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Montag, 10. September 2001

Ich glaube, ich bin noch nie so unglaublich gerne in die Schule gegangen wie hier. Jede Ablenkung ist ein Geschenk des Himmels.

Das Wochenende hat mich vorsichtig gemacht... ich weiß jetzt, wie plötzlich das Heimweh kommen kann und wie schnell ich dann die Kontrolle verliere. Ich hasse es, mich selbst nicht im Griff zu haben... Und es macht keinen Sinn!! Ich mein, ich bin freiwillig hier, weil ich es mir so gewünscht hab, weil ich dafür über ein Jahr gearbeitet habe, weil ich mich dafür eingesetzt hab, weil ich daran geglaubt habe. Ja, woran habe ich eigentlich geglaubt? Daran, dass dieser Weg der richtige für mich ist. Das es Dinge gibt, die ich auf diese Art und Weise lernen kann, die ich lernen sollte. Selbstständigkeit.
Unabhängigkeit. Lebenserfahrung. Entscheidungskraft. Irgendwie sind das aber nicht die Gedanken, die mir in den Kopf kommen während ich vor dem Spiegel in der Mädchentoilette stehe und mich auf meine Augen konzentriere: Wir schaffen das. Wir können das. Dies ist nur der Anfang. Alles wird gut.

Diese Selbsthypnose funktioniert kurz, sie gibt Mut und ich wirke für einen Moment sehr entschlossen auf mich selbst - und dann gucke ich doch wieder auf andere Mädchen, die hinter mir aus den Kabinen kommen oder sich die Hände waschen. Ich beobachte sie im Spiegel, wie sie mit ihren Freundinnen reden und lachen oder wie sie sich selbst kritisch im Spiegel betrachten. Ein kurzer Blick, und schon gehen sie wieder raus, raus in die Welt da draussen, in den lauten Flur, in dem so viele Schüler zu mir unbekannten Zielen strömen. Die Toiletten sind fast wie stille Oasen in der Schule; ein Ort, an dem ich mich vor der Tatsache verstecken kann, dass ich durch einen Flur von etwa 100 Schritten Länge gehen kann und dabei etwa 150 Schüler sehen kann, von denen ich exakt 0,01% erkennen werde. Die Schwingtür lässt immer wieder einen Schwall von dem Schullärm da draussen rein, und irgendwann ertönt auch der Gong, der uns sagt, dass wir uns auf den Weg zu unseren Klassenräumen machen sollen. Wir - uns.... Ich bin Teil dieser Schule, ich gehöre zu einer Gemeinschaft mit allen anderen Schülern, und doch kann ich eine gesamte Pause vor einem Spiegel der Mädchentoilette im zweiten Stock stehen, ohne dass es irgendjemand bemerkt oder zumindest davon (oder von mir) Notiz nimmt.

Dienstag, 11.09. - Der Tag an dem sich alles änderte

Ich hatte bis jetzt das unangenehme Gefühl, dass mein Leben hier in Simcoe auf 'Pause' steht - dass ich es zwar sehen kann, aber das es noch einen Anstoss braucht, damit es losläuft - aber seit heute ist alles ein bisschen anders.

Heute morgen ist Mom nach Brantford gefahren, das ist wohl etwa 45 min. von Simcoe entfernt, ich bin mir nicht ganz sicher. Zumindest ist dort ein Bahnhof und dort hat Sandy heute morgen einen Zug nach Ottawa genommen - Ottawa, die Hauptstadt von Canada, ein Teil der echten (zivilisierten) Welt!! - im Gegensatz zu diesem Dorf, das mir so ausserirdisch erscheint, wie mir etwas von dieser Welt nur erscheinen kann. Zumindest ist Mom jetzt erstmal weg, sie trifft dort heute Miki, die japanische ehemalige ATS meiner Gasteltern. Die beiden werden bis Samstag in Ottawa bleiben und anschließend gemeinsam nach Simcoe kommen. Ich weiß, ich sollte mich darauf freuen, dass ich ab Samstag etwas mehr Gesellschaft habe, aber ich kann überhaupt nicht bis Samstag denken. Morgen ist schon zu weit weg - ein Leben weit weg.

