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Ich verbrachte mein Austauschjahr 2007/2008 im Süden von Mexiko, genauer gesagt in Lagunas im Bundesstaat Oaxaca. Das ist mein Erfahrungsbericht, den ich für meine Diplomarbeit mit dem Titel Kulturschock Mexiko geschrieben habe. Beschrieben wird nicht nur das Leben in Mexiko, sondern auch die Rückkehr in die Schweiz.

Kulturschock Mexiko

Am 22. August 2007 war der Tag der Abreise plötzlich da. Noch mitten in der Nacht klingelte mein Wecker. Kurze Zeit später ging es endlich los in Richtung Flughafen. Meine Eltern begleiteten mich. Zu diesem Augenblick konnte ich noch nicht realisieren, dass ich die vertraute Schweiz für ein ganzes Jahr zurücklassen werde. In Zürich traf ich die drei anderen Austauschschüler, die mit mir nach Mexiko fliegen sollten. Komischerweise war ich bei der Verabschiedung weder traurig noch nervös. Ich fühlte mich so, als spielte ich die Hauptperson in einem unrealistischen Film.

Ankunft in Mexiko City

Der Flug wollte nicht enden, aber als die ersten Landstücke von Mexiko unter den Wolken zu sehen waren, wurde ich doch noch nervös, und ein riesiges Gefühl der Vorfreude machte sich in mir breit. -Wie sieht Mexiko City von oben aus? Ist die Stadt wirklich so gross? Werde ich etwas verstehen? Wie sind wohl die anderen Austauschschüler?

Bald wurde die Landung angekündigt. Aus dem Flugzeugfenster war überhaupt nichts zu sehen, ausser grauen Wolken, Nebel und schweren Regentropfen. Das Thermometer zeigte 14 Grad an. Ich war enttäuscht, so hatte ich mir Mexiko nicht vorgestellt. Meine Betrübtheit war durch die Freundlichkeit der Mexikaner bei der Passkontrolle und durch das Treffen der anderen Austauschschüler aber schnell wieder vergessen. Wir fuhren zusammen nach Cuernavaca in das dreitägige Vorbereitungscamp, welches von YFU, meiner Austauschorganisation, veranstaltet wurde. Nach 30 Stunden ohne Schlaf liess ich mich dort völlig übermüdet ins Bett fallen.

Auf der langen Busreise

Nach dem Camp machten wir uns endlich auf den Weg zu unseren Gastfamilien. Für mich ging es wieder zurück nach Mexiko Stadt. Nach langer Wartezeit, was damals noch aufregend war, bestiegen wir dort den Bus, der uns nach Lagunas bringen sollte. Ein paar Stunden vor Mitternacht ging die grosse Reise in den Süden Mexikos los, und dauerte so lange, bis die Sonne schon seit mehreren Stunden hoch am Himmel stand. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Stunden die Busfahrt dauern sollte, aber ich wurde immer nervöser. Die endlosen, grünen Weiten fesselten schnell meine Aufmerksamkeit. Ich wünschte mir einerseits, ewig weiter fahren zu können, andererseits wollte ich aber endlich meine neue Heimat kennen lernen. Ich dachte an die vielen Emails, die ich noch zuhause in der Schweiz von meiner Gastfamilie bekommen hatte. -Waren sie wirklich so nett? Erkenne ich sie, wenn ich aus dem Bus steige? Wie sieht ihr Haus aus? Werde ich mich mit meiner Familie verstehen? Wird mir Lagunas gefallen?

