RoHayHu Paraguay- ein Jahr, eine Erfahrung, ein Bericht

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tammyaway
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Re: RoHayHu Paraguay- ein Jahr, eine Erfahrung, ein Bericht

Beitragvon tammyaway » 07.12.2010, 16:55

Ein erneuter Familienwechsel...
Mein Austauschjahr habe ich mir definitiv anders vorgestellt. Aber ich versuche im Moment das Beste aus der Situation machen.
Wo soll ich also anfangen?
Die Mitteilung, dass ich eine Gastfamilie habe, liegt nun 5 Monate zurück. Meine erste Gastfamilie beschrieb Ayolas als sehr ruhig und ungefährlich. Auch Bilder im Internet sahen sehr viel versprechend aus. Eigentlich sollte man sich über so eine Platzierung freuen, weil ich hier alle Freiheiten habe und es auch kaum Probleme mit Kriminalität und Armut gibt. Außerdem gibt es jedes Jahr nicht mehr als einen Austauschschüler.
Aber es gibt nicht zu tun. Bis zum nächsten Dorf sind es mit dem Auto knapp 45 Minuten und bis zur nächsten größeren Stadt fast 200 km. Auch in Ayolas gibt es nicht. In meinem Viertel gibt es nur ein paar Supermärkte. Es gibt zwar ein Viertel in dem auch Restaurants und Eisdielen sind aber ohne Fahrer für mich zu weit weg. Hier ist alles einfach sehr weit auseinander.
Vielleicht wäre das für mich nicht so schlimm wenn ich Freunde hätte. Aber nach 3 Monaten und unzähligen Versuchen Anschluss zu finden bin ich immer noch alleine. Ich habe angefangen Fußball zu spielen, um Leute kennen zu lernen, habe den Kurs gewechselt in der Schule um Freunde zu finden- hat alles nicht gefruchtet. Ich gehe auf Leute zu und frage sie ob wir nicht mal Tereré bei mir zu Hause trinken wollen oder ob sie nicht Lust auf Eis haben. Ich bekomme nie eine Antwort. Wenn ich ehrlich bin, ich hatte es mir einfacher vorgestellt Anschluss zu finden. Natürlich, ich kann nach 3 Monaten nicht supertolle Freundschaften erwarten, denn gute Freundschaften entwickeln sich erst im Laufe der Zeit. Aber ein kleines Pflänzchen im Garten der Freundschaft wäre wirklich unendlich schön.
So sitze ich also die ganze Zeit alleine rum.
Ich mag meine Gastfamilie wirklich. Meine Gastschwestern liebe ich wie leibliche Schwestern. Der Gedanke meine Gastschwestern nie kennen gelernt zu haben- schrecklich.
Nun ja, meine Gasteltern arbeiten sehr viel und sind den ganzen Tag unterwegs. Am Wochenende sind sie dann zwar da aber sie wollen sich dann ausruhen nach einer stressigen Woche. Viel Zeit für Familienleben bleibt also nicht.
So kommt es also dass ich rund um die Uhr alleine bin. Nach 3 Monaten fühle ich mich einfach immer noch wie ein Gast. Wie in einem Hotel, in dem ich für ein Jahr leben soll.
Meine gleichaltrige Gastschwester Gisselle wird im Januar ausziehen, weil sie jetzt ihren Schulabschluss hat und somit studieren geht.
Das wäre so mein „Problem“ im Großen und Ganzen.
Nach meinem ersten Wechsel wurde einiges besser. Ich dachte, ich würde schon irgendwie mit dem ständigen alleine sein klar kommen und die Freundschaften kommen mit der Zeit noch.
Dem war nicht so. Das zeigte mir ein Ausflug in unsere Hauptstadt ganz deutlich. Vielleicht war es ein Fehler nach Asunción zu fahren. Vielleicht war es aber auch sehr gut. Es ist schon komisch wie viel man sich einreden kann. Umso schmerzlicher natürlich festzustellen, dass die ganzen Illusionen in denen man gelebt hat von einem auf den anderen Tag plötzlich wie eine Seifenblase zerplatzen.
Nach 2 Monaten darf man von AFS Paraguay aus alleine reisen. Das war also ab Oktober. Was ich natürlich sofort nutzte um meine Freundin Nicole, die letztes Jahr mit AFS in Deutschland war, zu besuchen. Wir verbrachten ein wunderschönes Wochenende zusammen und waren überglücklich uns zu sehen. Dieses Wochenende zeigt mir aber eins: Wie alleine und gelangweilt ich mich in Ayolas fühle. Ich würde nicht direkt sagen, dass Heimweh aufkam. Es war einfach das Gefühl, des allein seins dass sich bemerkbar machte. Nach vielen Mails mit meinen Eltern, in denen ich ihnen die Situation erklärte, dass es mir wirklich nicht gut ging, ich Mitten in der Pampa lebe, im letzten Ort von Paraguay (2 km weiter südlich und AFS Argentinien wäre für mich zuständig) und es hin und wieder kleine Spannungen zwischen mir und meiner Gastfamilie gibt, hielten wir es für die beste Lösung AFS Deutschland zu benachrichtigen und einfach mal eine Meinung von jemand Außenstehenden zu hören.
Ich wirklich froh, dass mir keiner die Schuld gibt und ich anscheinend keine Schuld trage, sondern einfach mein Bestes gebe. Aber mein Bestes reicht vermutlich nicht aus.
AFS Deutschland benachrichtigte AFS Paraguay und diese wiederum meine Betreuerin. Ich erklärte meine Betreuerin die Situation und sie zeigte Verständnis. AFS Paraguay machte den Vorschlag, dass ich ins Hauptbüro komme und wir ein persönliches Gespräch führen um eine Lösung zu finden.
Ich also 6 Stunden im Bus nach Asunción gefahren und nach dem Gespräch stand fest, dass ich noch mal wechseln soll. Diesmal in eine andere Stadt.
Ich habe mit meiner alten Gastfamilie darüber gesprochen und sie zeigten Verständnis. Auch für sie erschien es besser wenn ich gehe.

