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Die erste Woche (26. - 31. August 2001)
oder
Das "typische" Leben eines ATS

Sonntag, 26.

Jetzt geht mein ATJ wohl richtig los... Kaum zu glauben!
Es ist 9 Uhr morgens und ich bin grad aufgewacht - fremdes Bett, fremdes Zimmer, fremdes Haus, fremdes Land - was nun??
Ich steh auf und dusch erst Mal schön ausgiebig, und geh dann auf die Suche nach meiner Gastfamilie. Aber alle Zimmer sind leer, kein Mensch ist da, aber auch kein Zettel und nix; irgendwie komm ich mir schon sehr verloren vor... Plötzlich wünsch ich mir mit aller Kraft MJ zu mir, wie schön wäre es wenn ich jetzt nicht alleine rausfinden müßte, wo meine Gastfamilie essbare Dinge versteckt! Nach längerem Suchen finde ich Toast und Butter, und habe ein ausgiebiges Frühstück aus einem Glas Wasser und zwei Toast - irgendwie ist es mir zu unangenehm in einem fremden Haus nach mehr zu suchen.
Schließlich finde ich heraus, dass Bob und Linda, die Gasteltern, wohl in den Ställen sind, die ich aber nicht betreten darf (soviel hab ich gestern abend noch mitbekommen), also setze ich mich hin und schreib erstmal ein bisschen Tagebuch.
Der Tag scheint unglaublich lang und leer und grau und trüb - nichts scheint mich aufzuheitern, da alles was ich ansehe immer nur den Gedanken "Bald bist du eh nicht mehr hier" auslöst... Linda fährt mit mir zu ihrem Sohn um ihre Enkel abzusetzen, danach in ein Dorf um Wolle und ein paar Lebensmittel zu kaufen. Sie erzählt, dass Chrystal, ihre Tochter, arbeiten ist und auf dem Rückweg MJ mitbringen soll, aber als wir zu Hause ankommen ruft Diane, die YFU national director, an und sagt, dass MJ irgendwie zu aufgekratzt ist um auf eine Gastfamilie losgelassen zu werden, und deshalb erstmal bei ihr bleibt. Stattdessen will sie Gaby schicken - die arme kleine Gaby, die mit ihren riesigen Augen total verstört in diese fremde Welt guckt...
Also sitze ich wieder wartend zu Hause (hahaha... 'zu Hause') und weiß nicht wirklich was ich mit mir anfangen soll. Ich rufe zu Hause an und erzähl ein paar positive Dinge und geh anschließend online und schütte mein Herz bei einer Freundin auf msn aus... So kann das doch nicht weitergehen!!! Nichts, gar nichts gehört mir auf diesem blöden Kontinent, ich hab kein zu Hause, keine Familie, keine Schule, keine Freunde....
Ich merke wie ich mich immer weiter in das Tief reinsteigere und freu mich unendlich als endlich endlich Chrystal und Gaby ankommen.
Wir verbringen den Rest des Tages mit fernsehgucken (unglaublich anstrengend, obwohl es nur ein Kinderfilm ist, aber Gaby schläft trotzdem nach einer halben Stunde auf der Couch ein - die Arme ist total fertig)

Montag, 27.

Der Tag startet ruhig, wird dann aber um so lustiger! Gabys und meine Gasteltern haben alle ATS, die noch auf ihre Familien warten, zu sich eingeladen und das sind inzwischen eine ganze Menge: Janna und ich aus Deutschland, MJ und Gaby aus Ecuador, Kristoffer und Karoliina aus Finnland, Allanah aus Neuseeland, Chrystal und ihre Freundin Stephanie aus Kanada.
Wir verbringen den ganzen Tag entweder im hauseigenen Pool (die Familie scheint relativ gut situiert, muss man sagen) und spielen internationale Kartenspiele, bei denen alle andere Regeln kennen (Erinnerungen an eins der Spiele auf der VBT tauchen auf) und wo es sehr lustig zu geht.
Abends waren wir bei Diane und haben dort unsere private Begrüßung in Kanada erhalten - mit dem Versprechen uns alle ganz bald irgendwo unterzubringen. Wir halten an dem Glauben fest und reden den ganzen Tag über alles außer unserer familienlosen Situation.