Ich bin also heute morgen mit etwas gemischten Gefühlen zur Schule gegangen, und hatte heute sehr verstärkt den Eindruck, dass ich nur ein Zuschauer in dieser merkwürdigen kleinen Welt bin, die alle so ernst nehmen und die auf mich so unecht wirkt. Fast, als wäre sie hinter Glas, und ich bin die einzige die auf dieser Seite steht.

Als der Gong zur zweiten Stunde läutete, war ich schon fast in meiner Geschichtsklasse, also mal ausnahmsweise nicht zu spät! Und wer steht da vor meiner Klasse und guckt mich merkwürdig vertraut an?? Anna! Die Mexikanerin aus Monkton, die nachträglich zu unserer Heimatlosengruppe gestoßen war, weil das Haus ihrer Gasteltern abgebrannt war!! Sie redet mit einer Frau, die ich als eine der YFU-Mitarbeiterinnen erkenne, und grüßt nur kurz. Ich gehe in meine Geschichtsklasse und setze mich auf meinen üblichen Platz hinter MJ und freue mich auf die ersten freundlichen Worte meines Tages - mit dem Unterschied zu sonst, dass MJ heute noch nicht da ist. Sie erscheint wenig später, tuschelnd und lachend mit Anna an der Hand, und mir wird eins klar: Leichter wird die ganze Sache nicht, mit drei ATS in diesem Dorf. MJ setzt sich vor mich und strahlt mich an, man kann ihr ansehen dass sie sich sehr darüber freut, wieder ein spanischsprechendes Mädchen in ihrer Nähe zu haben.

Das zweite Läuten, das den Unterrichtsbeginn ankündigt, ist schon vorbei und so wird unsere Klasse langsam ruhig und begibt sich entweder in Schlaf- oder Zuhör-Position. Doch es kommt ausser den beiden Latinas noch jemand zu spät: Unser Lehrer! Mr Johnston ist eigentlich nicht die Sorte von Lehrer, von dem man Verspätungen erwarten würde, und er sieht auch gar nicht gut aus, als er den Raum betritt. "Listen, kids", setzt er an und reibt sich erstmal die Augen, dann seufzt und ächzt er ein bisschen, und als wir alle schon ungeduldig werden, kommt der computer science teacher vom Nachbarraum rein und redet eindringlich auf Mr Johnston ein. Die Sache fängt doch an den wachen Teil der Klasse zu interessieren - so ernst und düster haben wir unsere Lehrer noch nicht erlebt (naja, ich ja sowieso nicht... aber zumindest die anderen auch nicht!). Als die beiden sich grade auf irgendetwas geeinigt haben, kommt aus dem Lautsprecher das Ansage-Signal: "Hello students, this is Mr Foster speaking" - wow, unser Direktor!! Höchstpersönlich, nun das ist selten. "I am very sorry to deliver this news to you - and just as sorry to not be able to tell you any more than what I have heard myself"

Wir gucken uns alle etwas verunsichtert an - was ist denn bloss los?! Schließlich deckt Mr Foster es auf: Ein Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen, es wird vermutet, dass es kein Unfall sondern ein Angriff war, außerdem wird ein zweiter Anschlag am Pentagon gemeldet und es sieht wohl alles sehr schlecht aus...

Alle sind ziemlich geschockt und während einige nervös losflüstern, sind andere wie erstarrt. MJ dreht sich mit einem sehr beunruhigten Blick um und sagt den einen Satz, der mich für die nächsten Stunden völlig aus dem Gleichgewicht bringt: "If there is going to be a war, we are not going to be able to go home." Krieg. Kommt wirklich Krieg? Ist schon Krieg? Bin ich im Krieg? Weil ein Flugzeug auf der anderen Seite vom Lake Erie in einen Wolkenkratzer in NY geflogen ist?? Ich versteh irgendwie gar nichts, außer dass ich nach Hause will. Und zwar sofort.