Das Haus meiner ersten Gastfamilie

Plötzlich hielt der Bus an. Alle anderen Passagiere stiegen aus. Somit blieb auch uns nichts anderes mehr übrig. Langsam und ein bisschen unsicher suchten wir unsere Koffer zusammen und warfen gleichzeitig scheue Blicke zur Wartehalle. Ich konnte meine Gastfamilie nicht sofort erkennen. Sie standen zuhinterst in einer Ecke und erwarteten mich mit einem wunderschönen Strauss farbiger Rosen und einer dicken Umarmung. Das waren sie jetzt also, diese zwei Personen, die für ein Jahr meine leiblichen Eltern ersetzen sollten. Mit dem Auto fuhren wir noch die letzten 45 Minuten bis nach Lagunas. Ich war den ganzen Weg am Staunen. Es erschien mir alles so unreal. Verstanden habe ich fast nichts von dem, was meine Gasteltern mir während der Fahrt erzählt hatten. Endlich kamen wir in Lagunas an. Obwohl es nur ein kleines Dörfchen war, erschien es mir unendlich gross und verwirrend, aber schön. Neben einem weissen, einstöckigen Haus hielten wir an. Das riesige Tor davor wurde geöffnet, damit das Auto hineinfahren konnte. Die Haustüre ging auf und ich lernte meinen Gastbruder kennen. Sie zeigten mir das für mexikanische Verhältnisse grosse und moderne Haus und mein Zimmer. Draussen strahlte die Sonne vom Himmel und es war heiss. Wir machten uns auf den Weg in ein Restaurant um zu frühstücken. Plötzlich hatte der Autopneu keine Luft mehr. Ein riesiges Gefühl von Glück stieg in mir hoch. Dieses Jahr konnte ja nur lustig und spannend werden.

Meine mexikanische Schule ganz in rot

Einen Tag später war mein erster mexikanischer Schultag. Das besondere war, dass ich eine Uniform tragen musste, welche aus einem rot-blau-weiss-kariertem Rock, weissen Kniestrümpfen, schwarzen Schuhen und einer weissen Bluse bestand, und dass ich immer von zwei Uhr nachmittags bis neun Uhr abends Unterricht hatte. Demzufolge konnte ich am Morgen ausschlafen. Am ersten Tag, schenkte mir meine Gastfamilie die Schuluniform, welche ich zuerst falsch herum anzog. Um zwei Uhr trafen sich alle Austauschschülerinnen zusammen mit ihren Gasteltern auf dem Sekretariat, wo wir in unsere Klassenstufen eingeteilt wurden. Ich hatte ein komisches Gefühl im Bauch und war darum froh, dass die Austauschschülerin aus Estland auch in meine Klasse kommen sollte. Mit Herzklopfen wurden wir zu unserem Schulzimmer geführt. Ich war gespannt, ob ich dem Unterricht folgen könnte, was für Leute in meine Gruppe gehen und ob ich mich mit ihnen verstehen würde. Als wir in unsere Klasse kamen und auf den freien Stühlen Platz nahmen, wurden wir von vielen Augen angestarrt. Wir mussten uns kurz vorstellen und dann ging der Unterricht weiter. Als die Schulglocke dann aber läutete, waren wir schnell von einem riesigen Haufen Mexikaner umringt und wurden mit unverständlichen Fragen durchlöchert.

Schon in der ersten Woche aber merkte ich, dass ich mich bei meiner Gastfamilie unwohl zu fühlen begann. Ich war froh, bereits nach einigen Tagen auf die Schulreise gehen zu können. Mir wurde klar, dass die Chemie in der Familie nicht stimmte und wir uns nicht viel zu erzählen wussten. Auch die ein wenig Macho ähnliche Art meines Gastvaters behagte mir nicht. In der Schule liess das Interesse der anderen an uns Austauschschülerinnen schnell nach. Meine geringen Spanischkenntnisse konnten auch nichts zur Verständigung beitragen.

