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Montag, 24. September 2001

Der erste Schultag ohne Miki, der erste Tag, an dem ich wieder völlig alleine bin. Ich habe Angst - ich habe Angst vor der Angst und während ich auf der einen Seite ständig versuche mich abzulenken, denke ich doch gleichzeitig nur daran.
Wie jeden Nachmittag habe ich noch für die fair gemalt, wir sind aber fast fertig (fair ist am 02. Oktober) und es gibt kaum noch etwas zu tun. Daher habe ich mich in der großen Pause auch noch beim year book team eingetragen, die Arbeit da klingt super interessant und spannend, auch wenn ich mich erstmal in einiges einarbeiten werden muss.
Mir ist, dank Miki, klar geworden, dass ich mich selbst nicht so unter Druck setzen sollte. Dies ist mein Jahr, und natürlich ist es wichtig viele Freunde zu machen, aber wenn ich nun mal eher der Typ für wenige aber dafür gute Freunde bin, dann ist das meine Sache. Dies ist mein Jahr, niemand kann mir sagen wie ich es zu leben habe. Außerdem ist dies auch nur das ganz normale Leben - zu Hause passiert auch nicht jeden Tag was unglaublich aufregendes! Kein Druck, kein Druck, kein Druck...

Dienstag, 25. September

Es fängt an, kalt zu werden. Letzte Woche noch unglaubliche Hitze, letzte Nacht nur noch 4°C, da soll man mal gesund bleiben. Wenn ich morgens zur Schule gehe ist es etwa 8°, und als Tageshöchsttemperatur etwa 15°. Und wir fangen in horticulture grade mal an, die Beete im Stadtpark zu beflanzen :S Immerhin weiß ich jetzt, dass es icicle pansies gibt, die dafür gemacht sind, einen kanadischen Winter zu überleben. Lustig finde ich es, dass wir Noten dafür bekommen, wie gut wir Pflanzen in vorgelegten Mustern in die Beete pflanzen...
Naja, Geschichte ist nach wie vor super anspruchsvoll, ich denke, da habe ich mir auch diesen Bio-Gammel-Kurs verdient.
In Business English haben wir gerade Lebensläufe durchgenommen - das Niveau des Kurses ist wirklich recht niedrig, aber ich lerne sehr viele praktische Vokabeln, gerade, da ich ja später Englisch wohl eher im Beruf brauchen werde. Außerdem weiß ich jetzt, das auf kanadischen Lebensläufen KEIN Passfoto drauf sein darf, weil es illegal wäre, die Bewerber nach dem Aussehen auszuwählen.

