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Augen auf. Mach die Augen auf.
Ich blinzele ein paar mal und versuche den Wecker auf meinem Nachttisch zu fokussieren. Ich erkenne eine 9, also haben wir wohl kurz nach 9, vielleicht halb zehn. Das Zimmer in dem ich bin wirkt ungewohnt, ich sehe über mir eine unbekannte Dachschräge. Ich höre Geräusche von unten, leise Stimmen, das Kratzen der Hundekrallen auf dem Linoleum, Geschirrklappern.
Mein Zimmer ist leer. Ein paar meiner persönlichen Dinge stehen auf der Kommode neben meinem Fenster, meine Koffer versperren den letzten Platz auf dem Fußboden. Ich beschließe aufzustehen, und diesen Tag in Angriff zu nehmen.

Die erste Dusche in meinem neuen Zuhause! Erfreut stelle ich fest, dass der Duschkopf so hoch hängt, dass ich fast aufrecht darunter stehen kann. Fast.
Ich achte unbewusst darauf, dass ich nicht zu lange im Bad brauche - keinen schlechten Eindruck machen.
Ich hoffe dass ich nicht viel zu lange geschlafen habe, aber es war wieder relativ spät letzte Nacht, Sandy und ich haben noch lange geredet, und ich kann mich nicht genau erinnern, wann ich eingeschlafen bin.

Als ich in die Küche komme, hat Sandy schon das Frühstück gemacht. Ron ist bereits seit ein paar Stunden weg, er hat mir am Abend vorher aufgeregt erzählt, dass er heute morgen mit seinem Schwager angeln gehen wollte.
Ich frühstücke Toast und trinke ein Glass Wasser dazu - noch habe ich zu grosse Angst vor der Gewichtszunahme, die sich später bis zur völligen Verweigerung von Frühstück oder lunch steigern wird.

MJ ruft mich gegen Mittag an um zu fragen, ob wir gemeinsam unsere Kurse aus dem dicken Kursbuch, das wir Freitag bekommen haben, wählen wollen. Ich freue mich, und mir fällt nach dem Auflegen ein, dass MJ vermutlich auch einen anderen Grund als die Kurswahl hatte, mich zu fragen ob sie vorbeikommen könnte. Ich bin mir selbst nicht so sicher, ob ich grade glücklich oder unglücklich bin, ob ich lachen oder weinen möchte. Es ist ein merkwürdiges Gefühl - als würde man zwischen den Dingen schweben, und obwohl ich bereits mitten in meinem Austauschjahr drin bin, fühle ich mich wie eine außenstehende Beobachterin.

Das Warten auf MJ fülle ich mit Einräumen meines Zimmer. Es geht schneller als ich gedacht hätte: Meine Kleidung füllt ein paar Bügel im Wandschrank und die Kommode neben dem Fenster. Die kleinere Kommode unter dem Fenster benutze ich für Schulsachen, Unterlagen, all die Dinge die ich normalerweise in meinem Schreibtisch lagern würde. Die Regalbretter, die neben meinem Bett angebracht sind, dekoriere ich mit Fotos und Andenken von zu Hause. Es ist merkwürdig wie ein paar Dinge von zu Hause das Gefühl von zu-Hause-sein mit sich bringen können. Aber als ich an die Schicht in meinem dicht gepackten Koffer komme, wo ich die Abschiedsgeschenke meiner Freunde verstaut hatte, kriege ich einen ziemlichen Kloß im Hals. Da ist das Poster von Stefanie (Gummibärchen mit "Ich vermiss' dich so sehr"), das selbstgemalte Bild von Friederike (Pinkes Herz auf schwarzgrauem Hintergrund, mit großem Schriftzug "Jemand liebt dich"), das Poster von den Jungs mit Snoopie und Schokoladenkeksen (es gibt da so eine unschöne Geschichte von mir, drei Packungen Schokoladenkeksen und etwa einer halben Stunde Zeit), die vielen Fotos, die Ketten und Armbänder, die ich jeden Tag tragen soll damit sie immer bei mir sind, usw. Es ist hart. Es ist hart diese Zeichen meiner Freunde in dieser neuen Welt aufzuhängen und hinzustellen und anzuziehen, in dieser Welt in der sie nie waren und niemals seien werden. Ein Jahr liegt vor mir. Ein Jahr! Ein Jahr bis sie mich wieder in die Arme nehmen werden. Es fehlt mir... sie fehlen mir! Wenn meine Mama mich jetzt
-STOP-
Nicht weiterdenken. Solche Gedanken bringen nichts. Lieber wieder runtergehen, fragen wo ich meine Koffer unterbringen kann und mir die Angelabenteuer meines Dads berichten lassen. Ron und Sandy sind freudig überrascht dass ich schon alles eingeräumt habe - sie erwähnen, dass die anderen ATS teilweise wochenlang aus ihren Koffern gelebt haben, da sie sich nie sicher waren, ob sie nicht doch wieder kurzfristig nach Hause fahren wollten. Ich erkläre meinen Gasteltern, dass ich jetzt mehr das Gefühl habe, zu Hause zu sein, und Sandy guckt ganz gerührt.