Dienstag, 28.

Ein neues Kapitel meines Lebens in Kanada startet: Das Kapitel der chronischen Geldsorgen. Heute waren Linda, Chrystal, Gaby und ich shoppen, und aus lauter Frust und Langeweile hab ich mir einen Rock, eine Jeans und ein Shirt gekauft - und schon sind meine ersten Traveller Cheques weg!! Als wir wieder nach Hause kommen, ist eine Nachricht von Diane da, dass ich wohl bald nach Simcoe fahre, aber ohne MJ - muss ich das jetzt verstehen??? Ich bin total aufgeregt und will mehr wissen, aber Linda schweigt wie ein Grab und meint, das solle Diane mir erklären. Na toll.
Bei einem langen Spaziergang über das Gelände wird deutlich dass Linda und Bob total vernarrt in Gaby sind, während ich mich immer noch sehr abseits fühle. Trotzdem bricht Gaby am Abend in Tränen aus - ein starker Anfall von akutem Heimweh; Linda und Bob verlassen fluchtartig das Zimmer und überlassen mir das Trösten, obwohl mir die richtigen Worte fehlen...

Mittwoch, 29.

Allanah's Gastfamilie (übrigens eine permanente... es gibt also ATS, die für das ganze Jahr in Monkton bleiben!! Und ich dachte schon, das wäre das offizielle kanadische Auffanglager für heimatlose Ausländer...) lädt ein: Die hottub steht bereit! Eine etwas gewöhnungsbedürftige Beschäftigung: Bei etwa 35-40°C kanadischem Sommer in einer Art heißem Whirlpool auf der Veranda sitzen, umgeben von Fliegenschwärmen, die von den Kühen aus den anliegenden Ställen angezogen werden - aber trotzdem sehr lustig!! Die finnischen Mädels (irgendwie werden wir immer mehr ATS: Inzwischen sind noch Martijn aus Belgien, Sonya aus Finnland und einige andere angekommen) haben nationale Spezialitäten gebacken und wir werden (wie immer....) mit kanadischen Chocolate Chips Cookies vollgestopft - die ersten Kommentare wie "Ich glaub ich werd sehr fett in diesem Jahr" werden laut
Am Abend erfahren wir echte kanadische Größenvorstellung: Ich dachte ja schon, Diane wäre verrückt, als sie Diane und Bob als Nachbarn bezeichnete, und diese mal eben 30 min. Autofahrt weit weg wohnten - aber Allanah's Gasteltern toppen dies noch! "Kinder, Diane hat angerufen, sie lädt euch zum BBQ ein - lauft doch mal eben rüber"....
Mal eben. MAL EBEN!!!
Endlose Weiten, abgeerntete Felder in allen Richtungen und nur eine staubige Landstraße, kein Haus in Sicht.... wir laufen und laufen und laufen und wundern uns sehr, ob wir überhaupt noch auf dem richtigen Weg sind (es gab aber schon seit 20 Minuten keine Abzweigung mehr) und flippen fast aus vor Freude, als ein Pick up truck vorbeikommt und die Hälfte von uns auflädt - sein Kollege kommt kurz danach und nimmt den Rest mit. Es muss ein komisches Bild gewesen sein.... ein knappes Dutzend ausländische Jungendliche, ein bisschen verloren in der Landschaft, die auf die Frage, wohin wir wollen, mit "Diane's farm" antworten - und der Fahrer sogar weiß, was wir meinen!!
Dank kanadischer Freundlichkeit werden wir sogar bis vor die Haustür gefahren, wo Diane uns begrüßt ("Ihr wart aber schnell") und mir nach langem Quengeln endlich die EINE Frage beantwortet: Was passiert mit mir? Sie erbarmt sich und erklärt mir, dass ich deshalb nicht mit MJ in Simcoe zusammenleben werde, weil sich eine Gastfamilie für mich gemeldet hat!
EINE GASTFAMILIE!!! Eine Familie!!! Mutter, Vater, Kind - und alles was sie wollen bin ich!! ICH BIN GEWOLLT!!!! JEMAND HAT MICH AUSGESUCHT!!!! Eine Familie hat abends beim Essen mein student profile angesehen und sich für mich entschieden! FÜR MICH!!!!! Ich habe ein zu Hause!!! Menschen, die ein Jahr lang mit mir zusammenleben wollen!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Der Abend hätte nicht schöner sein können.
Vor lauter Freude vergesse ich ganz, Diane nach mehr Informationen zu fragen - ich erzähle den anderen die Neuigkeiten und alle freuen sich mit mir und feiern ausgelassen (natürlich nur mit 'pop', also Cola etc., schließlich sind wir alle noch nicht 19).
Spontan wird von Diane beschlossen, dass wir alle am nächsten Tag, also Donnerstag, mit einem eigenen gelben Schulbus nach Canada Wonderland fahren sollen, eine Art Vergnügungspark, um uns mal wieder von der Tatsache abzulenken, dass wir zum Warten verdammt sind (mich natürlich ausgenommen, hehehe) - das heißt, MJ und ich werden erst Freitag nach Simcoe fahren, was uns jetzt aber auch egal ist.