Mittwoch, 26. September

Nach anderthalb Stunden Malen für die fair bin ich in die 'Stadt' gegangen (ich streube mich immer noch, diese hochtrabende Bezeichnung für Simcoes Zentrum zu benutzen, aber ich merke, wie sich meine Relationen verschieben - ich war letztes Wochenende von Toronto total erschlagen, weil es mir so groß und riesig und überfüllt vorkam, dabei sind wir nur zu dem außerhalb liegendem Flughafen gefahren) und habe meinen traveller cheque für Oktober eingelöst. Ich habe mir mein gesamtes Geld eingeteilt - kleine Haufen für Weihnachten, Geburtstage, eine Winterjackek, YFU-Trips, etc, zurückgelegt und komme somit für jeden Monat auf... ganze 50$. Das ist leider mal gar nichts, wenn man daran denkt, dass ich zum Beispiel für den Yoga-Kurs, den ich ab heute bis Weihnachten jeden Mittwoch mache, mal lockere 60$ auf den Tisch legen darf. Das heißt, ich düfte den ganzen Oktober lang nichts mehr ausgeben. Oh großer Gott.
Seitdem ich den Yoga-Kurs von einer Lehrerin an meiner Schule empfohlen bekommen habe (sie war durch Zufall bei meinem Zusammenbruch in meinem horticulture-Kurs dabei, weil sie etwas mit meinem Lehrer besprechen wollte, und empfahl mir dann Yoga als Entspannungsübung), bin ich wirklich total begeistert von Yoga. Zumal es mir etwas an dem Abend zu tun gibt, an dem meine Mom immer ganz besonders spät kommt.
Im Übrigen habe ich jetzt regulär angefangen, Mom und Dad zu sagen - auch wenn ich es bei Ron so weit es geht vermeide, ihn anzusprechen. Er ist mir einfach immer noch total zuwider mit seiner Art, ich komme damit einfach nicht klar. Immer dieses "so what is Carrie doing today?" wenn er direkt mit mir redet - ich bin immer sehr versucht zu antworten: "I don't know, maybe you can ask HER"... Argh. Zumindest habe ich, nachdem Miki hier war und Sandy und Ron als Mom and Dad ansprach, beschlossen, dass ich das ebenso gut kann - und Sandy kümmert sich wirklich um mich wie eine Mom. Und das obwohl sie immer so müde und fertig ist, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt. Oft isst sie auch gar nichts mehr, und wenn, dann vielleicht eine Tüte Chips. Dann legt sie sich auf die Couch und reibt mit schmerzverzerrtem Gesicht ihre angeschwollenen Beine. Um halb zehn ab ins Bett und am nächsten Morgen um 6 wieder raus für das gleiche Spiel...
Trotzdem findet sie noch Zeit, sich mit mir zu unterhalten und sich um mich zu sorgen. Schon ihretwegen muss ich mich zusammenreißen und keinen Grund zur Sorge mehr geben. Kein Heimweh.

Donnerstag, 27. September - Der zweite Zusammenstoß mit der kanadischen "Jugend-Kultur"