Ron geht ins Wohnzimmer und holt aus dem Schränkchen eine kleine Stereoanlage: "Wir dachten uns, du könntest Musik in deinem Zimmer gebrauchen. Für uns reicht es ja, wenn wir das alte Radio hier unten haben, aber du hast doch bestimmt CDs und so dabei, nimm lieber die hier mit zu dir nach oben. Ach was, warte, ich bau sie dir schnell auf - falls ich in dein Zimmer darf?" Während also meine neue Anlage installiert wird, kommt Sandy mit einem Wäschekorb in mein Zimmer und stellt ihn in den Wandschrank: "Da tust du einfach deine dreckige Wäsche rein, und ich wasch es dann zusammen mit unseren Sachen am Wochenende, falls dir das nichts ausmacht; bring sie einfach Freitags oder Samstags runter."

Als MJ schließlich kommt, sieht sie sich mein Zimmer ein paar Minuten schweigend an. Dann meint sie "Du bist dir also sicher, dass du hierbleiben willst?" Da sie nichts von dem Gespräch von gestern abend weiß, wundert mich diese Frage. Dann gesteht sie mir, dass sie es bei Don und Joan, der temporary family, zu der wir beide ursprünglich kommen sollten, nicht sehr mag, und dass sie auch nicht dableiben wollen würde, wenn sie sie behalten wollen würden. Joan hat ihr aber erzählt, dass sie morgen in der Kirche öffentlich machen will, dass MJ eine Familie sucht, also hat sie Hoffnung auf eine anderen endgültige Plazierung.
MJ wirkte von Anfang nicht auf mich wie ein Mensch, der sich mit dem zufrieden gibt, was er hat.

Wir versuchen Kurse zu wählen, da aber MJ halb an ihrer Hundeallergie (hab wohl vergessen zu erwähnen dass ich jetzt zwei Köter habe) verreckt und ich noch tausend offene Fragen über meine Einstufung in Klasse 11 oder 12 habe, sind wir nicht sehr produktiv. Wir hören bald wieder auf, MJ läßt sich abholen und meine Mom schließt die Tür hinter ihr mit den Worten: "Bin ich froh dass ich sie nicht ein Jahr lang ertragen muss" - und als die Tür mit einem mir schon fast vertrauten Geräusch schließt, muss ich das erste Mal lachen, und gehe mit einem angenehmen Gefühl ins Wohnzimmer um den zweiten Abend mit meinen Gasteltern zu verbringen.

Sonntag, 02. September 2001

Mein erster Sonntag mit meiner Gastfamilie - warum eigentlich erster Sonntag?! Hört sich an, als wäre es etwas besonderes... Dabei ist, bzw. war es das eigentlich gar nicht. Nichts besonderes... aber am Anfang ist einfach alles besonders, glaube ich. Und schließlich gab es jeden Tag mehr zu entdecken... Und an diesem Sonntag würde ich entdecken, dass ich noch einiges vor mir hatte - sowohl gutes, als auch eher weniger gutes.

Nach einem schönen Frühstück mit Sandy und Ron (mir fällt auf: Er tut irgendwie nicht viel im Haushalt - merkwürdig) schlägt mein Gastvater mir vor, dass wir spazieren gehen könnten, damit ich die Gegend kennen lerne und mich 'ein bisschen' auskenne. Nach zwei Stunden waren wir wieder zu Hause, und ich hatte einen ersten (bleibenden) Eindruck von Ron. Lieb ist er, keine Frage, aber irgendwas stört mich... Ich kann es nicht genau benennen; noch bin ich mir nicht sicher, was es ist, aber ich glaube, auch das wird bald kommen. Alles wird bald kommen.
Kurz nachdem wir zu Hause eingetroffen waren, kam der 'Rest' meiner neuen Familie: Mein ältester Bruder Doug und seine Frau Tracie und mein Bruder Greg. Eine merkwürdige Situation, diesen bis jetzt noch völlig fremden Menschen plötzlich gegenüber zu stehen und mit ihnen keine andere Gesprächsgrundlage zu haben außer "So, how's Germany?"....
