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Meine Gastmutter.

Meine mom, meine süße kleine liebe mom, die eine der wichtigsten Personen meines ATJ war und für immer in meinem Leben bleiben wird.
Plötzlich stand sie vor mir und ich war überhaupt nicht in der Lage, klar zu denken oder die Bedeutung dieses Moments zu erfassen. Diane sieht sie, geht auf sie zu und sagt "Well hello Sandy! So nice to see you again.... well this is Carrie" und Sandra Sheppard macht einen Schritt auf mich zu. Ich sehe auf eine etwa 1,65 m große Frau herunter (deren Umarmungen für die nächsten 3 Monate der einzige Halt in meinem Leben sein werden), ziemlich rundliche Figur, aber sehr energisch wirkend, mit schwarz-grauem, kinnlangen Haar, klaren grau-blauen Augen (wie sehr wird es mir weh tun, wenn ich diese Augen das erste Mal weinen sehe) und einem freundlichen Lächeln (hinter dem sich so viel Traurigkeit versteckt).
Ich kann heute, etwas mehr als zwei Jahre später, nicht mehr sagen, ob sie mir die Hand geschüttelt hat oder sich einfach nur vorgestellt hat, aber ich werde nie diesen bestimmten, sachlichen, bodenständigen Eindruck vergessen, den sie auf mich gemacht hat.
Ohne langes Herumreden stellt sie sich neben mich, sieht auf das Anmeldeformular und fängt an, mir ihre Daten zu diktieren. Während ich mich stark konzentriere um das englische Alphabet richtig zu Papier zu bringen, erzählt sie mir durch diese Daten alles, was ich erst mal über meine Gastfamilie wissen möchte:
Meine Eltern heißen Ron und Sandra Sheppard, sie leben in Simcoe, sind Mitte 50, sie arbeitet als Rezeptzionistin bei einem Zahnarzt und er als custodian, also eine Art Hausmeister, in einer Grundschule.
Na also! So schwer war das doch gar nicht - immerhin weiß ich jetzt schon mal wo und mit wem ich leben werde
Wir geben mein Formular ab, verabreden uns mit der Vize-Direktorin für Montag und gehen durch die Schule eine kleine persönliche Tour, da wir bis jetzt nur das Sekretariat und die Toiletten gesehen haben, auf die MJ und ich uns direkt nach der Ankunft geflüchtet haben, um noch mal unser äußeres Erscheinungsbild für die erste Begegnung im Spiegel zu überprüfen und um den Kakaofleck aus meiner Bluse auszuwaschen; irgendwas muss doch immer schief gehen!!
Als wir ein paar Stufen und einen lang Gang runtergelaufen sind, stehen wir vor einer Tür, dem kleinen Hintereingang meiner Schule. Sandy zeigt aus dem Fenster daneben und deutet auf die andere Seite des football fields (wie oft werde ich noch FAST zu spät über dieses Feld rennen, rutschen, stolpern - wie sehr werde ich mich noch auf diesem Feld quälen!) auf eine Reihe Häuser: "That is where we live."
Mein Zuhause!! Leider hab ich vor lauter Aufregung nicht drauf geachtet, auf welches der Häuser sie gezeigt hat, aber ich habe eine ziemliche starke Vermutung, die sich kurz darauf bestätigt, als wir uns wieder in Dianes Auto gestopft haben, einmal um die Schule herum gefahren sind und vor Nummer 49 halten. "Hundehütte" ist mein erster Gedanke, der sich noch verstärkt, als ich die Stufen hinaufsteige, sich Sandy in der Tür noch mal umdreht und fragt "You aren't afraid of dogs, are you?" Bevor ich Zeit habe zu antworten, fällt mir ein riesiger zotteliger Köter an den Hals, und ein zweiter schmeißt sich mit so einer Wucht gegen meine Beine, dass ich fast den Halt verliere, und meinen einen Koffer abstellen muss um mich wieder zufangen. Diane verabschiedet sich schnell aber herzlich, und plötzlich steh ich in meinem neuen Wohnzimmer.
Sandy reißt die beiden Hunde an ihren Halsbändern von mir und scheucht sie aus dem Zimmer, richtet sich wieder auf und erklärt mir, dass das Remi und Shadow seien. Meine "Gastbrüder", wenn man so will. Schnell sehe ich mich um, und höre kaum richtig zu, als sie mir erklärt, dass die Familie normalerweise diese Haustür nicht benutzt (die auf mich schon merkwürdig genug wirkte: Das typische Fliegenschutzgitter und dann eine einfache Holztüre), aber dass sie es für meinen Einzug passender fand, als den normalen Hintereingang durch die Küche zu nehmen.
Das Wohnzimmer wirkt auf mich sehr simpel, gut bewohnt und ein bisschen heruntergekommen: Der Holzfußboden ist größtenteils von einem sehr zotteligen, vergilbten, langhaarigen bräunlichem Teppich bedeckt, dem man die Kau- und Sabberlust der Hunde ansehen kann. Ebenso den beiden Sofas, von denen die eine mehr schlecht als recht auf ihren kurzen Beinchen steht, und die andere nur wenige Zentimeter höher als der Boden zu sein scheint. Außerdem steht neben der wackeligen-Beine-Couch noch eine altmodische Stehlampe, ein durchgesessener Sessel (der bald sowohl mein Lieblings- als auch mein Stammplatz werden sollte) und gegenüber von den Sitzplätzen der ziemlich große Fernseher, der in meinen abschätzenden das einzige in dem Zimmer zu sein scheint, das noch mehr als 50$ wert zusein scheint (so verächtlich ich auch erst auf alles herabsehe, umso liebevoller verabschiede ich mich in 11 Monaten davon). Auf einer alten Holzkommode steht eine uralte Stereoanlage mit Plattenspieler, in einem Wandregal ist ein bisschen Nippes ausgestellt, und damit ist der etwa 4x5 Schritte große Raum ausgefüllt.
Dem Eingang gegenüber ist ein leerer Türrahmen, der in die Küche führt - oder vielmehr in den Teil der Küche, der in die Treppe und das Elternschlafzimmer übergeht. Sandy zeigt mir kurz die Küche, die auf mich wenig größer als ein Flur wirkt, das Elternschlafzimmer, das mit einem Doppelbett und einer Kommode vollgestopft wirkt, das kleine Bad, in das nur eine Toilette und ein Waschbecken passt, und schließlich die Treppe, die in 'meine Welt' führt.
Die Hunde begleiten uns den halben Weg nach oben, was sich als schwierig erweist, da sie mir ihren Krallen auf den glatten Holzstufen ausrutschen, und damit Sandy und mir in die Beine fallen, da die Treppe zu schmal für einen ausgewachsenen Hund und einen Menschen nebeneinander sind. Außerdem stoßen die Hund bald auf Wiederstand: Vom Treppenabsatz faucht uns ein großer, wirklich großer, grauer Kater entgegen - Smudge stellt sich vor.
Meine Gastmutter tritt den Kater aus dem Weg und schickt die Hunde nach unten, dreht sich nach rechts und geht an dem Badezimmer vorbei in mein Zimmer.

