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Mittwoch, 12. September 2001

Gestern wurde sogar noch besser - abgesehen von Gabbys Auftritt in meinem Leben hat ein Mädchen aus meiner drama-Klasse mich vor der Schule getroffen, als ich mal wieder ein bisschen verloren versucht habe, den Zeitpunkt des Nachhausekommens rauszuzögern, und hat mich kurzerhand mit in die 'Stadt' geschleppt. Sie hängt wohl fast jeden Nachmittag mit ihren Freunden in einem kleinen Café namens CoffeeMania rum, das ganz niedlich ist - aber leider voller freaks!! Die meisten kenne ich vom sehen von der Schule her, so einer im langen schwarzen Trenchcoat (hallooo, es ist Sommer?!), und die stadtbekannten 'homosexuals' von unserer Schule... Laura, die mich mitgeschleppt hatte, war wirklich sehr nett, aber irgendwie fühlte ich mich in der Umgebung total unwohl. Mal sehen was daraus wird.

Pünktlich um 6 pm steht Gabby vor meiner Tür (wir hatten uns nach der Geschichtsstunde fürs Lernen verabredet) - total außer Atem und auf rollerblades, vor sich hin plappernd wie immer. Ich finde es inzwischen eigentlich ganz amüsant daneben stehen zu können und immer wenn sie Luft holt "yes, exactly" zu sagen. Als sie meine Hunde entdeckt ist es völlig vorbei - ein einziges Kreischen aus "oh my goodness look at the doggies they are SO CUTE!!!" erfüllte mein sonst so leeres neues Zuhause endlich mal mit Leben.
Als wir uns schließlich mitsamt der Hunde auf den Wohnzimmerfußboden setzen und unsere Geschichtssachen rausholen, fangen wir an, so über dies und das zu reden - 2 1/2 Stunden später fällt uns dann auf, dass wir leider noch rein gar nichts gelernt haben, sondern nur über Gabbys komplizierte Liebesgeschichte (die einen Engländern, einen Sommer, einen nicht passierten Kuss und etwa 20000 Stunden Liebeskummer beinhaltet) und meine Geschichte, wie ich in Simcoe gelandet bin, geredet haben. Es war einfach so super lustig! Ich bin mir inzwischen absolut sicher, eine Freundin gefunden zu haben, wir haben so offen über alles mögliche geredet und uns einfach nur super gut verstanden. Ein gutes Gefühl!
Leider muss sie dann schon wieder gehen; sie hat sich noch tausend Mal entschuldigt dass sie mir nicht mit dem Geschichtelernen geholfen hat (so waren wir überhaupt zu unserem Treffen gekommen: Sie bot mir nach dem Unterricht ihre Hilfe an, weil unser Lehrer einen Test für den nächsten Tag angemeldet hatte und Gabby auf einen Blick erkannt hatte, dass ich Hilfe brauchte ;)) und geht schließlich.
Auch wenn es ohne sie plötzlich noch viel leerer im Haus ist, so habe ich doch immerhin das erste Mal jemanden zu mir nach Hause eingeladen und bin eigentlich sehr stolz auf meine Fortschritte...