Schnell stelle ich jedoch fest, dass Doug wirklich ein total netter Kerl ist, richtig interessiert (und nach meinem ersten Eindruck das 'Gehirn' der Familie!) und voller Fragen und Geschichten. Seine Frau wirkt allerdings recht abweisend, außer kurzen Geschichten über ihren deutschen, längst verstorbenen Urgroßvater kommt nicht viel von ihr. Greg, der jüngere der beiden Brüder, ist eine Nummer für sich - ein knuffiger Teddybär von der süßesten Sorte, mit viel Herz und einem guten Sinn für Humor. Schon beim ersten gemeinsamen Mittagessen (es gibt den Fisch den Ron am Vortag geangelt hat) zoffen wir uns zum Spaß, die ganze Familie lacht herzlich mit. Sandy strahlt mich immer wieder mit ihren blauen Augen an und ich kann ihr ansehen, dass sie bis jetzt ganz zufrieden mit mir ist. Ein schönes Gefühl (auch wenn ich mich wie Ware aus einem Katalog fühle, die zur Besichtigung geschickt worden ist...) Nach einem schönen Familiennachmittag in der Sonne auf der kleinen Holzveranda verabschieden sich meine 'Geschwister' wieder. Ich spüre, ich bin akzeptiert, und das Gefühl verstärkt sich, als Doug mir in den leuchtendsten Farben ausmalt, wie wir alle im Winter zusammen ski fahren werden. Er lebt in Kitchener, wenige Stunden nördlich, und da gibt es wohl einen kleinen niedlichen Skihügel. Ich kann mich nicht vor dem Gedanken retten, dass ich die Alpen sehr, sehr stark vermissen werde....
Ein schöner Tag geht zu Ende.

Montag, 03. September

Das Leben besteht IMMER NOCH aus warten!!!! Es kann doch nicht wahr sein. Irgendwann muss hier doch endlich mal was passieren... Meine Eltern sind zu Hause, da es Labour Day ist (nationaler Feiertag), und ich bin mit MJ an der Schule verabredet, da wir ja heute unsere Kurse offiziell wählen sollen. Das zweite Mal in der leeren, totenstillen Schule, in dem fremden Sekretäriat, und schon habe ich den Eindruck, das Welten zwischen meinem ersten Zusammentreffen mit all diesen Menschen, die im nächsten Jahr einen großen Teil meines Lebens ausmachen werden, und dem heutigen Tag.
Als MJ und ich im Büro der Vize-Direktorin Platz nehmen, weist sie uns zuerst auf den 'dress code' der Schule hin, da MJ bauchfrei trägt und ihr Bauchnabelpiercing zeigt. Bei dem Gedanken, dass man kein bisschen Haut zwischen T-Shirt und Jeans sehen darf, wird mir ganz anderes - nicht weil ich das dringende Bedürfnis habe, der Welt meinen Bauch zu zeigen, sondern weil es bei meiner Länge ziemlich kompliziert ist, ein Top zu finden, dass auch im Sitzen bis über den Gürtel reicht. Wieder macht sich diese ungewohnte Angst, zuzunehmen und mit deutlich sichtbaren Fettpolstern aus meiner Kleidung zu quellen, breit. Eigentlich unverständlich - mit meinen 63 kg bei 1,85m bin ich eher auf der dünnen Seite und kann es mir sehr wohl erlauben, zuzunehmen. Aber ich glaube, was eigentlich dahinter steckt, ist diese Angst, in eine Statistik zu passen. So formuliert MJ es später, und es stimmt! Ich will nicht so den 90% aller ATS gehören, die zwischen 5 und 15 kg zugenommen haben; ich will nicht dass alles, was mir passieren wird, vorraussagbar ist und dass ich ein 'Standartjahr' verbringen werde. Das wichtigste, was ich mir im Moment vorstellen kann, ist Einzigartigkeit. Ich will einzigartig sein.
Aber zurück in das Büro! Nach einigem Herumtippen fällt unsere Vize Direktorin auf, dass wir leider noch gar nicht in den Computer eingegeben wurden, und das wir deshalb leider, leider auch keine Kurse wählen können. MJ und ich grinsen uns erleichtert an - das erspart uns die Situation, Mrs Jilderda erklären zu müssen, warum wir leider noch keinen einzigen Kurs gewählt haben.