Ein Beispiel einer Weihnachtsbeleuchtung in Lagunas Ende November

Es gab natürlich doch immer wieder Glücksmomente. Manchmal besuchte ich mit meinem Gastbruder und seinen Freunden eine Disco oder wir gingen zu einer Geburtstagsparty. Mit meiner Gastfamilie fuhr ich nach Cancún an der Karibik in die Ferien oder wir unternahmen Tagesausflüge an den pazifischen Ozean. Mit meiner Klasse bereitete ich für den Tag der Toten am ersten November einen Altar vor. Bereits ab Mitte September konnte man Plastikweihnachtsmänner und –bäume kaufen, Mitte November leuchtete, dank der Weihnachtsdekoration, das ganze Dorf in verschiedenen Farben. Im Dezember wurde für die Jungfrau Maria sogar ein viertägiges Fest veranstaltet. Sachen, die ich zum Teil zwar komisch, gleichzeitig aber auch amüsant fand. Doch immerzu, wenn ich meine Agenda durchblätterte und feststellen musste, dass es noch sechs, sieben oder sogar acht Monate bis zu meiner Rückkehr in die Schweiz dauerte, wurde ich sehr traurig.

Ende November hatte ich mich definitiv entschieden, die Gastfamilie und am liebsten auch den Ort Lagunas zu wechseln. Ich fühlte mich dort eingesperrt. Bis zur nächsten grossen Stadt waren es etwa fünf Stunden Autofahrt. Es hatte weder ein Kino noch eine Bar in der Nähe. Ich konnte das Verhalten vieler Mexikaner nicht verstehen. Mit meiner Gastfamilie sprach ich inzwischen fast nichts mehr. Doch für meine Austauschorganisation waren dies nicht Gründe, um zu wechseln. Ich begann mein mexikanisches Leben mit meinem Leben in der Schweiz zu vergleichen. Täglich kommunizierte ich mit meinen Freunden in der Schweiz.

Ich weigerte mich, mich einzuleben und die andere Kultur zu akzeptieren. Dadurch zog ich mich in meine eigene Welt zurück. Wenigstens blieb ich von starkem Heimweh verschont. Wenn ich etwas unternahm, dann meist nur mit den anderen Austauschschülerinnen, die mich verstehen konnten. Dass das den Mexikanern das Gefühl gab, als ob wir nichts mit ihnen unternehmen wollten, realisierten wir nicht. Weil wir ständig Deutsch und Englisch redeten, machte unser Spanisch auch keine Fortschritte.

An meinem Geburtstag

Plötzlich war es Weihnachten. Die feierliche Stimmung fehlte zwar. Mit dem Heiligabend begannen auch die Ferien. Ich hatte schon zum Voraus Angst davor. Was sollte ich zwei Wochen zu Hause machen? Am Weihnachtsabend weinte meine Gastmutter und mein Gastvater war deswegen wütend. Zwei Tage später war mein 18. Geburtstag. Am Abend kamen einige Freunde vorbei und wir feierten. Das zeigte mir, dass es offenbar doch Leute gab, die gerne etwas mit mir unternehmen wollten. Den Rest der Ferien langweilte ich mich zuhause und traf die Entscheidung, doch nur die Familie, und nicht den Ort zu wechseln. Für das neue Jahr wünschte ich mir fest, dass die zweite Hälfte des Austauschjahres besser sein würde.

Mein Klassenzimmer

Als die Ferien vorbei waren, begann der öde Schulalltag von vorne. Zwei Wochen später erhielt ich endlich die Zusage von YFU, dass ich meine Gastfamilie wechseln könnte. Doch zuerst ging es los auf die von meiner Austauschorganisation geplante Tour. Wir bereisten vierzehn Tage den wunderschönen Süden von Mexiko. Das waren die beiden Wochen, die mein ganzes Austauschjahr auf den Kopf gestellt hatten. Es war sehr hilfreich, mit anderen Austauschschülern über das Erlebte zu reden. Gleichzeitig habe ich auch realisiert, dass andere noch grössere Probleme hatten. Auf dieser Reise besuchten wir viele historische Stätten und natürlich kam auch das Ausgehen und das Baden an der Karibik nicht zu kurz. Nach der bisherig schönsten Zeit kehrte ich frohen Mutes nach Lagunas zurück, mit dem Wissen, bald die Familie wechseln zu können.

