Weitere Infos auf austauschschueler.de
iE: Details zu iE
iE im Forum
Kanada: Organisationen für Kanada
Kanada im Forum

Die Idee ein Austauschjahr (ATJ) zu machen schwirrte mir schon lange Zeit im Kopf. Mein Ziel stand fest: ich wollte in die USA! Ich fing also im Sommer 2002 an mir Prospekte über Prospekte im Internet zu bestellen und stand letztendlich vor einer Auswahl von knapp 20-30 Organisationen. Im Internet las man immer wieder schlechte Erfahrungsberichte und nach und nach fielen bei mir immer mehr Organisationen weg, sodass zuletzt noch zwei übrig blieben. Da ich schon viel Positives über eine dieser Orgas gehört hatte, beschloss ich mich dort zu bewerben. Gesagt, getan!

Die Bewerbung

Kurze Zeit später, im Frühling 2003, schickte ich meine Bewerbung ab. Mittlerweile hatte sich mein Zielland auch geändert: nun war Kanada mein absoluter Favorit. Einige Tage später erhielt ich schon den Anruf zu einem Bewerbungsgespräch, was 2 Wochen später stattfand. Nervös bis hinten gegen empfing ich den Chef meiner Orga bei uns Zuhause. Nach knapp 2-3 Stunden stand es fest: ich war angenommen!!! Ich konnte meine Freude kaum für mich behalten und musste es sofort allen erzählen, dass ich für 10 Monate nach Kanada gehen würde. Ein Teil meiner Freunde wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, dass ich so ein ATJ überhaupt machen wollte. Umso größer die Überraschung/Schock! Auf jeden Fall fiel mir ein riesengroßer Stein vom Herzen, dass ich diese Hürde schon einmal überwunden hatte. Jetzt fehlte nur noch der Vertrag und die Bewerbungsunterlagen und alles war perfekt! Beides trudelte nach und nach ein und so fing ich im Herbst an die Bewerbungsunterlagen endlich auszufüllen. Nachdem diese 3 Wochen später wieder zurück an meine Orga gingen, fing das Warten an.....

Neuigkeiten

Oktober 2003 – meine Orga hatte eine Schule für mich gefunden. Direkt in Victoria auf Vancouver Island....es hätte kaum besser kommen können. Kurze Zeit später erhielt ich auch schon die Unterlagen, die ich für die Schule ausfüllen musste und so war auch das geschafft. Und jetzt fing erst das richtige Warten an!

Warten, warten, warten.....

Jeden Tag nach Hause zu kommen, zum Briefkasten zu rennen, immer in der Hoffnung dort läge ein Brief mit der Adresse deiner Gastfamilie drin....und dann immer wieder die kleine Enttäuschung, dass doch wieder nichts für dich dabei war. Das Gefühl müsste wohl fast allen ATS bekannt sein. Doch dann, Anfang Juni ein dicker großer Umschlag von meiner Orga....ich konnte mir kein Lachen verkneifen und konnte es kaum erwarten den Umschlag endlich zu öffnen...und dann – das Visum! Zwar enttäuschend, aber immerhin etwas. Also weiter warten....Ich kam wie üblich um 21 Uhr vom Training nach Hause, keiner Zuhause, nur ein kleiner Zettel klebte an der Tür: „Deine Orga hat angerufen. Du hast eine Gastfamilie!!! 2 Gastgeschwister und 1 kleinen Hund!“ Ich konnte es einfach nicht glauben!! Ich hatte endlich eine Gastfamilie!! Zwar noch keine Adresse oder sonstiges, aber auch die Infos sollte ich in den nächsten Tagen bekommen. Und somit fing nun das Zählen der Tage bis zum Abflug an!