Einfach diese wahnsinnige Auswahl! Das Kursbuch liest sich wie ein Volkshochschulkursbuch gemischt mit dem Vorlesungsverzeichnis einer Uni. Von Schreinern und 'Autowerkstatt' über Sozialwissenschaft und Jura bis hin zu Theater und Nähen ist alles dabei. Und dieses Gefühl, dass ich die absolute Wahl habe, was ich tun möchte, macht mir die Entscheidung sehr schwer. Mir ist bewußt, dass die Wahl von bestimmten Kursen den Ablauf meines Jahrs sehr festlegt - die Kurse bestimmen die Menschen, mit denen ich zusammenkommen werde, sie bestimmen wie motiviert ich in die Schule gehen werde; und da ich natürlich alles richtig machen will und die beste von allen Entscheidungen treffen möchte und mein Schicksal so positiv wie möglich beeinflussen möchte - treffe ich keine Entscheidung...
Nach dem sehr erfolglosen Gespräch wird MJ von ihrer Gastmutter Joan abgeholt, die mich zum Mittagessen einlädt. Ich sage kurz zu Hause Bescheid und gehe mit MJ in ihr temporary home. Ein schönes Haus, deutlich größer und vollgestopfter als meins, auf der anderen Seite des Highway 24, der gleichzeitig die Hauptstraße von Simcoe ist. Nach dem Essen verrät MJ mir unter vier Augen, dass sie am Morgen mit ihren Gasteltern in der Kirche war, und das es wohl sehr sektenartig war. MJ ist streng katholisch und schwört mir direkt an Ort und Stelle, dass sie nie wieder einen Fuß in diese Sektenkirche setzen wird - und erzählt mir im gleichen Atemzug, dass es dort wohl eine Familie gibt, die sich für sie interessiert. Joan hat eine Ansage nach dem Gottesdienst gemacht, und die Familie von Kristen und Mark hat sich gemeldet. Jetzt drücken wir also MJ die Daumen, dass sie von Don und Joan wegkommt. Ich fange an, zu verstehen, was so schlimm an der Familie ist. Don ist selbstständig und daher die meiste Zeit arbeitslos, und verbringt seine Freizeit am liebsten nur in Shorts im Wohnzimmer. Ekelfaktor ist ziemlich hoch.
Zu Hause wälze ich noch einmal das Kursbuch, und vergleiche es mit dem Kopplungsplan, auf dem alle Klassen mit ihrer Zeit eingetragen sind, so dass ich sehen kann, welche Fächer ich überhaupt kombinieren könnte. Ich mache mir schließlich zwei Beispiel-Stundenpläne, die mir gefallen, und lege die Schulsachen mit einem guten Gefühl weg.
Nach dem Abendessen mit meinen Eltern beschließe ich, noch ein bisschen joggen zu gehen. Joggen gehen. Ha, sagt sich eigentlich ganz einfach! Ziemlich überrascht merke ich, dass meine Gasteltern mir abkaufen, dass joggen für mich das Normalste dieser Welt ist. Also ziehe ich meine Shorts und Laufschuhe an, nehme meinen Walkman in die Hand und lasse die Fliegengitterhaustür hinter mir zufallen. Die Sonne steht schon schräg, aber es ist noch ziemlich heiß. Mir fallen die fremden Gerüche auf, die ich schon am Vortag beim Spaziergang aufgefallen sind. Die Blumen und das Gras duften anders, glaube ich.
Als ich auf die Straße trete und die Richtung einschlage, die Ron und ich gestern abgelaufen sind, wird mir bewusst, was ich grade tue: Dadurch, dass niemand mich wirklich kennt und weiß, wie ich 'wirklich' bin, nehmen sie alles hin, was ich vorgebe zu sein; das heißt, wenn ich so tue als sei ich sportlich und gehe gerne joggen, dann glauben sie mir das. Anhand dieses kleinen, unbedeutenen Beispiels wird mir plötzlich bewußt, wieviele Möglichkeiten mir offenstehen, mein Leben zu verändern. Mit einem guten Gefühl beginne ich das erste Mal außerhalb vom Sportunterricht zu joggen - und ändere mit dem ersten Schritt mein Leben.

Dienstag, 04. September

Mein erster Schultag! Nach langem Überlegen entscheide ich mich, meine neue kanadische Jeans und mein kanadisches T-Shirt anzuziehen - es soll heute einfach alles neu sein!
Meine Mom ist schon bei der Arbeit, dafür ist Ron früher aufgestanden (er muss immer erst ab 15 Uhr arbeiten) und sitzt bei mir, während ich frühstücke. Ich bin nervös und kann kaum essen, also wieder das typische Hilfe-ich-werde-dick-Essen: Toast und Wasser.
Als es endlich Zeit ist, um zur Schule zu gehen, greife ich nach dem Ordner, den meine Gasteltern mir am Wochenende gekauft haben, in dem mein Papier (merkwürdiges Format!! Die haben wohl noch nix von DIN gehört) und meine Stifte sind, packe die Tuppa Dose mit meinem lunch, das meine Mom für mich in den Kühlschrank gestellt hat, in meine kleine Tasche und gehe los.