Während der letzten Tage hat ein Typ aus meiner Englisch Klasse mich wiederholt zum Kaffee eingeladen. Er ist wohl auch einer aus dieser CoffeeMania-freak-Gruppe. Ich habe immer eine Ausrede gefunden, aber er bleibt hartnäckig. Sowieso scheinen hier die Jungs total besessen von Europäerinnen zu sein - anders kann ich mir den Wirbel, der immer um mich veranstaltet wird, nicht erklären. Manchmal nervt es allerdings unglaublich, insbesondere dann, wenn Jungs glauben, ich spräche nur schlechtes Englisch und mir dann ganz langsam ins Gesicht sagen: "Yoouuu aaarre H-O-T! Doo yoouu knooow whaat HOT meeaans?" worauf ich eigentlich immer nur erwidern kann: "No, I have no friggin' idea what you could be talking about, but has ever someone explained the meaning of the word 'annoying' to you?!" Ich kann es nicht haben, dass ich die ganze Zeit angestarrt und mit billigen Sprüchen angebaggert werde. Das bin ich nicht gewöhnt und ich weiß auch einfach nicht, wie ich damit umgehen soll. Ist das hier normal??
Als ich nach Englisch an meinem locker stand, um meine Bücher auszutauschen, kam noch so ein Typ aus meinem Kurs und fragte mich, ob ich an fair mit ihm "hang out" wollte... Da ich gehört hatte, dass eh die ganze Schule anwesend ist, sagte ich, klar, warum nicht, wir sehen uns dann!
Der wirkliche Fehler daran wurde mir wirklich nicht bewusst, bis Geoff, ein weiter Englisch-Kursler (der im übrigen auch derjenige war, der mich überredet hatte, zu diesem Konzert am letzten Samstag zu gehen), mich im Gang traf und sagte "hey, I've heard you're dating Ryan?" - Bitte was??? Ich date hier gar niemanden (auch wenn ich zugegebener Maßen auch nicht weiß, wann man die Bedingungen für 'dating' erfüllt hat - wann ist ein date ein date?) - schließlich erklärte Geoff mir, dass Ryan schon seit Tagen nur von mir redet und jetzt jedem, der es hören will und auch denen, die es nicht hören wollen, erzählt, dass er ein Date mit mir an fair day hat.
Das sehe ich aber mal völlig anders! Also suchte ich mir diesen durchgeknallten Rotschopf und stellte ihn zur Rede, versuchte ihm zu erklären, dass ich das kanadische dating-system noch nicht so ganz durchschaut habe, und dass ich kein Problem habe, ihn einfach so beim fair day zu treffen, aber dass ich ganz bestimmt keinerlei Interesse an einem date habe. Ich war ziemlich aufgebracht, weil an dieser Schule natürlich jeder meiner Bewegungen beobachtet wurde, und es sich wie ein Lauffeuer ausgebreitet hatte, dass ich fest mit Ryan zusammensei. Als dann auch noch MJ auf mich zukam, und fragte ob ich mir sicher sei, dass es richtig sei, so überstürzt eine Beziehung anzufangen, platze mir echt der Kragen.
Ansonsten haben wir heute wieder einen Geschichtstest geschrieben - unser Lehrer zieht den absoluten Frontal-Unterricht durch und prüft dann jede Woche, ob wir die Vorträge verstanden und den Stoff gelernt haben.
Da Gabby und ich uns am Abend zuvor wieder zum Lernen getroffen hatten (und mal wieder nur über Jungs im speziellen und das Leben in Simcoe im allgemeinen geredet haben), denke ich, dass der Test sicherlich wieder ein ein >90%-Note sein wird.
Heute abend kommt mein Dad in seiner Mittagspause (so gegen 6 pm) nach Hause, wir essen zusammen zu Abend und fahren anschließend gemeinsam zurück zu seiner Schule. Dort darf ich meine emails am Computer des Direktors checken, denn er hat von meiner Internet-Losigkeit gehört und machte mir dieses sehr liebe Angebot. Er ist sowieso sehr nett und hat meinem Gastvater wieder lauter Komplimente für so eine tolle Austauschschülerin gemacht (was für eine Leistung ist es denn bitte, mich als ATS zu haben?!). Zumindest sieht es so aus, als dürfte ich jetzt einmal pro Woche meine emails abrufen und mich auch mal bei ein paar Leuten zu Hause melden.
Ich bin jetzt seit etwa 5 1/2 Wochen hier und der Kontakt zu meinen Freunden schläft bereits langsam ein... Für sie hat die 11 bereits begonnen, alle sind mit den neuen Kursen und den neuen Mitschülern schwer beschäftigt und kaum einer hat Lust, emails zu verschicken, die selten gelesen und nie beantwortet werden. Ich kann es gut verstehen, aber es ist trotzdem schade, weil auf meine Frage, was zu Hause so passiert und was es neues gibt, immer nur kommt "du weißt schon - das Übliche halt"...

Freitag, 28. September

Nach der Schule fand unser erstes football game statt - auch wenn ich die Regeln nicht kenne, fand ich es sehr interessant, schon einfach weil es so ur-typisch nordamerikanisch ist! Außerdem begeistert mich der school spirit einfach - auch wenn ich es lustig finde, dass unsere cheerleader, die wohl die besten aus der ganzen Gegend sind, es nicht für nötig halten, bei einem normalen football game zu cheeren. Sie saßen in ihren warm up Trainingsanzügen auf der Bank und klatschen ab und zu - Gabby erklärte mir, dass sie sich wohl nur für ihre Wettkämpfe wirklich anstrengen und sogar mal ihre Uniformen anziehen.
Nach dem Spiel trafen Anna, MJ und ich uns um nach London zu fahren, unsere Gasteltern hatten sich untereinander abgesprochen und eine Fahrgemeinschaft gebildet, da die Fahrt nach London etwa 2 Stunden dauert. Dort trafen wir uns in einem abgelegenen camp für unser
YFU ARRIVAL ORIENTATION CAMP
Alle 45 Schüler, die mit YFU in Kanada sind (mit Ausnahme der 7, die es nach Alberta verschlagen hat, und die ihre eigene Mini-Orientation vor Ort haben), in einem Haus - was für ein Wochenende!! Erstmal gab es ein riesiges HALLO als die Monkton crew wieder zusammenwaren - alle ehemals Heimatlosen hatten inzwischen Familien gefunden und es war einfach super, sie alle wiederzusehen. Bei der großen Begrüßungsrunde, bei der sich jeder ATS kurz vorstellen sollte, hängte jeder von uns an seinen kurzen Text "My name is Carrie and I am from Germany. I live in Simcoe with MJ and Anna..." noch ein "...and I am part of the Monkton crew" an und jedesmal brachen wir alle in ein riesiges Gejohle und Gejubele aus. Natürlich ist das weder nett noch fair für die anderen ATS, aber schon innerhalb des ersten Abends durchmischte sich unsere ganze Gruppe, und schon bald war die Monkton Crew nicht mehr als eine Erinnerung an eine Zeit, in der wir noch nicht wussten, mit was wir dieses Jahr zu kämpfen haben würden.
Den Abend hatten wir zum kennenlernen und austauschen frei, gegen 4 oder 5 fielen die meisten dann doch in ihre Betten, so aufregend es auch war, mit so vielen Gleichgesinnten aus aller Welt zusammenzusein.