Donnerstag, 30.

Gabys Geburtstag! Linda und Bob schenken ihr einen süßen Bilderrahmen (und mir die kleinere Version davon - sie haben wohl ein schlechtes Gewissen, weil sie sich am Abend zuvor entschieden haben, Gaby für das ganze Jahr zu behalten) und schon geht's los: In's Wonderland!!! Die Fahrt im Schulbus dauert lange... Ich wünsche mir im Stillen, das ich nah genug an der Schule wohne, um nicht ein Jahr lang auf diese Busse angewiesen zu sein (und dass, nachdem ich mich über ein Jahr lang auf eine Farm wie die von Bob und Linda gefreut habe!) und bin froh, dass wir eine so lustige Gruppe sind. Inzwischen sind alle Heimatlosen in Monkton (zwei sogar, die eigentlich eine Gastfamilie hatten, aber deren Haus abgebrannt ist, weswegen jetzt wieder eine neue Familie gefunden werden muss):
Kristoffer und Karoliina (Finnland), Katrina (Dänemark), Raffael (Schweiz), Martijn und Bram (Belgien), Allanah und Steph (Neuseeland), Juan (Venezuela), MJ und Gaby (Ecuador), Anna (Mexiko), Diane's Tochter Charlene und Bob, der Busfahrer
Der Tag ist wunderschön; lang und heiß und anstrengend und einfach herrlich schön. Wir lachen viel, aber die Gruppe teilt sich automatisch in kleinere Gruppen auf. Die heimatlose Situation fängt an, alle etwas gereizter werden zu lassen, und so sammeln sich die Europäer, die Südamerikaner und die englischsprachigen unter sich und bekämpfen die unangenehmen Gedanken auf ihre Art und Weise. Wir Europäer auf dem Free Fall Drop Zone

Aber schließlich, nach diesen Tagen der Notbeschäftigung, der wunderbaren Begegnungen mit unglaublich interessanten und netten Menschen aus so vielen verschiedenen Ländern, der ersten Erfahrung der kanadischen Mentalität, ist es schließlich so weit: ER IST DA, DER TAG ALLER TAGE:

Freitag, 31. August 2001
Meine Ankunft in Simcoe

Diane holt mich um 10 Uhr ab, aber MJ ist nicht im Wagen: Sie ist nicht rechtzeitig mit dem Packen fertig geworden... Das fängt ja gut an!! Also fahren wir nach einer kurzen Verabschiedung von Linda (Bob ist im Stall und Gaby schläft noch total erschöpft nach einer durchweinten Nacht - es war ihr Geburtstag und sie hatte verständlicher Weise schlimmstes Heimweh) zurück zu Dianes Farm und holen MJ ab.
Anna, die Mexikanerin, ist schon auf und verabschiedet sich von MJ unter Tränen - mir wird klar, dass ich schon alleine durch die Tatsache, dass ich bei Bob und Linda und nicht bei Diane gewohnt hab, nicht so verbunden mit den anderen ATS bin wie die glücklichen Heimatlosen auf Dianes Farm. Ich setze mich auf den Beifahrersitz, da MJ mir in der Nacht zuvor gestanden hat, dass sie mit Diane überhaupt nicht klarkommt, also will ich es ihr ersparen, eine lange Autofahrt neben ihr zu verbringen. MJ versteckt sich also hinten zwischen den Koffern und zieht ihre Kopfhörer auf, ich unterhalte mich mit Diane und kriege viele unbezahlbare insider Tipps einer erfahrenen Gastmutter und YFU Mitarbeiterin. Ich fühle mich geborgen und wohl, und habe trotzdem Angst vor dem, was mich in Simcoe erwartet. Leider wird meine Ankunft in meinem neuen Zuhause noch herausgezögert, da Diane einen 'kurzen' Zwischenstop im YFU Hauptbüro in London einlegen muss - "kurz" wie in "Entfernung-zu-Nachbarn-kurz" oder wie "wartet-bis-ich-wieder-da-bin-kurz"....
Ich lotse Diane schließlich durch das kanadische Highway-System (hey, wer ist hier einheimisch und wer fremd????) und wir kommen ungefähr viertel vor 3 in Simcoe an - und wir sollten bis 3 Uhr in der Schule gewesen sein um uns anzumelden!
Diane sieht das gelassen und ich versuche das Kribbeln in meinem Bauch zu unterdrücken, als ich die Stufen zum Haupteingang meiner Schule hochsteige - meine Schule. Meine!
Im Seketeriat begrüßt uns eine mittelmäßig freundliche Sekretärin und eine unglaublich freunliche (und unglaublich dicke) Vize-Direktorin.
Die erste Überraschung: Alles, was wir tun müssen, um uns anzumelden, ist ein einziges Blatt auszufüllen! Nun das war einfach...
Aber schon bei der dritten Zeile stocke ich: "Name you prefer to be called" - heißt das, ich kann einen Namen angeben, einen anderen als meinen eigenen, mit dem ich dann angesprochen werde??? Die Vize-Direktorin guckt, als wäre das das normalste dieser Welt und ich schreibe, nach einem kurzen Seitenblick zu MJ, die "MJ" auf dieser Zeile einträgt (sie kann wohl auf all die Mary-Josy's verzichten", "Carrie".
Ab sofort bin ich also "CARRIE."
Mein neues Leben beginnt - Carries Leben beginnt.
Und stockt schon wenige Zeilen weiter: Name und Adresse der Erziehungsberechtigten. Mmmh.... "Diane?? Wie heißen eigentlich meine Gasteltern????" Sie guckt mich verwundert an und sagt "Something like Sheppard or so... I don't really know, actually"
Na toll!
In diesem Moment kommt eine ältere, kurzhaarige, relativ dünne und große Frau in das Seketeriat. Mein Herz hüpft einen Moment - bis sie sich als Joan Bertrand vorstellt: MJ's temporary host mother. Wir begrüßen uns herzlich und sie und MJ machen sich sofort daran, MJ's Unterlagen auszufüllen. Dann erklärt uns die Vize-Direktorin das Schulsystem und dass wir aus uns vorliegenden Unterlagen unsere Kurse aussuchen und diese am Montag bei ihr wählen sollen (die Schule fängt erst Dienstag an).
Mein Anmeldeformular liegt immer noch halbfertig vor mir und ich drehe den Bleistift ungeduldig zwischen meinen Fingerspitzen, eine schlechte Angewohnt meinerseits. Diane, MJ und Joan unterhalten sich angeregt und ich höre nur mit halben Ohr hin. In Gedanken wünsche ich meine Gastmutter her und als die Tür sich öffnet, kann ich kaum noch richtig atmen und meine Augen richten sich mehr als gespannt auf die Person die jetzt den Raum betritt....