Das Haus meiner zweiten Gastfamilie

Zurück in Lagunas wurde ich nicht einmal von meiner Gastfamilie erwartet. Zwei Tage später kam es zu einem grossen Streit zwischen uns. Es ging soweit, dass sie mich grundlos als Rassistin bezeichneten. Ich packte meine Sachen in den Koffer, zog die Schuluniform an, benachrichtigte YFU und ging weg. In der Schule hatte ich endlich den Mut, meinen Mitschülern von meinem Problem zu erzählen. Sie versuchten, eine Familie für mich zu finden. Ich konnte mit jemandem reden, nicht nur über dieses Thema, ich konnte auch von der Reise erzählen. Zuhause war ich nur noch zum Schlafen und Duschen. Am Ende dieser Woche kam endlich der erlösende Anruf von YFU, dass für mich eine neue Gastfamilie gefunden wurde. Sofort musste ich meine Sachen packen und schon bald stand jemand von YFU vor meinem Haus. Ich habe ein letztes, klärendes Gespräch mit meiner Gastfamilie geführt. Dann brachte mich meine Betreuerin zu einer anderen Familie, welche auch in Lagunas lebte. Mit meiner neuen Familie habe ich viel unternommen, auch wenn wir nur zusammen ferngesehen haben oder einkaufen waren. Wir haben geschwatzt und wenn ich ein Problem hatte, halfen sie mir. Ich hatte ausserdem auch mehr Freiheiten, das heisst, ich durfte weg, wann und wohin ich wollte. Mir wurde klar, dass es in Mexiko nicht immer eine persönliche Einladung brauchte, um auf eine Party zu gehen. In meiner Klasse wurde ich in jegliche Projektarbeiten miteinbezogen. Ständig war etwas los und ich begann mich fast wie zuhause zu fühlen. Ich habe nicht mehr viel mit den anderen Austauschschülerinnen unternommen und dadurch viel Spanisch gelernt. Das, was ich vor kurzem noch gehasst habe, begann ich, zu lieben.

Beim Einüben des Tanzes für die Comparsa

Nach drei wunderschönen Monaten kam der Höhepunkt des Schuljahres, die Comparsa. Die Comparsa war ein schulinterner Wettbewerb, bei dem jede Klasse zu einem frei gewählten Thema einen Trailer schmücken, einen Tanz einstudieren und sich passend dazu verkleiden musste. Bereits zwei Wochen zuvor hatten wir uns mit grossem Eifer an die Arbeit gemacht. Die Nacht vor dem Wettbewerb hatten wir kaum geschlafen und am Tag des Wettstreites bastelten und tanzten wir ununterbrochen. Die Sonne brannte den ganzen Tag in unvorstellbarer Hitze auf uns nieder, ausser einem Sandwich haben wir nichts gegessen und wir waren müde. Um vier Uhr nachmittags hätte der Umzug mit dem Trailer durch das Dorf beginnen sollen, doch erst um halb sechs waren wir beim Treffpunkt. Wir waren nicht einmal die letzten, ganz gewöhnlich für Mexiko. Unsere eingebaute Musikanlage wollte nicht funktionieren, so sangen, schrieen und tanzten wir die ganze Zeit. Ein bisschen deprimiert waren wir deshalb schon. Nach dem Umzug mussten alle Gruppen ihren einstudierten Tanz vorführen. Der verlief zwar ziemlich gut, aber auch nicht lupenrein. Dann überkam mich ein riesiges Gefühlschaos. Ich hatte Hunger und Durst, mein Kopf fühlte sich so an, als würde er explodieren, mein Gesicht und meine Arme waren von der Sonne ganz verbrannt. In dem Moment wurde mir erstmals bewusst, dass diese schöne Zeit bald enden würde. Mir blieben noch drei Schultage. Wie ein Film spielten sich alle wunderbaren Dinge, die ich in diesem Jahr erlebt hatte, in meinem Kopf ab. Ich konnte mir die Tränen nicht mehr zurückhalten. Als alle Choreographien bewertet waren, fand die Rangverkündigung statt. Wir hatten weder mit dem Sieg, noch mit einem Podestplatz gerechnet, denn so reibungslos verlief unser Tag ja nicht gerade. Als meine Gruppe dann aber als Sieger aufgerufen wurde, herrschte zuerst ein grosses Schweigen. -Was, wir sollten gewonnen haben? Hatten wir richtig gehört? - Als Gewinner sprangen wir auf die Bühne, sangen, schrieen und tanzten. Wir haben uns umarmt und geweint. Geweint, einerseits aus Freude über den Sieg, andererseits weil uns allen bewusst wurde, dass sich unsere Wege bald trennen würden. Das war wohl der schönste Schulabschluss, den ich mir wünschen konnte.