Samstag, 29. September

Frühstück um 8 (uff, alle leicht müde und verschlafen, aber den Appetit hat noch keiner verloren - auch wenn das ein oder andere Mädchen mit unglücklichem Gesicht auf die reichhaltige Auswahl an kalorienhaltigen Leckereien zum Frühstück guckt), erste Gruppensitzungen um 9 mit Themen wie "My hostfamily and I", "My school and I", "My problems and I",..., Mittagessen und -pause von 12 bis 2:30, danach wieder Gruppensitzungen, Abendessen um 6. Anschließend zeigte jede Gruppe eine kleine show - Europa hatte sich in Skandinavien und Rest-Europa aufgeteilt, und wir zeigten eine show á la Herzblatt (mit Jack Lumber als dem auswählenden Mann und schönen Stereotypen aus den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz als Kandidatinnen) und kamen ziemlich gut an. Die Skandinavier zeigten eine typische Sauna-sauf-szene, die Südamerikaner sangen ihre Nationalhymnen und tanzten, die Japaner falteten Origami-Figuren und die YfU-Mitarbeiter sangen die kanadische Nationalhymne für uns.
Auch wenn es wieder nur pop (=soft drinks) und chips gab, haben wir bis 5 Uhr morgends gefeiert, geredet, gelacht und getanzt, soweit das möglich war, da die Südamerikaner mit ihrer unglaublich lauten und dominanten Art die Stereoanlage übernommen hatten und wir nur noch Salsa zu hören bekamen. Es war interessant zu sehen wie es nach 24 Stunden die zwei Lager gab: Südamerikaner und nicht-Südamerikaner... Sie gingen uns tierisch auf die Nerven mit ihrem Spanisch-Gerede (sogar die Japaner versuchten untereinander Englisch zu reden, obwohl ihre Sprachkenntnisse teilweise wirklich sehr gering waren) und ihrem wir-machen-das-camp-zu-einem-Teil-Südamerikas... Der Rest saß hauptsächlich im großen Aufenthaltsraum an den Tischen, hielt sich mit Kaffee wach und redete und redete und redete...
Es war großartig zu hören, wohin es die anderen so verschlagen hatte, was für Erfahrungen sie gemacht hatten und wie jeder seine Zeit so in Angriff nahm.
Besonders schön für uns Deutsche war es, dass Nicole, die wir auf unserer VBT kennengelernt hatten, da sie unser Kanada-Returnee war, den Sommer lang bei YFU Kanada arbeitete und es so ein überraschendes Wiedersehen gab.