Der Himmel ist klar und es wird bestimmt ein warmer Tag. Ron kommt hinter mir aus dem Haus und ruft mich nochmal zurück: Er will ein Foto von mir an meinem ersten Schultag machen. Wieder setze ich mein tapferes Lächeln auf und danke ihm, als er mir einen schönen Tag wünscht.
Ich gehe um das football field herum zum Haupteingang, eine Mühe die ich mir bald nicht mehr machen werde, und komme gerade ins Sekretäriat als MJ dort eintrifft. Sie sieht toll aus - perfektes Make up und schön gekleidet. Deprimiert gucke ich auf meine Turnschuhe; heute morgen war ich noch so stolz dass ich jetzt alles anders machen würde, nie wieder hochhackige Schuhe tragen oder Make up für die Schule benutzen würde. Mit ein bisschen Abstand ist mir bewußt geworden, was für eine Mieze ich in Deutschland geworden war, und ich bin froh, dass das keiner um mich herum jetzt weiß. Für diese Schule, Simcoe Composite School, werde ich immer turnschuhtragend und makeuplos sein. Irgendwie gefällt mir das - spart mir zumindest morgends sehr viel Zeit.
Plötzlich ertönt ein Gong und alle bleiben wie angewurzelt stehen - etwas geschockt sehe ich mich um, denn an meiner Schule in Deutschland gibt es keinen Gong (das soll zur Selbstständigkeit erziehen, bla bla bla). Dann ertönt eine fröhliche Stimme aus den Lautsprechern: "Good morning SCS. Please stand for O CANADA" Ich versteh gar nix mehr, MJ guckt gelassen aus dem Fenster, während sich alle, die auf der Holzbank im Warteraum saßen, erheben. Nach einem Moment Ruhe ertönt im ganzen Gebäude Musik. Musik? DIE Musik! Die kanadische Nationalhymne! Völlig fasziniert höre ich zu, und bin fast traurig, als sie nach einer Strophe schon wieder vorbei ist. Danach nimmt unser Direktor, Mr Foster, das Mirko und hält eine kurze Ansprache, die ich so gut wie gar nicht verstehe, und nach der sich alles in geschäftiges Getummel auflöst. MJ und ich werden schließlich zum students service room geschickt, in dem viele verloren aussehende Schüler auf den Stühlen oder dem Boden sitzen, oder an der Wand lehnen.
Etwas abgeschirmt arbeiten die Beratungslehrer, die uns allen bei der Kurswahl helfen sollen, uns unseren Stundenplan ausstellen sollen usw. Es scheint ewig zu dauern, und obwohl MJ und ich zwei Stühle ergattern konnten, scheint das Warten unerträglich. Überall um uns herum findet das echte Schulleben statt, Schüler rennen über die Flure, treffen Freunde wieder, kreischen und schreien und freuen sich, schließen ihre Spinde ab und ärgern sich, wenn sie ihren alten vom letzten Jahr nicht gekriegt haben. Ich beobachte meine neuen Mitschüler durch die offenstehnde Tür des students service Raums und versuche mir so viel wie möglich zu merken. MJ schaut weiterhin gelangweilt auf ihre Fingernägel.