Las Cataratas del Iguazu
Iguazu= eigentlich Yguazu- Guarani: Großes Wasser
Ich kann eigentlich nicht in Worte fassen was ich dieses Wochenende erlebt habe. Noch immer bin ich ganz überwältigt. Ich war auf AFS Reise zu den Iguazu Wasserfällen. Die Iguazufälle sind die größten Wasserfälle der Welt. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel Wasser auf einmal gesehn. Wo kommt es her? Und wo fließt es hin? Bei diesen Mengen fühlt man sich wirklich sehr klein und sehr unbedeutend auf dieser Welt.
Freitags haben wir uns in Asuncion getroffen und sind um 10 Uhr abends los gefahren.
Nach 6 Stunden Busfahrt ging es in Ciudad del Este über die erste Grenze. Ciudad del Este liegt im Osten von Paraguay und an der Grenze von Brasilien.
Aber einfach so über die Grenze fahren war nicht. Wir mussten aussteigen und an der Migration uns einen Ausreisestempel besorgen. Nachdem der Stempel im Pass war ging es über die Brücke del Amistad nach Foz do Iguazu. Foz do Iguacu ist die Stadt die die brasilianische Seite der Iguazufälle hat. Hier ist mir richtig krass der Unterschied zwischen Brasilien und Paraguay bewusst geworden und mir wurde auch mal wieder vor Augen geführt dass Paraguay nun mal das 2. ärmste Land in Südamerika ist. Alles sah viel moderner und auch sauberer aus. Die Straßenverhältnisse waren besser und generell war es wie eine andere Welt.
In Foz ging es dann dort durch die Migration, für den Einreisestempel nach Brasilien, nur um eine halbe Stunde wieder auszureisen und nach Argentinien einzureisen. Den Sinn von dem Ein- und Ausreisen habe ich nicht verstanden aber anscheinend geht das nicht anders. Klar- warum einfach wenns auch kompliziert mit viel Bürokratie geht?
Eine halbe Stunde später also wieder ausgereist und kurz darauf in Argentinien ausgereist.
Um 8 waren wir dann am Hotel und es gab für uns Übernächtigten erstmal Frühstück. Aber danach war nichts mit „ Ich leg mich mal eine Runde aufs Ohr“ Wir sind wieder in den Bus gestiegen und dann zum Nationalpark Iguazu gefahren.
Leider hat es in strömen geregnet und wir sind auf dem Weg durch den Park zu den Fällen ziemlich nass geworden- wobei dass noch relativ trocken war.
Nach gefühlten 10 km Fußmarsch standen wir vor dem Garganta del Diavolo, der größte Teil der Iguazufälle.
Es hatte zwar inzwischen aufgehört zu regnen aber wir sind trotzdem sehr nass geworden.
Ich weiß nicht wie lange wir da standen und dem Wasser einfach zugeschaut haben. Jede Sekunde verändert sich irgendwas. Man kann es einfach nicht beschreiben, wenn man es nicht gesehen hat. Man kommt sich so klein, so unbedeutend in der Welt vor.
Wasser- dort wo das Wasser entspringt.
Aber mit dem Garganta del Diavolo ist nicht alles gesehen.
Wir haben uns dann auf dem den Weg zu dem Panorama und den eigentlichen Iguazufällen gemacht.
Damit waren ca 5 km Fußmarsch verbunden. Aber allein der Anblick hat die lange Strecken und die müden Füße wieder gut gemacht.
Der graue Himmel hat der Schönheit wirklich nichts abgebrochen.
Und die „teuren“ umgerechnet 16 Euro Eintritt, die schmerzenden Füße, die Erkältung und 20 neuen Mückenstiche, die ich jetzt mit mir rumtrage, haben wirklich gelohnt. Ich würde es jeder Zeit wieder in Kauf nehmen.
Vielleicht schaff ich es ja in Ferien noch die brasilanische Seite zu besuchen.