Mein Zimmer!

Mein Reich, meine Welt, mein zu Hause, mein - Ja ich bin mir bewusst dass ich mich wiederhole! Es ist nur alles so neu, so aufregend!!!!
Sandy tritt zur Seite um mich in mein Zimmer zu lassen. Ich stelle meinen Koffer ab und nehme alles in mich auf; die blaugestrichenen Wände ("vor erst einem halben Jahr hab ich mein Zimmer in Deutschland von Blau in Gelb umgestrichen - und jetzt sind wir wieder bei Blau!" schießt mir durch den Kopf) an denen ein neonfarbiges Poster hängt (bald würde ich herausfinden, dass es einen großen Riss in der Wand verbirgt, und kurz darauf mit einem "Save the last dance"-Poster ersetzen - aber ich greife schon wieder vor), die Tür zu dem Wandschrank, die sich hinter der geöffneten Zimmertür verbirgt, die kleine Kommode die links von mir unter dem kleinen Fenster steht, die etwas größere die den Rest der Wand ausfüllt, mein Bett, dessen Breite das Zimmer (bis auf etwa einen großen Schritt Platz zwischen Tür und Bett) fast ausfüllt und dessen Kopfende sich zwischen Wand und Wandschrank quetscht - mein Zimmer.
Meine Gastmutter sagt etwas von wegen 'Zeit für mich um mich frisch zu machen', und geht wieder nach unten, laut mit den Hunden schimpfend.
Ich setze mich auf mein Bett, seh mich um und sehe so viele Möglichkeiten, dieses Zimmer zu meinem Zimmer zu machen (in dem ich noch so viele Tage weinend beginnen werde, in dem ich fast verzweifeln und doch wieder Mut fassen werde, in dem ich endlose Telefonate führen werde, in dem ich mich geborgen und wohl fühlen werde, in dem ich die schönsten Gespräche mit meinen Freundinnen haben werde, in dem ich meinem Freund von meinem deutschen Leben erzählen werde, in dem ich mein Herz dem Kater ausschütten werde, in dem ich von vielen weiteren Chancen träumen, und vielen verpassten Gelegenheiten nachtrauern werde, in dem ich immer einen Spiegel vermissen werde, in dem ich versuchen werde, durch abendliches Training dem Austauschschülerspeck entgegen zuarbeiten, in dem ich mich für die aufregendsten Nächte meines bisherigen Lebens fertig machen werde und in dem ich einfach ich sein werde. Einfach ich.)

Der Abend

Stellt euch vor, jemand würde sich am ersten Abend eures ATJ mit euch hinsetzen, und eurer ganzes Jahr vor euch ausbreiten. Euch erzählen, was auf euch zu kommt, wo es schwierig wird, und wo ihr kämpfen müssen werdet. Würdet ihr euer Jahr in Angriff nehmen, wenn ihr schon im vorraus wissen würdet, wie hart es wird? Oder würdet ihr den leichteren Ausweg nehmen?