Als wieder ein Gong ertönt, bricht das völlige Chaos auf dem Flur aus, alle stürmen zu ihren Klassenräumen, und es ist schlagartig leer und ruhig auf dem Flur. Nur vereinzelt kommen neue Schüler in unseren Warteraum und reihen sich schweigend ein. Immer wieder kommen Durchsagen, die ich nicht verstehe, und plötzlich platzt einer der jüngeren Schüler atemlos in unseren Raum: "You are supposed to come to the caf immediately" Okay, und wo ist die Cafeteria?? Er führt MJ und mich durch ein paar verwinkelte Flure, in denen ich sowieso schon völlig verloren bin, bis wir plötzlich in der Cafeteria stehen, die wohl gleichzeitig auch die Aula darstellt. Sie ist rappelvoll mit aufgeregt quatschenden und lärmenden Schülern, der jüngste Jahrgang wie ich auf den ersten Blick vermute. Mr Foster tritt auf uns zu und begrüßt uns lächelnd - ein merkwürdig kleiner, weißhaariger Kerl, der zwar sehr freundlich wirkt aber garantiert auch sehr ungehalten werden kann. Er erklärt uns, dass das die 9. Klasse ist - die jüngsten an unserer Schule also. Dann läßt er uns am Rand stehen und beginnt mit kraftvoller Stimme für Ruhe zu sorgen. Plötzlich fühle ich mich in eine Art Militärschule versetzt: Alle sitzen aufmerksam und totenstill auf den Bänken, während Mr Foster laut schreiend sie an der Schule begrüßt und kurz etwas zum Ablauf erzählt. Ich verstehe wieder nur Bruchstücke, kenne viele Ausdrücke nicht und bin sowieso zu aufgeregt, um mich zu konzentrieren. Inzwischen hat sich die dritte ATS von unserer Schule zu uns gesellt: Barrel aus Taiwan, ist wohl mit Rotary in Simcoe. Wir flüstern miteinander, bis Mr Foster plötzlich einen Satz anfängt, den wir noch ein paar Mal an diesem Tag hören werden:
"I would like to introduce you to someone" Kurz erzählt er, dass SCS wie immer seine Türen weit öffnet für diese, die an unserer geliebten Schule ein Jahr lernen möchten - Ich muss darauf achten, nicht laut loszulachen. Diese Art von Patriotismus und Solidarität mit der eigenen Schule ist mir völlig fremd - school spirit vom Allerfeinsten. Und so erklärt Bob Foster, wie es drei beautiful und highly intelligent young ladies zu SCS verschlagen hat, und dass er von der Schule erwartet, uns herzlichst aufzunehmen, uns zu helfen wo sie können und uns den Sabre way of life näher zu bringen. Sabre way of life??? Später verstehe ich, dass ein Sabre wohl ein Säbelzahntiger ist, und dass unser Maskottchen (was auch den komischen weißen Papptiger an der Außenwand der Turnhalle erklärt...!). "And now welcome them with a great SABRE WELCOME!!!!" Die Cafeteria bricht in einen Höllenlärm aus, Klatschen, Stampfen, Pfeifen - die 9. Klässler sind schon völlig aus dem Häuschen und würden auch für einen Kaktus völlig ausflippen, wenn es von ihnen verlangt würde.
Nach dieser doch etwas überraschenden Begrüßung dürfen wir unseren Weg zu den students services zurückfinden, was sogar erstaunlich gut klappt. Das Gebäude von SCS ist nämlich in zwei Teilen gebaut, der Haupteingang führt zu dem A, B und C - Etagen, dann gibt es zwei Treppen die in den anderen Gebäudekomplex führen, in denen es die 100, 200 und 300 Etage gibt. Macht eigentlich Sinn, denn dadurch weiß man genau wo Raum 304 oder A32 sind - vorrausgesetzt natürlich, man hat überhaupt verstanden, welcher Flur wie heißt und wie man da hinkommt!
Nach weiteren zwanzig Minuten werden wir wieder in die Cafeteria gerufen, und das ganze wiederholt sich mit der Jahrgangsstufe 10 und 11. Barrel tippst mit großen Augen neben uns her, als wir uns zu der grade 11 assembly aufmachen, denn das wird ihre Stufe sein, da sie noch ein Jahr jünger ist als ich - grade mal 15, die Arme. Als schließlich die 12. Klasse dran ist, kann ich nicht leugnen, dass ich auch ziemlich aufgeregt bin. Meine Klasse. Sie füllt die komplette Caf aus, so viele Fremde sitzen da vor mir, so unendlich viele Augen richten sich auf mich, als Mr Foster zum vierten Mal "Carrie from Germany" vorstellt. Ich versuche so konzentriert, mir wenigstens ein paar Gesichter einzuprägen - schließlich sitzen da meine zukünfigten Freunde vor mir, meine Klassenkameraden, die Menschen mit denen ich jeden Tag verbringen werde. Vor lauter Aufregung und Konzentration schaffe ich es natürlich nicht, mir auch nur ein Gesicht zu merken (das Lustige ist allerdings, das meine Freunde, die ich später nach dieser Versammlung gefragt habe, sich noch nicht mal daran erinnern konnten, dass "die Austauschschüler" vorgestellt wurden....).
Der Anblick von sovielen neuen Mitschülern schüchtert mich erstaunlicher Weise nicht ein - im Gegenteil, es gibt mir das Gefühl das unter so vielen Leuten doch einige nette und freundliche zukünftige Freunde sein müssen!! Endlich endlich komme ich auch an die Reihe um meine Kurse zu wählen, und werde von der Frau am Computer kurzerhand in den ein oder anderen Kurs gesteckt, in den ich eigentlich nicht wollte - aber alle anderen waren angeblich voll, bzw. die Plätze sollten für die "richtigen" Schüler freigehalten werden und nicht an die ATS verschwendet werden. Ich verstehe nicht viel und nicke eigentlich die ganze Zeit nur und danke ihr immer wieder, bis ich schließlich mit einem ausgedruckten Stundenplan mit Raumnummern auf dem Flur stehe, und jetzt wohl in den Unterricht gehen soll.
