi hat sich wieder ein, aber wer weiß, wie lange das anhält

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Beitragvon Dana » 02.05.2004, 10:10

Besteht noch Interesse an meine Tagebucheintraegen :?:

Mittwoch, 28. April 2004

Von Susuki-sensei bekamen wir heute den Newsletter unserer Schule ausgeteilt. Vor einiger Zeit hatte sie mich gebeten, dafür einen kleinen Bericht zu schreiben, der dann anschließend auf dem Computer nochmals abgeschrieben werden sollte. Soweit also die Theorie. Ich guckte nun auf das Blatt und bekam fast einen Herzinfarkt. Da haben sie doch tatsächlich die Originalschrift verwendet. Das ist total gemein, weil ich alles in Hiragana schreiben sollte. Das Peinlichste ist aber, dass ich über Bernsteins Namen NO KATAKANA als Arbeitsanweisung für die Sekretärin geschrieben hatte und dass das jetzt die ganze Schule lesen kann. *rotwerd*

In der dritten Stunde versammelten sich alle Oberschüler in der Turnhalle, um über Schulregeln abzustimmen. Natürlich konnte man nicht sitzen, wo man wollte und so war alles wieder komplizierter als es sein muss. Eigentlich hat es aber niemanden wirklich interessiert, was besprochen wurde und alle quatschten wie wild durcheinander, probierten die lustigsten Sachen mit ihren Uniformen aus und spielten das Jankenspiel (Stein-Schere-Papier). Das fand ich schon ein bisschen komisch, weil man solche Disziplinlosigkeit von japanischen Schülern eher nicht erwartet, oder?

Danach hatten wir eine Freistunde, weil unsere Hauswirtschaftslehre-Lehrerin nicht kam... Einen Vertretungsplan gibt es hier nicht. Die Lehrer sprechen sich gegenseitig ab und versuchen Freistunden zu vermeiden. Letztens kam statt Susuki-sensei unser writing-teacher - sie hatten einfach die Stunden getauscht... Da wir die Bücher aber immer in der Schule lassen, stört das niemanden.

Es ist auch ganz lustig, dass wenn jemand krank ist und nicht zur Schule gehen kann, gesagt wird, dass er Pause bzw. Ferien hat. Noch nie habe ich ein "Sie ist krank" gehört... Auch bei Ayumi, die jeden zweiten Tag die Schule schwänzt, heißt es: "Wir haben gehört, dass sie seit der Mittelschule Probleme hat, zur Schule zu kommen." Alles wird so schön geredet...

Beim Chor studierten wir ein total tolles Stück ein. Leider hatte die Mezzosopranleiterin absolut keine Peilung, wie sie die Stimme auf dem Klavier spielen soll und baute immer wieder Fehler ein. Als ich sie freundlich darauf hinwies, flehte sie mich förmlich an, dass ich doch bitte spielen solle. Na klar, ich habe natürlich nichts Besseres zu tun, als ein Stück vom Blatt zu spielen, das ich noch nie gehört habe und das in einer Tonart geschrieben wurde, in die ich mich noch nicht so richtig einfinden kann... Tja, selbst Schuld... Strafe für Einmischung muss sein... Aber es ging dann doch einigermaßen, auch wenn die Stimme so schwer ist, dass wir mit dem Alt und Sopran zusammen keinen einzigen gemeinsamen Ton zu Stande brachten. Die Harmoniefolge ist total komisch...

Heute hat übrigens meine beste Freundin in Berlin Geburtstag. Hey Eileen, endlich darfst Du mein Päckchen öffnen! Superklasse finde ich, dass sie sich einen Internetanschluss gewünscht (und ihn auch bekommen hat), damit wir uns nun E-Mails schreiben können und sie meine Tagebucheinträge verfolgen kann.

Donnerstag, 29. April 2004

Heute ist midori no hi (grüner Tag), Feiertag in Japan also schulfrei. Da haben Okaasan und Chihiro mit mir das Edo-Tokyo Museum besichtigt und ganz viel über Tokyos Geschichte erfahren. Eigentlich war das Fotografieren mit Blitz ja verboten, aber es war dort so dunkel, dass es gar nicht anders ging. Da hab ich halt mal den ahnungslosen Touri gespielt und das hat zum Glück auch niemanden interessiert... uff.