So in der Art gestaltete sich mein erster Abend bei meiner Gastfamilie.
Nachdem mein Dad nach Hause gekommen war, und wir die ersten grundsätzlichen Regeln besprochen hatte (solange meine Gasteltern wissen, wo ich bin, was ich mit wem dort tue und wann und wie ich nach Hause komme, kann ich "tun und lassen" was ich will - vorerst), saß ich mit meinen Gasteltern im Wohnzimmer und meine Mom wurde ernst.
Auf dem Kaminsims im Wohnzimmer stehen Fotos, die meine Mom mir jetzt erklärte: Das Familienfoto in der Mitte, der eine Sohn bei seiner College Graduation und seiner Hochzeit rechts, der andere mit seinem Hund links, daneben rechts drei ATS und links vier, jeweils die school pics. Nach und nach stellte sie mir die einzelnen vor: "Das ist Val aus den Niederlanden... die hat es nicht sehr weit gebracht, war viel zu schüchtern. Das ist Freddy, der war auch sehr ruhig, und sehr einsam während seines Jahres. Und das hier, das ist ...." Ziemlich schnell war mir klar, dass auf der linken Seite die "Versager" aufgereiht waren... der Sohn, der keinen Uni-Abschluss und noch nicht mal eine Freundin hat, die Austauschschüler, die in den Augen meiner Gasteltern versagt hatten. Angst machte sich langsam bemerkbar, plötzlich fühlte sich die Luft im Wohnzimmer stickig an. Es wurde nicht besser, als meine Gastmutter das Foto von Miki in die Hand nahm: "Das ist Miki, sie ist unsere japanische Tochter. Die erste YFU-ATS die wir hatten; die anderen waren mit Rotary bei uns, daher auch nicht so lange. Aber Miki... ach sie fehlt mir immer noch" Sie stellte das Foto zurück auf die rechte Seite neben das Hochzeitsbild, und das zweite Bild von Miki, auf dem sie beim Tanzen zu sehen ist. Süß, keine Frage - aber wenn Miki der 'erfolgreiche' Typ ATS ist, geh ich am besten direkt nach Hause!! Schließlich zeigt Sandy auf das letzte Bild: "Natalia. Sie war so unglaublich lustig, wir hatten so viel Spass mit ihr! Ach Gott, was haben wir gelacht. Sie war so ein Wirbelwind, mit ihr war ständig was los!!" Lustig? Spaß? Wirbelwind? Ich fühl mich eigentlich momentan mehr mit Val verbunden, der Niederländerin die sich stundenlang unter der Dusche versteckte, um heimlich weinen zu können. Zweifel macht sich breit, ich versuche tapfer und von mir überzeugt zu lächeln und merke selbst, wie hilflos meine "oh i see, yes, okay, yes" klingt, das ich als einzige Antwort auf diese "Austauschschüler und ihre Schicksale in Simcoe"-Präsentation weiß.
Ziemlich demotiviert setze ich mich wieder auf die Couch, wo meine Gasteltern dann das ehrlichste Geständnis ablegen, das ich jemals gehört habe:
"Um ganz offen zu sprechen: Wir wollten keine Austauschschülerin mehr. Wir hatten genug, wir können nichts mehr bieten, wir finden es nicht fair einen jungen Menschen wie dich in unser Haus zu holen und ihm damit die Chance auf besseres zu nehmen.
Als Diane (national YFU director) angerufen hat, um zu fragen, ob wir eine Schülerin zumindest zeitweise aufnehmen würden, haben wir ihr erklärt, dass wir es den Schülern gegenüber ungerecht finden, sie nur zeitweise aufzunehmen - entweder ganz oder gar nicht. Also meinte Diane, sie würde uns eure Profile zuschicken, damit wir unseren ATS aussuchen können. Wir haben lange überlegt, und uns für dich entschieden - weil du am jüngsten bist.
Aber uns ist sehr wichtig, dass du verstehst, das unsere Entscheidung nicht entgültig ist. Das soll nicht heißen, dass wir dich rausschmeißen!! Aber wir wollen dir die Entscheidung überlassen, ob du bei uns bleiben möchtest. Wir können dir nichts bieten, und es wird sicherlich kein langer Urlaub bei uns, wir können uns teilweise Dinge nicht leisten, die sich andere sehr wohl leisten können - und deshalb wollen wir dir die Möglichkeit offen halten, dir eine neue Familie zu suchen. Wir werden dir nicht böse sein und dir auch keine Probleme machen, wenn du dich gegen uns entscheidest.
Aber falls du dich entscheidest, bei uns zu bleiben, versprechen wir dir, dass du von dem Moment an unsere eigene Tochter bist, und dass wir alles für dich tun werden, was uns möglich ist."

Unnötig zu sagen, wie ich mich entschieden habe, oder?