Das gestaltet sich allerdings etwas schwieriger als ich dachte. Für period 1 steht auf meinem Stundenplan "dramatic arts" mit einer Raumnummer die mit einer 1 beginnt. Ich krame aus meinem Ordner den Grundriss von SCS hervor, den jeder neue Schüler ausgeteilt bekommt. Ich finde also heraus, wo der 1er Flur ist, und sehe sogar, dass ich ganz nah dran bin. Also laufe ich mit dem Lageplan solange die Flure rauf und runter, bis ich die entsprechenden Treppen gefunden habe und schließlich vor meinem dramatic arts Raum stehe. Die Tür ist zu, also klopfe ich. Eine kleine, lockenköpfige Frau macht mir auf und strahlt mich an: "Hello dear, how can I help you?" Ich erkläre ihr, dass ich die Austauschschülerin aus Deutschland bin und ab sofort in ihrem Kurs bin. Sie freut sich ganz unglaublich darüber und fordert die anderen Schüler sofort auf, mir Platz zu machen, und so setze ich mich auf den einzigen freien Stuhl in dem Stuhlkreis. Der Theaterraum sieht auf den ersten Blick schon beeindrucken genug aus: Eine kleine Bühne, auf der aber nichts fehlt, von den tiefschwarzen Vorhängen bis zu den Scheinwerfern, außerdem ansteigende Sitzbänke im hinteren Teil des Raums und jede Menge Unordnung überall. Die Lehrerin will mich auf ihrer Liste eintragen und fragt mich, was meine Schülerkennnummer wäre. Ich hab natürlich keine Ahnung, also bittet sie mich um meinen Stundenplan, da meine Nummer da wohl irgendwo draufsteht. Sie blickt nur einen Moment drauf, als sie ausruft "Oh dear this isn't your class!!" Ich muss sie wohl ziemlich enttäuscht angeguckt haben (und ich dachte, es ginge endlich los und ich könnte mal endlich wie alle anderen Schüler mit der Schule anfangen), denn sie erklärt mir sofort, dass ich zwar dramatic arts habe, aber dramatic arts grade 12, und das ist in der ersten Stunde, und wir haben inzwischen die zweite und das hier ist dramatic arts grade 11.....
Enttäuscht packe ich meine Sachen, inzwischen ziemlich verzweifelt, und stapfe wieder aus dem Klassenraum. Also ist period 2, und ich habe gerade 20th century world history in Raum A32. Na klasse. A floor. Wie komme ich denn jetzt DA hin?? Denn auf meinem tollen Lageplan sind die Gebäude getrennt aufgeführt - auf der Vorderseite 1, 2 und 3 floor, auf der Rückseite A, B und C floor. Aber keine offensichtliche Verbindung wie ich von der einen auf die andere Seite komme! Bei meinem grottenschlechten räumlichen Vorstellungsvermögen bin ich ziemlich aufgeschmissen, da auch kein Schüler mehr auf dem Flur ist.
Orientierungslos ziehe ich also erstmal zur Caf, da ich die inzwischen kenne, und sehe am hinteren Ende eine Treppe, die ich nicht kenne, und die auf meinem Lageplan nicht eingezeichnet ist. Als ich die also herunterlaufe, stehe ich plötzlich wieder vor dem Haupteingang. A floor!!!!!!! Ich hab es geschafft!!!!!!! ICH HAB DIE VERBINDUNG ZWISCHEN DEN GEBÄUDEN GEFUNDEN!!!!!!!!!!! Vor lauter Freude fällt mir gar nicht auf, wie erbärmlich dieser Erfolg eigentlich ist....
Nach einigem im Kreis laufen finde ich schließlich meine Klasse, und werde auch relativ schnell hereingelassen. Ich finde es gewöhnungsbedürftig dass man die Klassenräume nur von innen öffnen kann, und dass es wohl selbstverständlich ist, dass die Lehrer erst ihren Gedanken zu Ende führen bevor sie dich hereinlassen. Und wen entdecke ich da in meiner Geschichtsklasse? MJ! Sitzt in einem dieser merkwürdigen hölzernen Desks, die gleichzeitig Tisch und Stuhl sind, und lächelt mich an. Hinter ihr ist ein Platz frei, und somit ist sogleich geklärt, wo ich sitzen werde.