Der Abflug

Der Tag rückte immer näher und näher und irgendwie war mir doch noch nicht bewusst, dass ich meine Familie und meine Freunde für die nächsten 10 Monate nicht mehr sehen würde. Der letzte Abend war schon komisch, aber alles war noch so weit weg für mich. Die Fahrt zum Flughafen verlief normal. Alle waren noch am lachen und es fühlte sich alles so „normal“ an. Doch dann war es soweit. Ich musste meine Familie verabschieden und plötzlich kam es über mich. Ich wusste nicht mehr, wie ich die 10 Monate ohne sie überstehen sollte und ich wollte nicht gehen. Diese Ungewissheit...die weite Entfernung...ich kann es nicht!! Und dann saß ich dort, ganz alleine....ich wusste, dass ich meine Familie 10 Monate lang nicht mehr sehen würde. Es war ein Albtraum. Als das Flugzeug vom Boden hob konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Wie konnte ich mich nur dazu entscheiden ein ATJ zu machen!?! Was für ein absurder Gedanke. Ich war nun mal ein Mensch, der sehr an seiner Familie und an seinen Freunden hängt und Heimweh war mir nur all zu gut bekannt. Und dann für ein knappes Jahr ins Ausland gehen?? Ich war einfach nur dumm!! Die nun folgenden 7 Stunden waren ein purer Albtraum...ich konnte nur noch an Deutschland denken und die Vorfreude auf Kanada war verflogen. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, musste ich auch noch 3 Mal umsteigen, was mir sowieso schon vorher etwas Angst gemacht hatte....im Endeffekt war es nicht schlimm, dennoch hatte ich immer diesen Gedanken im Hinterkopf, dass ich theoretisch einfach einen Flug zurück nach Deutschland nehmen könnte, anstatt weiter nach Victoria zu fliegen...und ich war nah dran, es einfach zu tun. Während allen Zwischenstops rief ich meine Familie Zuhause an, einfach nur um ihre Stimme zu hören. Es war egoistisch, doch das war mir nicht bewusst. So ging es mir zwar besser, doch meine Eltern fühlten sich immer schlechter....
Letztendlich habe ich es bis Victoria geschafft und als mich dort meine Gastfamilie empfing ging es mir sofort besser. Auf der Fahrt vom Flughafen zu meinem neuen Zuhause übernahmen meine Gastgeschwister das Reden und ich musste nur mit „yes“ oder „no“ antworten...was mir mehr als lieb war!

Meine Gastfamilie

Wie ich zuvor schon gesagt habe, war sie sehr lieb und half mir am Anfang enorm. Ich hatte eine 13-jährige Gastschwester und einen 10-jährigen Gastbruder. Dazu kam noch eine andere ATS aus Japan, die allerdings schon seit 3 Jahren als ATS in Kanada war. Neben meinen Gasteltern gab es noch zwei Kanarienvögel, einen Fisch und einen Hund in meiner Gastfamilie. Ich glaube, mich hätte es kaum besser treffen können. Zwar war meine Gastfamilie etwas „anders“ als andere Familien, aber ich fühlte mich dennoch sehr wohl.