Donnerstag, 13. September 2001

Der Test war ganz okay, glaube ich, auch wenn ich wohl eher ein Quiz über die Vorzüge von englischen Jungs gegenüber von kanadischen hätte schreiben können, nach der ausführlichen Information vom Vorabend!
Ansonsten war heute kein guter Tag.
Schon beim Aufstehen fiel mir auf, dass ich erschöpft und müde war und eigentlich direkt wieder ins Bett hätte gehen können - und das nach 9 Stunden Schlaf.
Mein Dad war früher aufgestanden um mir Gesellschaft beim Frühstück zu leisten, damit ich noch überhaupt einen Menschen zu Gesicht bekam. Es war insgesamt schon ungünstiges timing dass meine Gastmutter direkt am Anfang meiner Zeit bei ihnen weggefahren war...
Wortkarg würgte ich meinen Toast runter und versuchte konzentriert, meine Gedanken von Heimweh und ähnlichem fernzuhalten. Mein Gastvater versuchte etwas zu finden, worüber wir uns unterhalten könnten, aber ich war sowieso schon spät dran und fühlte verstärkt das Gefühl, dass seine Hilflosigkeit und seine kindliche, naive Art (ich versuche das Wort 'dumm' nicht im Zusammenhang mit ihm zu gebrauchen, aber es drängt sich auf) mich in den Wahnsinn treibt.
Als ich mein Geschirr in die Spüle stellte, fragte er mich (großer Fehler), ob alles okay laufe in der Schule - und schon waren die Tränen da. Verdammt, ich war noch nichtmal eine Stunde lang wach und schon war der Tag hinüber. Wieder ein Tag, an dem das Heimweh mich besiegt hat.
Mein Dad guckte sehr erschrocken und fing an, rumzustottern, und weil ich diese Hilflosigkeit (verdammt, Väter sollen nicht hilflos sondern stark und beschützend und wissend sein!) nicht länger ertragen konnte, sagte ich nur "it's okay, Ron" und packte meine Sache und ging zur Schule.
Den Weg die Wiese runter, quer über das Fußballfeld und durch den Hintereingang in die Schule rein - länger als eine Minute dauert das nicht, und diese Minute war alles, was ich hatte, um meine Fassung wiederzugewinnen und mich für einen neuen Tag in der Schule zu motivieren.
Wie immer fand ich drama zwar interessant, aber die Leute in meinem Kurs einfach furchtbar, der Unterricht zog sich wieder ins endlose und ich kämpfte weiter gehen Tränen an.
Geschichte war auch nicht grade toll... MJ interessierte sich nur für Anna. Die beiden hingen scheinbar jede Minute miteinander rum. Ich nahm mir fest vor, nicht in diese ATS-Gruppe reinzurutschen sondern mir kanadische Freundinnen zu suchen, auch wenn es ganz nett war, jemanden für die lunch-Pause zu haben.
Die Pause stand ich irgendwie durch, aber in der dritten Stunde wars dann zuviel. Ohne Auslöser fing ich wieder an zu weinen, es ging einfach nicht mehr... sofort kümmerten sich alle um mich, zum Glück war es meine horticulture-Klasse, in der eh nur wenige Schüler waren. Mein Lehrer, Mr Z., war total lieb und fragte mich, wie er mir helfen könnte - ich versuchte ihm zu erklären dass ich grade nur eine völlig normale Heimwehphase durchmachte und dass ich einfach ein bisschen einsam sei... innerhalb weniger Minuten hatte ich sieben Telefonnummern auf meinem Tisch und ein Mädchen, Amanda, kümmerte sich besonders um mich. Sofort ging es besser, der Anfall war wieder vorbei.
In der vierten Stunde, Englisch, wurde ich durch das intercom-System der Schule ins office gerufen, dort musste ich einen Moment warten (während dem ich angestrengt versuchte, mich zu erinnern, was ich falsch gemacht hatte) und wurde schließlich in das Büro der Vize-Rektorin, Mrs Jilderda, gebeten. Dort saß ein sehr hübsches Mädchen, die Julia Stiles aus Save the last dance unglaublich ähnlich sah - sie hieß Lindsey und war die Vorsitzende des Fair Commitees. Ohne zu wissen, was das war, verabredete ich mich auf Anraten der Vize-Rektorin mit Lindsey für den Nachmittag um mit anderen Schülern für ebendieses Kommitee zu arbeiten. Ich hatte keine Ahnung woher die beiden wussten, dass ich Beschäftigung brauchte, aber ich fand es unglaublich nett, dass sie sich um mich kümmerten. Als ich nach der Schule in die cafeteria kam, waren dort etwa 15 SchülerInnen aus allen Klassen, die verschiedene Poster und Spruchbänder bemalten. Jemand erklärte mir, dass fair (zu Deutsch: Kirmes, Jahrmarkt) das mitunter größte event in Simcoe ist - fair geht über mehrere Tage hinweg, es gibt Ausstellungen von den Farmern der Umgebung und Stände und den üblichen Kirmes-Unterhaltungs-Kram, und, ganz besonders wichtig, den school day, an dem alle Schüler umsonst Zutritt zum fair-Gelände erhalten, und an dem die Wettkämpfe aller Schulen der Umgebungen stattfinden. Die unglaubliche Bedeutung dieser Wettkämpfe ließ sich an dem Aufwand, den die Schüler bereits in die Vorbereitung steckten, schon erahnen... Ein Motto war gewählt worden und die riesigen Plakate wurden in unseren Schulfarben entsprechend bemalt und mit anfeuernden Sprüchen versehen.
Es tat gut, mit anderen gemeinsam etwas zu machen, und das Ausmalen war auch anspruchslos genug, dass ich damit klar kam :)
Anschließend lief ich zu Anna, die ja bei MJs erster (und meiner ursprünglichen) Gastfamilie untergekommen war, und deren Haus ich deshalb schon kannte, und ging mit ihr zum Mall, dem Mini-Einkaufscenter von Simcoe, um die Stadt weiter zu erkunden.
Jetzt bin ich todmüde und völlig erschöpft. Den ganzen Tag hatte ich dieses leicht angespannte und gleichzeitig völlig ausgelaugte Gefühl, und mit wenig Hoffnung, dass es morgen besser ist, gehe ich schlafen.