Irgendwie überstehe ich die Stunde aber doch noch, und während Mr Johnston mit den wenigen politisch informierten Schülern über mögliche Angreifer der USA diskutiert, stelle ich mir vor, wie ich reagieren würde, wenn jetzt wirklich Krieg ausbrechen würde. Krieg mit den USA ist gleich Weltkrieg.

Die Angst lässt mich fast das Heimweh übersehen, dass sich da im Schatten der Angst mit anschleicht. Oooh nein, mein liebes Heimweh, du kriegst mich heute nicht. Ich atme tief durch und will mich auf die Diskussion konzentrieren (und die quer durch die Klasse Spanisch sprechenden Latinas ignorieren), als die Stunde auch schon vorbei ist. Und dann geschieht das unglaublichste an diesem Tag, in dieser ganzen Woche, eigentlich im ganzen Monat: Es ist der Anfang meines Austauschjahres, der wirkliche Anfang, von heute an gibt es Hoffnung und Leben und Freude und Trauer (viele, viele Tränen) und Spass und Langeweile und Verzweiflung und Spannung und Aufregung und ...

Gabby.

Als ich aus dem Klassenraum gehen will, steht plötzlich dieses kleine blonde Mädchen vor mir - geht mir kaum bis zur Brust, und ist sehr zierlich gebaut. Die blonden Haare zum buschigen Pferdeschwanz (wie oft würde ich den Satz "I haaaate me hair!!!" noch hören) hochgebunden, die blauen Augen flüchtig geschminkt, eine dicke Zahnlücke zwischen den Frontzähnen, Turnschuhe, die sie nicht grad größer machen.

"That's horrible, eh?" Allein die Tatsache, dass mich grad jemand (EINE KANADIERIN!!!) angesprochen hat, und der Versuch, sie trotz ihres Akzents zu verstehen, haben mich so abgelenkt, dass ich leider gar nicht weiß, was sie von mir will. Aber ihr erwartender Blick sagt mir, dass ich an der Reihe bin, etwas zu sagen, also entscheide ich mich für ein zögerndes "eeerr... yes, horrible", was ihr zu genügen scheint. Fröhlich plappert sie los "this must be horrible for you, especially, I mean, you're an exchange student, right? From Germany, eh? That's awesome, I love Europe, well actually I love England, ooooooh my GODNESS I LOOOOOOOVE England, have you ever been to England? Oh wait, over there's my locker, come along... I just wanted to ask... oh hey Amanda, how are you today???? Good! Eerrr what I wanted to ask, about the terrorist attack, like, you looked so scared, do you think that there will be a war?? I am not sure... I wanted to go home, I live right behind the school, Amanda is gonna come and I wanted to ask if you wanted to come too, cuz we wanted to watch TV and find out more... hey Mand, isn't it horrible what happened??? I'm so scared, I don't get it, oh hey, Mand, this is Carrie, that girl from Germany, okay, you two, get going, if we want to watch the news we gotta hurry up"

Nicht als ob ich die Hälfte der Sachen verstanden hätte, die sie gesagt hat, geschweige denn auf die Fragen (ich glaube, es waren Fragen) die an mich gerichtet waren, geantwortet hätte, aber ich weiß dass sie sehr offen und symphathisch auf mich wirkt, und sie mich gerade zu sich nach Hause schleppt.

Auf dem Weg dorthin blicke ich triumphierend auf die Bank an dem Fluss runter, wo ich die letzten lunch Pausen verbracht habe, jaha, ich hab jetzt was zu tun, und ich bin nicht mehr allein!!