Nach der Comparsa

Nach drei weiteren Schultagen fingen die Ferien an. Jetzt erwarteten mich noch zwei Monate Urlaub bis zu meiner Rückkehr in die Schweiz. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich nicht auf die Ferien freute. Ich unternahm zwar Sachen mit meinen Freunden, die meiste Zeit jedoch mussten sie für ihre Aufnahmeprüfungen an die Universitäten lernen. Darum war ich viel zuhause. Die erste Woche im Juni fand eine zweite Reise mit YFU statt, dieses Mal ging es ein bisschen weiter in den Norden. Es war wieder eine tolle Zeit. Wir besichtigten wunderschöne Städte und an den Abenden wurde es uns auch nie langweilig. Danach besuchte ich eine Austauschschülerin inPuebla. Ich war zwei Wochen weg von Lagunas. In dieser Zeit passierte mir etwas, wovon ich am Anfang nie zu träumen gewagt hätte. Ich vermisste Lagunas. Ich war erleichtert, als ich nach zwei Wochen endlich wieder in mein mexikanisches Zuhause zurückkehren konnte. Leider wurde dadurch die Angst vor dem definitiven Abschied noch grösser. Es blieb mir noch ein Monat. Ich versuchte, noch alles zu machen, was ich bisher versäumt hatte. Genau in dieser Zeit lernte ich Leute kennen, mit denen ich mich bestens verstand. Nachdem die ersten Austauschschüler bereits heimkehren mussten, blieben mir noch zwei unvergessliche Wochen in Mexiko. Jeden Tag war ich mit Freunden und mit meiner Familie unterwegs, ich dachte und träumte auf Spanisch. Es war wunderschön und traurig zugleich. Ich verdrängte zwar den Abschied doch in meinem Unterbewusstsein wusste ich, dass mir nur noch wenige Tage blieben. In meiner letzten Nacht in Lagunas fand die Graduation der Abschlussklassen statt. Wir tanzten, sangen und lachten nochmals ausgiebig. Im Anschluss daran trafen wir uns alle in einer Festhütte. Dort konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. -Wie kann ich mein mexikanisches Leben einfach so hinter mir lassen? Wie kann ich ohne meine liebgewonnenen Freunde leben? Wieso muss ich genau jetzt zurück? - Zum Glück kümmerten sich meine Freunde rührend um mich.

Wir Austauschschülerinnen an unserem letzten Schultag

Am selben Abend brachte mich ein Freund zum Busbahnhof, wo schon alle meine anderen Kollegen warteten. Meine Gastfamilie war bereits in Mexiko City, weil dessen Tochter einen Tag zuvor von ihrem Austauschjahr aus Deutschland zurückgekehrt war. Ich realisierte vor der Abfahrt nicht, dass jetzt alles vorbei war. Ich konnte mich nicht einmal von allen verabschieden, weil der Buschauffeur, was ziemlich atypisch mexikanisch war, keine Geduld hatte. Erst im Bus kamen mir die Tränen wieder, als dieser Lagunas verliess. Ich wusste nicht, wann ich das nächste Mal alles wieder sehen werde. In Mexiko City begleitete mich meine Gastfamilie zum Flughafen. Als dort sogar meine Gastmutter Tränen in den Augen hatte, konnte auch ich sie ein weiteres Mal nicht zurückhalten. Langsam ging ich durch die Passkontrolle. Immer wieder drehte ich mich um. Dann sass ich plötzlich im Flugzeug Richtung Madrid. Draussen regnete es und es hatte dicke, graue Wolken. Genauso, wie vor knapp elf Monaten, als ich in Mexiko angekommen war. Im Gegensatz zu damals hatten meine Gefühle aber zu diesem Zeitpunkt zum Wetter gepasst.