Neuer Ort, neue Umstände, neue Familie
Gestern bin ich in meine neue Gastfamilie umgezogen. Ich wohne jetzt in Asuncion.
Die letzte Woche habe in schon in Asuncion verbracht. Allerdings in einer Übergangsfamilie. Meine alte Gastfamilie ist in den Urlaub gefahren und konnte mich nicht mitnehmen, meine neue Gastfamilie war noch nicht geprüft.
Das Barrio, in dem ich jetzt wohne ist etwas außerhalb. Nicht direkt im Zentrum von Asuncion. Ich muss ehrlich sagen, es ist auch nicht das beste Viertel in Asuncion.
Aber ich habe inzwischen wirklich viel über Werte gelernt. Eine gute Gastfamilie macht nicht der finanzielle Status aus. Klar, sie sollte sich schon leisten können dich aufzunehmen und zu versorgen, denn von AFS bekommen die Gastfamilien ja kein Geld.
Aber am wichtigsten ist, dass die Chemie stimmt und man sich wirklich wohl fühlt.
Meine Gastfamilie hat alles was man zum Leben braucht und sogar eine Empleada, Playstation und Internet- was will man also mehr?
Ich habe jetzt eine gleichaltrige Gastschwester und zwei Gastbrüder (11 und 19). Alle sind sehr nett und rücksichtsvoll. Sie wollen vorallem alles richtig machen.
Ich lerne hier vorallem das richtige Paraguay kennen. Unsere Empleada (Hausmädchen) zum Beispiel wohnt in sehr armen Verhältnissen. Weil ihre Eltern nicht arbeiten gehen können, arbeitet sie hier und das obwohl sie noch schulpflichtig ist. In Paraguay ist man bis zum 18. Lebensjahr schulpflichtig. Unser Hausmädchen ist 16. Das muss man sich mal überlegen, dass es Familien gibt die ihre Kinder zum arbeiten schicken-obwohl sie noch schulpflichtig sind.
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Re: RoHayHu Paraguay- ein Jahr, eine Erfahrung, ein Bericht

Beitragvon Kleeblatt » 09.12.2010, 21:03

Entschuldigung, OT aber:
Bist du die Tammy, die ich in ICQ habe? Warst du mal auf ausgetauscht.de? :mrgreen:
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Re: RoHayHu Paraguay- ein Jahr, eine Erfahrung, ein Bericht

Beitragvon tammyaway » 09.12.2010, 23:49

ich glaube^^
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Re: RoHayHu Paraguay- ein Jahr, eine Erfahrung, ein Bericht

Beitragvon Kleeblatt » 10.12.2010, 10:25

Haha cool :D

Finde deine Berichte übrigens toll, gut das jemand so detailliert und häufig schreibt :)
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Re: RoHayHu Paraguay- ein Jahr, eine Erfahrung, ein Bericht

Beitragvon tammyaway » 06.01.2012, 14:24

Sooo...ich habe jetzt endlich mal wieder etwas Zeit gefunden was zu schreiben. Seit ca 10 Monaten bin ich wieder daheim und endlich kann ich sagen: Mein Leben verläuft wieder normal, ich habe mich von Paraguay weitgehend gelöst um mich auf mein deutsches Leben konzentrieren zu können. Natürlich gibt es immer wieder Momente in denen ich Paraguay vermisse und am liebsten in den nächsten Flieger steigen möchte- aber ich kann endlich sagen: Ich habe mich wieder vollkommen an Deutschland gewöhnt.
In den letzten 10 Monaten habe ich viel über mein Austauschjahr nachgedacht und reflektiert. Wo lagen meine Fehler, was ist alles schief gelaufen, was hätte ich ändern können?
Auch wenn mein Austauschjahr definitiv nicht so gelaufen ist, wie ich es mir vorgestellt hatte, kann ich sagen, dass es kein Fehler war nach Paraguay zu gehen. Ich habe eine 2. Familie und ein Zuhause auf der anderen Seite der Welt gefunden. Und zwar in meiner 2. Gastfamilie. Auch nach meinem Auszug blieben wir in Kontakt. Meine Schwester wurde scnwanger und erzählte es mir nicht wie einer Freundin sondern wirklich wie einer Schwester "Ich bekomme ein Kind, du wirst Tante". Immer wieder bekomme ich Nachrichten von meiner Gastfamilie, in der es heißt "Wir lieben dich und wir vermissen dich". Mein Cousin schrieb mir kurz vor Weihnachten, dass meine Familie in Paraguay wirklich oft von mir redet.
Dass ich damals ausgezogen bin nehmen sie mir auch nicht übel. Wie meine Schwester, in der Nacht, in der ich Heim flog, sagte "Alles was passiert hat einen Grund. Gott will es so und wir müssen uns fügen". Es ist doch schön zu wissen auch wenn man nicht das beste Austauschjahr hatte, dass man Leute hat, die einen ins Herz geschloßen haben.
Zurückblickend auf mein Austauschjahr kann ich sagen, dass die schlechten Erinnerungen verblassen (oder sehr erfolgreich verdrängt werden) und ich war/bin mehr Familienmitglied als ich gedacht habe.
So wirklich viel kann ich nicht erzählen. Ich fliege dieses Jahr wieder rüber zu meiner Familie und wir freuen uns schon alle auf das wieder sehen. Vielleicht werde ich hinterher einen Bericht schreiben wie es war.^^
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