Freitag, 14. September 2001

Mein Gastvater, dem ich beim Frühstück von dem fair committee erzähle, um einen positiveren Eindruck als den vom Vortag zu machen, erwidert darauf: "Oh dann bin ich aber froh - ich hab gestern noch deinen Direktor angerufen, weil du so traurig aussahst, und ihn gebeten, dir etwas zu helfen" - ich bin völlig geschockt. Die Freundlichkeit hinter dieser Geste geht völlig an mir vorbei, für mich ist es nur ein absoluter Akt der Bemutterung und Eingriff in mein Leben und vor allem (und am schlimmsten) das Zeichen, dass Ron scheinbar nicht glaubt, dass ich es alleine schaffen kann. Ich bin doch kein kleines Kind mehr! Er hätte mir einfach sagen können: Hey, ich hab ne gute Idee, warum gehst du nicht zu deinem Direktor und fragst ihn, ob es etwas gibt, wobei du helfen könntest? - Nein, er muss losrennen und mich in der Schule als das absolute rumheulende Kleinkind darstellen, das nicht alleine klarkommt. Super.
Ich bin stinkwütend und versuche nach der Schule mir dieses Gefühl gemeinsam mit dem Heimweh aus dem Bauch zu joggen, aber es hilft nichts. Ich fühle mich nachher genauso angespannt und innerlich aufgerieben wie vorher... Wenn sogar dieses Mittel nicht mehr funktioniert, bleibt mir nichts anderes als warten, bis es wieder zuviel wird und ich mich wieder in Tränen auflöst. Jedesmal wieder das gleiche erniedrigende Gefühl: Versagt, nicht geschafft... Ich hasse Tränen.
Ich hasse dieses leere Gefühl in mir, diese Leere, in der sich Angst vor der Zukunft und Sehnsucht nach Deutschland, nach meinen Eltern, meiner Familie, meinen Freunden ausbreitet. Ich steigere mich in Sorgen rein, bis sie ausgewachsene Ängste sind - ich habe nicht genug Geld, ich werde bestimmt krank, ich werde keine Freunde finden und das ist meine Schuld, ich mache nichts mit meiner Zeit und verschwende kostbare Momente meines Austauschjahres,...
Ich mache mich selber verrückt.

Abends holt Gabby mich ab und wir laufen durch die Stadt - 1 1/2 Stunden girl talk, ich liebe es einfach! Aber diese zwei Gesichter meines Lebens irritieren mich: Auf der einen Seite ist alles okay und ich verbringe einfach einen entspannten Abend mit einer Freundin in Simcoe, gehe zu Tim Hortons und stopfe mich mit Kalorien voll, auf der anderen Seite fühle ich mich unglaublich unstabil, unsicher, wackelig und habe Angst, dass ich in jedem Moment nicht mehr gegen die Angst ankomme und ...

Schließlich gehen Gabby und ich noch ins Kino - ja, Simcoe hat ein eigenes kleines Kino! Es zeigt an fast jedem Abend der Woche einen Film, der fast wöchtenlich gewechselt wird. Heute abend sehen wir 'Summer Catch' - mit Freddy Prince Jr., mmmmh...
Um halb zwölf bin ich zu Hause und warte dort gemeinsam mit Ron auf Greg, der so gegen halb 2 schließlich wieder nach Hause kommt - nach einer Woche arbeiten in Kitchener verbringt er das Wochenende wieder bei uns.

Samstag, 15. September 2001 - Alles wird gut!

Nachdem ich ausgeschlafen habe, wache ich sehr gut gelaunt auf - eine echte Überraschung nach den deprissiven Launen, mit denen ich mich die letzten Tage aus dem Bett gequält habe! Ron und ich fahren nach Brantford, gehen shoppen und ausessen (Swiss Chalet - yummy) und holen schließlich Mom und Miki, die Japanerin ab.
Zu Hause gibt es erstmal ein großes Hallo! Greg und Miki stürzen sich in Erinnerungen von ihrem Austauschjahr, aber ich fühle mich nicht ausgeschlossen sondern habe vielmehr das Gefühl, eine Verbündete gefunden zu haben, die mir wichtige Tipps geben kann. Außerdem ist Mom wieder da und das Haus ist voller Leben.
Das Leben ist schön!