Abschiedsessen mit meiner Klasse

Jetzt war es also vorbei, viel zu schnell. Ich wollte nicht nach Hause. Doch es gab kein zurück mehr. Das Flugzeug hob ab und verschwand in den grauen Wolken.

Zurück zu Hause

Graduation, letzter Abend in Lagunas

Als das Flugzeug in Madrid bei herrlich warmem Wetter gelandet war, fing ich an, mich auf zuhause zu freuen. Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, dass ich in wenigen Stunden meine Familie und Freunde wieder sehen würde. Es war auch verrückt, in Madrid die ersten Schweizer zu treffen und seit langer Zeit wieder Schweizerdeutsch zu reden.

In Zürich liess ich mir viel Zeit bei der Passkontrolle. Als eine der letzten trat ich mit meinen zwei Sombreros auf dem Kopf und meinen beiden schweren Koffer in die Empfangshalle. Dort wurde ich schon freudig von meiner Familie und Verwandten erwartet. Später kamen noch liebe Freunde dazu. Ich fühlte mich zwar ein bisschen wie in einem falschen Film, aber trotzdem war ich froh, daheim zu sein. Mit dem Zug fuhren wir nach Hause, wo seltsamerweise so viele unbekannte Autos auf dem Hausplatz standen. Ich schenkte denen aber keine weitere Beachtung. Als ich die Haustür öffnete, lag dort eine Unmenge von Schuhen. Spätestens als ich Geflüster aus dem Wohnzimmer hörte, begann ich zu ahnen, dass noch mehr Leute da sein mussten. Da sassen sie dann auch wirklich, alle Freunde, die ich ein Jahr nicht mehr gesehen hatte. Wir verbrachten zusammen einen schönen Abend und es ging mir gut. Mexiko war weit weg. Es fühlte sich so an, als hätte ich das ganze Jahr nur geträumt.

Im ersten Monat in der Schweiz ging es mir ausgezeichnet. Ich dachte eigentlich, der Kontakt zu vielen Mexikanern würde sich wahrscheinlich einstellen, vor allem zu denen, die ich erst am Schluss meines Austauschjahres kennen gelernt hatte. Umso mehr freute ich mich, als ich fast täglich mit meinen Freunden in Mexiko Mails schreiben konnte oder mit ihnen im MSN war. Sie vertrauten mir sogar ihre Probleme an. Das hatte aber schnell die Nebenwirkung, dass ich mit meinen Gedanken ständig in Mexiko war. Ich verbrachte ganze Nächte im MSN, um mit den mexikanischen Freunden zu schreiben. Der restliche Tag zog einfach so an mir vorbei. Gerne hätte ich mit jemandem über Mexiko, über meine Freunde von dort, über die Unterschiede und Erlebnisse geredet. Am liebsten hätte ich jedem meine Fotos gezeigt und die damit verbundenen Geschichten erzählt. Schnell aber realisierte ich, dass das Interesse der Daheimgebliebenen an meinen Erlebnissen gering war.