Die Schule

Zwei Tage blieben es noch bis zu meinem ersten Schultag. Mein Heimweh war noch nicht verflogen und ich wollte nur noch nach Hause. Meine Gastfamilie tat das Bestmögliche, um mir zu helfen....eine Rundfahrt durch Victoria, ein kurzer shopping trip...und dann kam endlich mein 1. Schultag. Ich bekam meinen Locker und meinen Stundenplan und los ging die Suche nach den richtigen Räumen. Nach dem ersten Tag zögerte ich auch nicht mehr irgendwelche Leute anzusprechen, die mir den Raum zeigen sollten. Und so schloss man immer mehr Kontakte und so langsam gewöhnte man sich an den Schulalltag.
Mein Heimweh war anfangs sehr schlimm gewesen und deshalb hatte ich mich entschieden mir eine Frist zu setzen....bis zum 24. September....der Tag kam immer näher und jeden Tag strich ich einen weiteren Tag ab....es waren genau 3 Wochen von meiner Ankunft bis zum 24. September...doch dann, änderte sich plötzlich alles. Aus welchen Gründen auch immer fühlte ich mich plötzlich sehr wohl in meiner Gastfamilie. In der Schule lief es auch immer besser und ich lernte Leute kennen, die sich später als richtig gute Freunde herausstellten. Auf jeden Fall rückte der Tag immer näher und schließlich war er da – und ich hatte ihn total vergessen! Die Tage hatte ich schon seit einer Woche nicht mehr abgestrichen und somit blieb der Zettel irgendwo in meinem Regal verschollen, bis ich ihn schließlich einige Monate später fand und glücklich entsorgte.
Zurück zur Schule: meine Schule war einfach nur super. Sie war ziemlich klein (nur 400 Schüler vom Kindergarten an bis zur 12. Klasse), aber die Leute waren super! Insgesamt gefiel mir die Schule, samt Unterricht, viel besser als in Deutschland. Die Lehrer waren lockerer, es gab nicht diese große Distanz zwischen Lehrer und Schüler. Man kannte jeden Lehrer und fast jeden Schüler, da man schließlich bis 15 Uhr Unterricht hatte und sich ständig über den Weg lief. Sei die Schule auch noch so schön, das Lernen blieb natürlich nicht aus. Viele ATS sagen, sie hätten fast nie lernen müssen und sie hätten in dem Jahr auch nichts Neues gelernt...bei mir war es anders. Ich hatte das Gefühl, ich hätte selten so viel für die Schule gelernt wie in diesen 10 Monaten.

Meine Fächer:

Wir trugen alle eine Schuluniform, was nicht nur das allmorgendliche Problem löste, was man denn anziehen sollte, sondern was auch den school spirit stärkte. Auch wenn es sich nach einem Kliché anhört – es ist wahr! Beliebt war die Uniform mit Sicherheit nicht und jeder freute sich auf die sogenannten Mufty Days – Tage, an denen man tragen durfte, was man wollte. Dennoch hatte die Uniform auch etwas an sich, was die Schüler zusammen hielt.

Besondere Momente

Es gab sicherlich sehr viele besondere Momente. Einer davon war an Nikolaus. Den Abend davor fragten meine Gastgeschwister mich noch, was denn in Deutschland so üblich wäre an Nikolaus zu machen. Und schon stand am nächsten Morgen ein großer Stiefel voll mit Süßigkeiten vorm Kamin. Doch als ich in meinen Stiefel reinschaute, fand ich einen kleinen Brief. Als ich ihn las, wurde ich immer glücklicher. Es war nichts besonderes, sondern einfach nur die Worte von meinem kleinen Gastbruder à la Nikolaus. Mir wurde zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal bewusst, wie sehr ich meine Gastfamilie doch ins Herz geschlossen hatte.
Zwei weitere schöne Momente waren, als ich zuerst an Ostern meine Schwester endlich wiedersah, die für 14 Tage nach Victoria gekommen war, und als Anfang Juli meine Eltern kamen, um erst noch ein bisschen durch Kanada zu reisen und dann zusammen mit mir zurück nach Hause zu fliegen. Die Zeit war einfach nur unglaublich schnell vergangen und mir kam es fast vor, als hätte ich meine Familie gerade einmal einige Wochen nicht gesehen.

Es geht dem Abschied zu....