Sonntag, 30. September

Wie am Vortag quälten sich alle nach 3 Stunden Schlaf aus dem Bett und schleppten sich zum Frühstück und anschließenden Gruppensitzungen. Alle, auch die Leiter, ließen es lockerer angehen und so lagen die meisten Gruppen nur draußen in der Sonne auf dem Rasen oder spielten Fussball. Kurz vor dem Mittagessen hatte YFU dann noch eine Überraschung für uns: Es wurde extra für uns ein Trommel-work-shop veranstaltet, bei dem wir über eine Stunde lang alle in einem großen Kreis miteinander, gegeneinander und teilweise völlig durcheinander verschiedene Rhythmen ausprobierten. Es war absolut toll und gab dem ganzen Wochenende einen richtig schönen Abschluss! Nach dem Mittagessen kamen die Eltern, hatten noch Gelegenheit die yfu-Mitarbeiter einiges zu fragen und schließlich fuhren alle völlig erschöpft aber sehr glücklich nach Hause.
Auf der Rückfahrt wurde mir klar, dass ich keinen Grund habe, mir irgendwelche Sorgen zu machen. Im Vergleich zu manch anderem spreche ich schon sehr gutes Englisch, habe schon Freundinnen gefunden und unternehme recht viel. Allerdings habe ich auch niemanden sonst gefunden, der soviel Zeit am Tag alleine ist. Ich wünschte ich hätte Gastgeschwister, die noch zu Hause leben.

Montag, 01. Oktober

Friederike hat angerufen!! Seitdem sie am gleichen Tag wie ich in die USA abgeflogen ist, hab ich nichts mehr von ihr gehört - sie hat auch keinen Internetanschluss und ist daher ebenso abgeschottet von der Außenwelt wie ich. Es geht ihr wohl ganz gut, sie hat mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen wie ich, da ihre Gastschwester (ihre alleinstehende Gastmutter hatte extra zwei ATS aufgenommen, damit sie nicht so alleine sind) nach Mexiko zurückfliegen musste, da ihre Eltern Angst wegen dem 11. September hatten.
Es war unheimlich schön wieder mit einer guten Freundin von zu Hause zu sprechen. Ich bin nicht allein, egal wie schief hier alles läuft, ich habe Menschen zu denen ich zurückkehren kann! Alles ist gut.