Nach Geschichte verlasse ich völlig erschöpft den Raum, der Lehrer redet so unglaublich schnell dass es mich völlig fertig macht, mich nur auf seine Worte zu konzentrieren, geschweige denn den Inhalt zu erfassen. Eine dunkle Vorahnung sagt mir dass ich da noch einiges auf mich zukommen habe. Aber immerhin wirken die meisten Schüler in der Klasse ganz nett! Auch wenn ich durch mein Zuspätkommen keine Zeit hatte, mit ihnen zu reden. Und sobald der Gong die Pause einläutet, verlassen alle so fluchtartig den Raum, das MJ und ich schließlich als die letzten auf den Flur treten und beschließen, in der Cafeteria nach einem Platz zu suchen. Dort ist es aber so laut und überfüllt, dass wir uns schließlich auf die Holzbänke neben unserer Schule setzen. Wir wundern uns, das dort niemand sonst ist, schließlich ist es wirklich hübsch dort, auf dem Rasen, zwischen den Bäumen, neben dem Lynn River der direkt neben unserer Schule entlang läuft.
MJ berichtet eine Weile von ihrer ersten Stunde; da sie in Ecuador bereits die 12. Klasse und damit die Schule abgeschlossen hat, hat sie fast nur OAC-Klassen gewählt, was der deutschen 13. Klasse entspricht und das freiwillige Zusatzjahr in Canada ist.
Nach einer Weile gehen wir vorsichtshalber zurück ins Gebäude, da wir keine Ahnung haben, wann die Stunden anfangen oder aufhören, oder wie lange wir Pause haben. Außerdem gibt uns das Zeit, unsere nächsten Räume schonmal zu suchen. Schließlich setze ich mich alleine vor meine Englischklasse, denn als nächstes besteht mir Business English bevor.
Die Englischlehrerin Ms Martin, eine kleine kurzhaarige Frau, ist sehr freundlich und freut sich sehr, mich in ihrer Klasse zu haben.
Der Unterricht wirkt nicht zu schwer, sie gibt uns einen Überblick über den anstehenden Stoff für das Semester, und dafür dass ich diese Klasse jeden Tag haben werde, wirkt es wie recht wenig Stoff. Anschließend ist es Zeit für meine unfreiwillig gewählte Klasse - ich hatte mir selbst geschworen, mich von allen Naturwissenschaften so fern wie möglich zu halten, und hatte nur zum Ausgleich Mathe für das zweite Semester gewählt, um nicht völlig rauszukommen. Aber jetzt war es Zeit für enviromental science. Was um alles auf der Welt das sein mag!! Der Raum ist praktischerweise direkt unter meinem Englischraum, also sind die 7 Minuten Pause, die zwischen jeder Stunde sind, mehr als ausreichend. Ich suche mir einen Platz in der Mitte der noch leeren Klasse aus und begucke recht neugierig die Mitschüler, die nach und nach eintreffen. Als es schließlich zum Unterrichtsbeginn läutet, sind wir nicht mal 10 Leute, sieht also nach einem ganz lustigen Kurs aus. Und dann betritt Mr Zeldon den Raum. Mr Zeldon. Ein einzigartiger Mensch - auf den ersten Blick zwar eher einzigartig merkwürdig, aber gut. Wir geben jedem noch so merkwürdigen Lehrer eine Chance! Und die positiven Auswirkungen davon werden sich schon bald bemerkbar machen.
Und so höre ich interessiert zu, wie Mr Zeldon uns erklärt, dass dieser Kurs eigentlich gar nicht enviromental science ist, da er das Fach gar nicht mag, sondern horticulture, was wohl so etwas wie angewandte Biologie verbunden mit Gärtnern ist, das würde das Schulministerium aber nicht als Fach anerkennen und deshalb bla bla bla....
Lustig lustig! Anschließend haben wir das leere Gewächshaus besichtigt, das wir wohl ab sofort füllen werden so gut es geht.
Als mein erster Schultag um etwa 15 Uhr zu Ende ist, bin ich sehr erschöpft. Aber immerhin habe ich jetzt einen ersten Eindruck von dem, was ich in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten tun werde! Jetzt kann ich anfangen, mein Leben zu leben - MJ beginnt diesen Abschnitt damit, direkt noch am Nachmittag zu ihrer neuen Familie zu ziehen. Dadurch ist auch der dritte Mensch, den ich in dieser Stadt schon kenne, beschäftigt, also gehe ich noch in die Stadt und kaufe ein Schloß für meinen Spind. Wieder zu Hause setze ich mich vor den Fernseher und versuche, mich auf irgendeine show zu konzentrieren, aber es dringt kein englisches Wort mehr bis zu meinem Gehirn vor. Ich lege mich auf der couch hin, und habe dadurch das Gewächshaus und die Turnhalle von SCS im Blick. Meine Schule.