Die letzten Wochen in Kanada flogen nur so dahin. Nach und nach hatte ich mich von meinen Freunden verabschiedet und nun stand eine kleine Rundreise mit meinen Eltern bevor. Es ging über Vancouver Island, diverse kleine Inseln, Whistler bis hin nach Vancouver. Und dann stand auch schon der Abschied von meiner Gastfamilie bevor.
Ich hatte seit Beginn meines ATJ immer schon gewusst, dass es nicht leicht werden würde, meine Gastfamilie und meine Freunde dort zu verlassen, dennoch blieb immer die Vorfreude auf Deutschland im Hinterkopf...ja, dann änderte sich jedoch alles...aus welchen Gründen auch immer ging es mir in den letzten Wochen super gut und ich verbrachte fast jede freie Minute mit meinen Freunden oder mit meiner Gastfamilie. An Deutschland habe ich kaum noch gedacht, schließlich gingen mir ganz andere Sachen durch den Kopf, die ich alle noch in meinen letzten Wochen dort erledigen wollte. Als der Abflug schließlich da war, wusste ich nicht wie ich reagieren sollte. Meine Vorfreude auf Deutschland war größtenteils verschwunden....lediglich die Tatsache, dass ich meine Schwester und meine Freunde wiedersehen würde, machte mich glücklicher.
Und dann war es soweit. Kurz legte ich noch einen Brief an meine Gastfamilie auf mein Bett, verabschiedete mich von ihnen und stieg mit meinen Eltern ins Auto – auf dem Weg zum Flughafen. Ich war total zwischen zwei Welten hin und her gezogen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte....es war alles so unverständlich. Irgendwie konnte ich nicht glauben, dass mein ATJ, auf das ich mich so lange vorbereitet hatte und auf das ich mich so sehr gefreut hatte, plötzlich vorbei war...das konnte einfach nicht sein! Von heute auf morgen war alles wieder anders....

Back in Germany

Einen Culture Shock hatte ich in Kanada nie erlebt. Zwar war es für mich nicht leicht gewesen mich einzuleben, da ich viel Heimweh hatte, dennoch zeigten sich bei mir nie diese „Symptome“, die anscheinend fast jeder ATS durchmacht.
Doch dann bekam auch ich ihn zu spüren – in Deutschland. Ich wollte mich nicht wieder auf die deutsche Zeit umstellen, schlief bis 13 Uhr, ging um 4 Uhr ins Bett...das Essen war grausam – falsch gewürzt, anders zubereitet....es schmeckte nicht mehr. Ich dachte nur noch an Kanada, wie dort doch alles „besser“ war....
Meine Freunde schienen anders zu sein als vorher, wobei ich wahrscheinlich wohl diejenige war, die sich so sehr verändert hatte.

Diagnose: Fernweh...bzw. „Heimweh“.

Ich war überzeugt, dass alles besser werden würde, wenn ich erst mal wieder zur Schule gehen würde, unter Menschen kommen würde....doch auch dort, ich fühlte mich so alleine...schließlich wussten die dort alle nicht, wie es mir in Kanada ergangen war, was ich erlebt hatte....Irgendwie war mir nach und nach alles egal. Ich saß in der Schule, und wusste nicht, ob ich mich darauf freuen sollte, nach Hause zu kommen...zwar verstand meine Familie mich, doch irgendwie fühlte ich mich nicht wohl....ich fühlte mich fremd in Deutschland. Zwei oder drei Monate vergingen, bis ich mich schließlich wieder eingelebt hatte. Der Wiederbeginn hier in Deutschland war so viel schwerer gewesen, als mein Anfang in Kanada....

Letztendlich fühle ich mich in Deutschland wieder so wohl wie zuvor auch. Zwar hat sich einiges geändert, aber trotzdem bin ich froh wieder mit den Menschen hier zusammen zu sein. Jedes der beiden Länder hat seine Vor- und Nachteile.

Meine Zeit in Kanada war sicherlich nicht immer einfach, aber ich habe Kanada und die Menschen dort zu lieben gelernt. Es wird für mich immer ein 2. Zuhause bleiben und ich freue mich auch schon auf den Tag, an dem ich endlich wieder dorthin gehen werden, sei es auch nur für einen Urlaub.

Es ist schwer 10 Monate in Worte zu fassen....man könnte ein Buch darüber schreiben. Ich hoffe, ich habe euch wenigsten einen kleinen Einblick in meine Zeit in Kanada geben können.

Fazit:

Macht das beste aus eurem ATJ....es ist eine einmalige Chance. Die Zeit dort wird super schnell vorbei gehen und ehe ihr euch verseht, seid ihr auch schon wieder in Deutschland. Traut euch, Neues zu probieren und holt so viel aus diesen 10 Monaten heraus wie ihr könnt.