Dienstag, 02. Oktober - FAIR DAY

Die unglaubliche Welt des school spirits!!
Ich stehe vor meinem Haus und warte auf Gabby. Es ist 8 Uhr und alles ist ruhig - der übliche Lärm, der sonst von der Schule ausgeht, fehlt, denn alle sind schon auf dem Weg zur fair. Ich trage ganz in school spirit hellblaue Jeans, ein blaues Top, blaue Schuhe und habe meine blau-weißen PomPoms dabei, die während der letzten Tage in der Cafeteria verkauft wurden. Alles bereit für meinen ersten school fair day, von dem ich immer noch nicht weiß, was ich davon halten soll.
Am fair Gelände angekommen, bin ich erstmal völlig erschlagen von diesen Hunderten und Hunderten von Schülern!
Der Wettkampf-Platz ist ein riesiger Sportplatz, der wohl früher mal eine Pferderennbahn war, an dessen einer Seite riesige Tribünen stehen, die in 6 gleiche Teile unterteilt sind, die den jeweiligen Schulen zugeordnet sind. Alles quilt über mit in Schulfarben gekleideten und geschminkten Schülern... Simcoe Composite School in blau und weiß,
Holy Trinity (die neu eröffnete katholische Schule in Simcoe) in Schwarz, grau und lila,
Waterford in rot und weiß,
Delhi in blau und gelb,
Port Dover in grün und weiß.
Wir kämpfen uns vor bis wir einen relativ guten Platz auf unserem Teil der Tribüne ergattert haben, und sofort stürzen sich zwei Mädchen auf mich, die mir noch schnell die Tatzen unseres Maskottchens ins Gesicht malen (es sind zwar Bärentatzen, aber wer weiß schon genau was für Fußabdrücke ein Säbelzahntiger hinterlässt). Ich bin völlig überwältigt von der Deko - die Tribüne und das Podium in der Mitte auf dem Rasen von dem Sportplatz und einfach alles ist über und über mit Postern, Spruchbändern und Plakaten behängt. Ich verstehe mit einem Mal warum wir SO VIEL malen mussten - jede Schule versucht die anderen zu übertönen und auszustechen. Gabby fängt an, mir fair day zu erklären:
Es gibt das Wettrennen, das Tauziehen, die cheerleader competition und extra Punkte für Deko und school spirit, etc., und am Ende des Tages wird die beste Schule bekannt gegeben, die insgesamt am meisten Punkte bekommen hat.
Auf dem restlichen fair Gelände gibt es nicht nur Schmetterlingsbahnen und Riesenräder und kleinere Achterbahnen und Buden und Stände, sondern auch Ausstellung - sowohl von Farmern, die ihre größten und schönsten Erzeugnisse zeigen, als auch von den Schulen, die Kunstprojekte und ähnliches zeigen. Auch diese Ausstellungen werden beurteilt und jeweils der schwerste Kürbis oder das schönste Bild prämiert.
also kann eine Schule auch noch durch Kunst, etc. Punkte gewinnen.
Auf dem Wettkampfplatz ist ein unglaublicher Lärm, alle Schüler schreien und jubeln, viele haben Dinge mitgebracht, mit dem sie Lärm machen können - denn die lauteste gewinnt.
Gestern begann der Unterricht später, weil alle noch an einer sogenannten pep ralley teilnehmen mussten - das war quasi das Aufwärmen für fair. Die cheerleader haben ihre show schonmal gezeigt und ihre chants mit uns eingeübt - es ist nämlich sehr wichtig, dass die Schule geschlossen und gut hörbar auf die cheers der cheerleader antwortet, sonst verliert man Punkte. Schon bei der pep ralley war ich total sprachlos angesichts des school spirits, wie alle gejubelt und geschrien und getobt haben, aber fair day übertrifft es bei weitem.
Es hält keinen auf den Sitzen, alle flippen total aus und dabei laufen sich unten auf dem Platz nur ein paar Läufer warm.
Offiziell beginnt es mit dem Einzug der teams, da die Sportler sich aber schon warmmachen mussten, ziehen nur die cheerleader squads auf das Feld ein. Jede Schule rastet völlig aus wenn ihre Mädels auf den Platz vor die Tribünen gerannt kommen, die ersten flick flacks und Überschläge gezeigt werden und die ersten chants zur Begrüßung entgegengeschmettert werden. Simcoe hat als Gastgeber traditionell das Recht, als letzte einzuziehen, und während alle anderen rennen, kommen die Mädchen nur mit schnellem Schritt auf das Feld, gehen in Position und schmettern uns ein so gewaltiges "HEY - HEY YOU SCS - ROCK THE HOUSE AND GET LOUDER" entgegen, dass es nur von dem einstimmigen Gebrüll unserer Schule übertönt wird. Es ist der Wahnsinn!!
Schließlich fällt der Startschuss für das erste Rennen, und alle feuern ihre Sprinter bis zum letzten an. Es laufen verschiedene Altersgruppen, aber alle Rennen sind Staffelläufe - und SCS gewinnt!!!! Gabby schreit mir über den Lärm zu, dass es ein drei Jahre alter Wettkampf zwischen unserem besten Sprinter und dem besten Sprinter von Valley Hights ist, der alle so anheizt: Die Jungs starten beide immer als letzter und was immer zeitgleich, und bis jetzt haben wir immer gewonnen, aber nur haarscharf, und jedesmal schwört die andere Schule Rache und Vergeltung und...