Na jedenfalls ist die Ausstellung richtig klasse und unbedingt empfehlenswert! Es sind Kunst- und Alltagsgegenstände der Edo- und Meiji-Periode ausgestellt. Alles ist zum Glück zweisprachig!

http://www.edo-tokyo-museum.or.jp

Danach besichtigen wir noch eine Sumo-Arena. Leider fand kein Wettkampf statt. Es gab dort auch keine Stühle, sondern nur 4qm große abgeteilte Flächen, auf denen man im Schneidersitz sitzt und sein obento isst. Etliche Sumoringer liefen dort herum. Fotos waren leider verboten! *heul*

Als wir den Tanashi-Bahnhof erreichten, dachte ich mir, dass ich ja mal alleine das Kaufhaus aufsuchen könnte. Fehlanzeige. Chihiro sollte mitkommen... Manno, nichts darf man hier alleine machen. Ich könnte mich ja auf dem schon tausendmal abgelaufenen Weg verirren... Und dann will okaasan ständig wissen, wie viel Geld ich noch habe?

Am Abend gab es Sushi. Ich liebe Sushi. Meine Familie hat mich schon ein wenig komisch angeguckt, als ich so viel wasabi (grüne Meerrettichpaste ? furchtbar scharf) auf dem Fisch verteilte. Aber es ist sooo lecker.

Ayumi war mir einer Freundin im der Zwischenzeit shoppen. Als sie wiederkam, setzte sie sich zu uns an den Tisch und nörgelte, warum sie auf ihrem Extrateller (!!) nicht genug von ihrem Lieblingsfisch hat. Mich machte sie blöd an, weil ich ein paar englische Wörter von mir gegeben hatte, um vom deutschen Comic "Abrafaxe in Japan" zu berichten. (Das Bücherpaket von zu Hause ist nach nur 4 Tagen Reisezeit mit meinem Tafelwerk, einem Tokyo-Reiseführer und besagtem Mosaik-Heft nämlich heute angekommen.)

Jedenfalls setzte sie sich so hin, dass ich nicht mehr an ihr vorbei kam und meinte oberlehrerhaft: "Das heißt tottekudasai." Boah, geht mir das auf die Nerven. Jeden Tag das Gleiche...

Abe-sensei fragte mich letztens in der Schule, ob Ayumi zu einem Arzt geht, weil sie egoistisch und mental sick sei.

Freitag, 30. April 2004

So ein Chaos heute!!! Und alles fing nach dem Musikunterricht an...

Im Musikunterricht machten wir ein paar Rhythmusübungen, indem wir nach Noten Wörter wie banana, shitake und pinatsuaussprachen... Das war ganz lustig, weil ich in der pinatsu Gruppe war und wir nichts anderes zu tun hatten, als zwei mal pro Sekunde dieses Wort auszusprechen... Irgendwann wurde aus jeder pinatsu eine spinatsu?

Der Lehrer brummte wir noch ein Lied auf, dass ich in zwei Wochen auf dem Klavier spielen soll. Ist aber halb so wild und ich denke, das mit einer halben Stunde üben ganz gut hin zu bekommen... Ach, und natürlich das "Heidenröslein", das die Japaner so sehr lieben...

Nun aber zu dem Chaosauslöser: Ich ging aus dem Musikraum und wollte meine Schuhe (loafers) anziehen. Sie waren aber weg... Da stand nur noch ein Paar viel zu kleine Schuhe. Ich war ganz verzweifelt, da wir nicht mit Socken durchs Haus laufen dürfen.Glücklicherweise wartete eine der ichinenseis auf mich und gab mir vorerst ihre Schuhe. Weil große Pause war, gingen wir zu ihrem Spind und sie zog ihre Sportschuhe an. Dann schrieben wir an jeder Tafel in den Räumen der Erstklässler, dass meine Schuhe vertauscht wurden und in den Schuhen mein Name steht. Im Lehrerzimmer wollte mich keiner richtig ernst nehmen, nur eine der Englischlehrerinnen schrieb mir eine Entschuldigung für die darauf folgende Kalligraphiestunde. Dabei stellte sich heraus, dass sie Deutsch spricht, weil sie drei Jahre lang in Stuttgart lebte...