Abschied von meiner Gastfamilie am Flughafen

Bald fing zum Glück die Schule wieder an. Ich genoss es, wieder einmal dem Unterricht zu hundert Prozent folgen zu können und etwas zu lernen. Bis Mitte September ging es mir dort super. Ich hatte sogar Freude am Lösen von Hausaufgaben und am Lernen. Auch sonst war ich wieder ziemlich glücklich. Doch dann wurde mir alles zu viel. Es war jeden Tag eine Qual aufzustehen und zur Schule zu gehen. Ich hörte auf zu lernen. Zum Glück hatte das keine Auswirkungen auf meine Noten. An den Wochenenden ging ich zwar weg, aber ohne viel Interesse. Ich hatte nur noch Mexiko in meinen Gedanken. Es schien mir dort so viel besser zu sein als in der Schweiz. Der erste Gedanken beim Aufstehen galt Mexiko. Während des Essens stellte ich mir vor, Tortillas und Frijoles zu speisen und in der Schule vermisste ich den ständigen Radau im Klassenzimmer. Die Kälte draussen konnte mich auch nicht aufheitern und die Feste in der Schweiz waren überhaupt nicht mit den mexikanischen Partys zu vergleichen. Wie einfach es für mich doch war, in Mexiko andere Leute anzusprechen und kennen zu lernen. Überall war die Lebensfreude zu spüren und alle waren spontan. Genau das Gegenteil von hier, wo alles bereits zwei Wochen im Voraus verplant war. Als die Ferien anfingen, hoffte ich, dass jetzt alles besser würde. Aber es geschah genau das Gegenteil. Ich hatte noch mehr Zeit, um an Mexiko zu denken. Die schönsten Stunden waren die, in denen ich mit meinen mexikanischen Freunden im MSN war. Immer wieder sah ich mir die Fotos an, die ich selbst geknipst hatte und meist schlief ich mit Tränen in den Augen ein.

Es kam soweit, dass mich ein Freund aus Mexiko darauf ansprach, wieso es mir nicht gut ginge. Ich wollte ihm nichts erzählen, weil ich wusste, dass er zu weit weg war, um mir zu helfen. Ich war gerührt, dass er so etwas über MSN- und Emailkontakt spürte, obwohl ich ihm geschrieben hatte, dass ich mich gut fühlte. Ich erzählte ihm dann doch alles und er schaffte es, durch passende Worte mich ein wenig aufzumuntern. Die nächste Nacht lag ich wach im Bett. Mir ging es nicht gut und mein Körper fühlte sich so an, als würde er demnächst explodieren. Ich musste in den folgenden Tagen viel nachdenken. Dann musste ich für die Schule einen zweiwöchigen Fremdsprachaufenthalt in der Westschweiz absolvieren. Dort lebte ich in einer lieben Familie. Komischerweise hatte genau sie, die mich eigentlich nicht kannte, viel über Mexiko gefragt. In diesen beiden Wochen konnte ich ganz vom Alltagsstress abschalten. Mir wurde irgendwann bewusst, dass es keinen Sinn hatte, bis zu meiner Rückkehr nach Mexiko deprimiert zu sein. Ich musste versuchen, das Beste aus meinem Leben zu machen, um meine Ziele zu erreichen. Nach diesen zwei Wochen war ich dementsprechend auch um einiges besser gelaunt.

Heute, fast sechs Monate nach meiner Heimkehr, geht es mir wieder gut. Ich habe mein Leben in der Schweiz akzeptiert. Ich glaube, durch den Kulturschock, den ich zurück in der Schweiz hatte, veränderte ich mich ziemlich. Seither habe ich viele neue Menschen kennen gelernt. Ich bin offener geworden und mir fällt es leichter, mich an Diskussionen zu beteiligen oder fremde Leute anzusprechen. Ich lache viel mehr und bin ein fröhlicherer Mensch. Mexiko werde ich wohl nie vergessen. Noch heute gelten meine Gedanken beim Einschlafen und Aufstehen dem fernen Land. Immer noch spüre ich, vor allem wenn es draussen neblig und kalt ist, eine riesige Sehnsucht in mir drinnen. Ich kann es kaum erwarten, wieder dort zu sein, wo ich ein Jahr lang so viele schöne und auch weniger schöne Erfahrungen machen durfte. Mexiko wird immer ein Teil von mir bleiben.