Alle fallen sich jubelnd um den Hals, wir haben es geschafft, SCS geht als erstes durchs Ziel!!!! Die Hölle ist los!
Plötzlich fällt mir ein: Ich darf nicht nur dumm rumstehen und zugucken - mir ist vom year book team die Aufgabe mitgegeben worden, Fotos für das year book zu machen, also fange ich, Gruppen von Schülern mit besonders viel school spirit zu finden und zu fotografieren ("give me a sabre-rrroooaaarrrr") und auf das Feld unten zu gehen und die tug of war (Tauziehen)-teams zu fotografieren. Die bulligsten Typen, praktisch das ganze football team, treten für unsere Schule an und sind total gepumpt. Als ich wieder raufkomme, ist Gabby damit beschäftigt, gemeinsam mit etwa 7 anderen Mädchen den siegreichen Sprinter unserer Schule zu beglückwünschen, der das ganze gequält blickender Weise erträgt. Als ich mich dazustelle, sieht er mich, und ich erkenne ihn jetzt ist: Das ist doch einer dieser beiden Trottel aus meinem horticulture-Kurs, die meinen, immer mit mir rumalbern zu müssen!! So wurde unsere Schubkarre kurzerhand in "Spazzaudoh" umbenannt (funcart = Spass-auto = ...) und auch ansonsten finden sie es ganz toll, die ATS ein bisschen zu nerven. Und jetzt steht er da plötzlich vor mir, immer noch im Schul-outfit, und sagt über die ganze Gruppe von Mädchen hinweg (die ihm wie mir nur bis zum Ellbogen gehen) "Hi Carrie! How do you like fair this far?" Alle drehen sich um und sehen mich an, insbesondere Gabby, die den Mund nicht mehr zukriegt. "You know Jeff Ferguson?!" zischt sie mich an. Ich erzähle ihr von unserem Rumgeblödele im Bio-Kurs und sie macht mich darauf aufmerksam, dass manche Mädels töten würden, um mit Jeff zu reden - er ist wohl sowas wie der Star der 12. Klasse, nur leider nicht sehr glücklich mit seiner Popularität und redet deshalb grundsätzlich nicht mit fans. Ich schätze, ich hab mich durch reine Unwissenheit über seinen status schon als Gesprächspartner qualifiziert
Die Tau-ziehen-Wettkämpfe verlaufen auch durchweg positiv für uns, auch wenn die Mädels einige Male verlieren.
Und schließlich das high light: Die cheer leader treten an.
Durch riesige Boxen wird das gesamte Feld beschallt und jedes squad hat seinen eigenen Musikmix und seine eigene Choreographie, die Tanzen, cheeren, Akrobatik, usw. vereint. Eine absolute super-Darbietung, und die anderen Schulen sind einfach nur toll! Die SCS Mädels lehnen bis zum Schluss betont gelangweilt an der Tribüne und als sie schließlich als letzte an der Reihe sind, und der erste Ton von ihrer Musik ertönt, bricht die SCS Tribüne in unglaublichen Lärm aus. Die anderen Schulen haben jeweils schon geschrien und getobt was das Zeug hält und ihre chants erwidert, und jetzt liegt es an uns, alles bisherige zu überbieten, und es hält niemanden mehr.
Unsere Mädels sind der reinste Wahnsinn, die Akrobatik um einiges schwieriger als die der anderen (und auch die Röcke um einiges kürzer, auch wenn man kaum glauben mag, dass das geht) und der Auftritt reisst einfach alle mit!
Nach diesem absolut atemberaubenden Finale verströmen alle Schüler auf das restliche fair Gelände und ich gucke mir mit anfangs mit Gabby und dann mit Amanda, meiner Freundin aus horticulture, die Kunst- und Farmerausstellungen an und gehe auf die ein oder andere Attraktion - es macht super viel Spass, auch wenn alle etwas heiser und total verschwitzt sind, obwohl es morgens noch richtig kalt war.
Ein wahnsinns-Erlebnis!
So gegen 5 kann ich einfach nicht mehr, den ganzen Tag auf den Beinen, und so laufe ich nach Hause (einmal quer durch Simcoe, da das Gelände etwas außerhalb liegt) und esse mit meinen Eltern zu abend. Anschließend gehe ich aber doch noch wieder schnell in die Stadt, da ich mich bei den Young Theatre Players, einer Art Jugendtheater in der Stadt erkundigen wollte, ob ich dort irgendwas machen kann. Ich laufe allerdings zwei Mal um das etwas merkwürdig aussehende Gebäude herum und kann mich nicht überwinden hineinzugehen - schließlich gehe ich wieder nach Hause und falle um 9 Uhr total erschöpft aber sehr glücklich und zufrieden ins Bett.
Hey
Hey you SCS!
...ich bin ein Simcoe Sabre, oh yes...
GIVE ME A SABRE RRRRRROOOOOOOOOAAAAAAAAAAAAARRRR!!!!!!!