Ich aß mein obento in Rekordzeit und dabei ist mir eingefallen, dass die Mittelschülerinnen zur gleichen Zeit im Nachbarschulzimmer auch Musik hatten. Und die Mittelschule ist ja so groooß. Da habe ich einen ganz schönen Schreck gekriegt. Schließlich hatte ich keine Schuhe, mit denen ich nach Hause hätte fahren können... Ich wollte zum nächsten Unterricht gehen, hatte aber keine Ahnung, wo sich das Gebäude befindet... Die Bibliothekarin konnte mir glücklicherweise helfen und so bin ich sagenhafte 20 Minuten zu spät gekommen, was aber kaum jemanden interessiert hat. Das ist wieder wie bei uns an der Schule: Wenn man zu spät kommt, wird man schon seine Gründe haben...

Nach der letzten Stunde stand die Musikmitschülerin vor meinem Klassenzimmer und hielt meine Schuhe in der Hand. Ich wäre ihr am liebsten um den Hals gefallen... Aber das macht man in Japan ja nicht... Sie meinte, dass die Schülerin, die sie vertauscht hatte, wieder ins Musikzimmer zurückgekehrt war, aber dass die zu kleinen loafers, die wir mitgenommen hatten, auch nicht zu ihr gehörten. Es wurden also mehrere Paare vertauscht. Das ist schon wieder lustig... Es sieht eben alles gleich aus...
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Beitragvon Marlen » 02.05.2004, 10:57

Dana hat geschrieben:Besteht noch Interesse an meine Tagebucheintraegen :?:


Also ich lese deine Einträge immer total gerne. Freue mich weiterhin über deine Berichte :P ..
Zuletzt geändert von Marlen am 02.05.2004, 11:12, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitragvon Dana » 02.05.2004, 11:07

Danke Marlen ... vor allem dafuer, dass ich Dir meine erste Nominierung für das "MdM" zu verdanken habe :oops: :D :jumper:

Ich bin mir naemlich nicht ganz sicher, ob Euch meine Geschichtchen aus Japan vielleicht langweilen :roll:

Also wenns genug ist, dann schreibt es einfach hier rein, ja?
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Beitragvon Elisabeth » 02.05.2004, 11:11

Dana hat geschrieben:Ich bin mir naemlich nicht ganz sicher, ob Euch meine Geschichtchen aus Japan vielleicht langweilen :roll:

Also wenns genug ist, dann schreibt es einfach hier rein, ja?

Die, die es nicht interessiert müssen es ja nicht lesen. Also ich finde deine Berichte richtig toll. :D Ich würde mich freuen, wenn du weiterhin schreibst, wie es dir so ergeht.

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Beitragvon Lischen » 02.05.2004, 11:20

Ach ja ich fänds auch gaaaanz super wenn du weiter Berichte schreibst!!!Is total interessant, also BITTE!!!!!!!!!!

Work of Art

Beitragvon Work of Art » 02.05.2004, 11:20

Auch wenn ich in ein völlig anderes Land gehe, ich find deine Beiträge einfach nur toll!
:clap:

Nicht aufhören, immer schön weiterposten! :D
Du schreibst immer so schön, da hat man gleich so ein Japan-feeling.

Freu mich schon auf deine nächsten Beiträge! :jumper:

so long,
work of art

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Beitragvon ~der*jan~ » 02.05.2004, 11:58

KEEP GOING DANA!!
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Beitragvon NoRdLIchTofNz » 02.05.2004, 11:59

Immer wieder schön zu lesen :jumper:

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Beitragvon Désirée » 02.05.2004, 12:25

Ich schließe mich den anderen an, schreib weiter! Man fühlt sich als sei man "fast" mit dabei!! :clap: :wink:
globetrottering...
august '04 - june '05 ~ atj in memphis, TN, usa
summer 2006 ~ memphis², TN, usa
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