Während dieses blonde Mädel (wie heißt die eigentlich??) mich also zu mich nach Hause mitschleppt (aus was für Gründen auch immer), denke ich schon längst nicht mehr an Terroristen und Krieg sondern nur daran, dass mich endlich jemand bemerkt hat, und dass ich jetzt alles tun werde, um dieses Mädchen kennenzulernen und vielleicht, vielleicht, wenn ich ganz viel Glück habe, wird sie meine Freundin....

Ich freu mich wie ein Kindergartenkind an Weihnachten und merke vor lauter Vorfreude auf die wundervolle Freundschaft, die mir bestimmt bevorsteht, gar nicht, dass die beiden mich längst abgehängt haben...

Gabby's Haus wird also das dritte, dass ich in Simcoe betrete (abgesehen von meiner Schule), und insgesamt das 7. in Kanada. Wow.

Es ist total zugemüllt, aus einem Korb voller dreckiger Wäsche springt eine wirklich FETTE Katze, als Gabby ausversehen dagegen tritt, und sie muss zwei weitere vom Sofa schmeißen, bevor wir uns vor den Fernseher setzen können und dort zum ersten Mal die schrecklichen Bilder sehen...

Eine halbe Stunde lang starren wir wie gebannt auf die inzwischen der ganzen Welt bekannten Bilder, und Mand (wie Amanada wohl genannt wird) und Gabby (hey, ich hab ihren Namen rausgekriegt - auch wenn Mand sie nur Gab nennt) machen immer mal wieder einen betroffenen Kommentar, ich kann nur fassungslos auf den Bildschirm starren. Die Freude ist weg - ich hab wieder Angst. Außerdem versteh ich den Reporter nur schlecht, und auch auf die Kommentare von Mand und Gabby fallen mir keine passenen Erwiederungen ein - mein ohnehin schon schlechtes Englisch ist unter Stress wohl zu gar nichts mehr zu gebrauchen.

Schon viel zu bald guckt Gabby auf ihre Uhr und stellt fest, dass wir zur Schule zurückmüssen - ich will ja absolut nicht mehr in den Unterricht! Eine Wahl hab ich aber nicht, also laufen wir zurück und sind pünktlich für die 3. Stunde da. Die beiden verabschieden sich von mir und ich sage "see you tomorrow" was so eigentlich der beste Satz ist, den ich bis jetzt gesagt hab, denn er gibt mir das Gefühl, dass ich etwas habe, auf das ich mich morgen freuen kann.

Die letzten beiden Stunden, in denen kaum Unterricht ist, sondern mehr eine Diskussion nach der anderen (die ein wenig sinnlos sind, weil noch niemand genügend Infos hat sondern alle nur spekulieren), gehen schneller vorbei, und ich geh auch richtig gut gelaunt nach Hause - hin und hergerissen zwischen der guten Laune und Hoffnung, und dem totalen Schock von einem so brutalen Akt des Hasses, der die ganze Menschheit so schlecht wirken lässt...

Nach einer Weile zu Hause beschließe ich, meine Eltern anzurufen und bescheid zu sagen, dass alles okay ist - erst als ich meinen Bruder am Hörer habe, und ihm sage, dass es mir gut geht und er erwidert "natürlich, du bist ja auch in Kanada und nicht NYC, oder??" fällt mir auf, dass die Menschen in Europa nicht halb so stark betroffen sind wie die Nordamerikaner... Natürlich ist mir nichts passiert, ich bin ja auch relativ weit weg, aber gleichzeitig fühlt sich das alles so nah an, bloss ein paar Autostunden weit weg, und dann auch noch die USA, die unantastbaren USA, und sie sind verletzt, liegen am Boden...

Später ruft meine Mom aus Ottawa an, sie will wissen was los ist, sie hat nur wenig darüber im Zug gehört, und wünscht mir noch eine schöne Woche... hätte sie es am Tag vorher gesagt, wäre ich in Tränen ausgebrochen, heute glaube ich fast, dass es eine Chance gibt, dass die Woche wirklich schön wird. Fast.

Was für ein Tag.