Sonntag, 16. September 2001

Miki muss wirklich Eindruck hinterlassen haben - Doug und Tracie, die Eltern meiner Gastmutter und die Mutter meines Gastvaters kamen alle um sie noch einmal zu sehen und den Tag mit uns zu verbringen. Ein schöner Familientag! Ich wurde bereits wie ein Familienmitglied (und nicht mehr wie eine Außerirdische) behandelt.

Montag, 17. September 2001

Ich bin von den letzten beiden Stunden befreit worden, da Miki und ich mit Ron nach London gefahren sind. Er hatte dort einen Routine-Check (er hatte vor zwei Jahren Krebs und wird demnach regelmäßig kontrolliert), alles ist in Ordnung. Schon wieder shopping... Ich mache mir wirklich Sorgen um mein Geld. Ich werde nie im Leben mit meinem Guthaben auskommen.
Als wir nach Hause gekommen sind, habe ich auf dem Sofa angefangen zu weinen, einfach so, mitten im Gespräch mit Miki. Nach 10 Minuten war alles wieder okay und wir haben ganz normal weitergeredet. Es kann doch nicht normal sein, dass ich immer wieder diese 'Anfälle' kriege?? In den Momenten ist es einfach, als würde eine Welle über mir zusammenschlagen, ich krieg keine Luft mehr und denke nur "ich will nach Hause ich will nach Hause ich will nach Hause" und gleichzeitig weiß ich, wie absurd der Wunsch ist - schließlich bin ich jetzt an dem Ort, an den ich mich so lange gewünscht habe.
Ich will endlich wieder einen Tag ohne Heimweh verbringen. Ich will nicht immer diese Achterbahnfahrt von unendlich glücklich - zu Tode betrübt. Ich kann einfach nciht mehr, ich bin müde und völlig kaputt und finde morgends kaum die Kraft aufzustehen. Blosses verleben jeden Tages ist unglaublich anstrengend. Ich bin so müde.

Dienstag, 18. September 2001

Hahahhahahahhahahahha! Wir haben unseren Geschichtstest wieder (für den ich ja soviel gelernt habe...), und somit habe ich meine erste Note für meine Leistungen in der kanadischen 12. Klasse bekommen: Ich bin Kursbeste. 100% in einem Test... Gabby hat etwas verdutzt geguckt, und meinte dann nur lachend: "Ich glaube in Zukunft hilfst du mir mit Geschichte!"
Nach der Schule arbeite ich, wie jeden Nachmittag, für die fair... Es macht Spass und ich hab nen echt netten 11-Klässler kennengelernt. Jordan, glaube ich... Ich hab mich sogar getraut, ihn anzusprechen und mit ihm gemeinsam ein Plakat zu gestalten! Not macht mutig, ist wohl die Devise ;) Wir haben uns gut verstanden und er ist echt süß, finde ich.

Mittwoch, 19. September 2001

Habe Jordan während der lunch-Pause getroffen und angesprochen. Mmmh.

Donnerstag, 20. September 2001 Erste Begegnung mit der kanadischen "Jugend-Kultur"

Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhhhhhhhh was war DAS denn???
Gestern in der Pause haben Gabby und ich Tickets für den school dance heute abend gekauft, ich hab mir das ganze wie die übliche Oberstufenparty vorgestellt (nur ohne den Alkohol, wir sind hier schließlich in Kanada), und da das ganze in der Turnhalle stattfinden sollte, auch nicht allzuviel erwartet.
Nach einem weiteren tapfer ertragenem Schultag hab ich mich also auf diesen ersten kanadischen dance vorbereitet, und als Gabby mich abholte und wir um halb 8 zur Schule gingen, war ich ein bisschen nervös.
Als erstes fiel mir auf, wieviele Schüler tatsächlich da waren - in Deutschland wäre so ein dance ein totaler Reinfall gewesen, hier was es richtig voll!
Die Musik war laut, die Halle war dunkel und vor großen (wirklich großen!) Bildschirmen, auf denen Music-clips liefen, wurde getanzt. Gabby und ich stürzten uns ins Getümmel und es hat super Spass gemacht zu tanzen.
Doch dann, nach 3 Liedern, legte der DJ plötzlich einen Schmusesong auf. Um mich herum stürzten sich alle aufeinander und ich war plötzlich nur noch von eng umschlungen tanzenden Pärchen umgeben, die sich langsam zum Takt (oder auch nicht) auf der Stelle im Kreis drehten... Von Panik ergriffen suchte ich das Weite und, siehe da, nach nur einem Song wurde die Welt wieder normal und alle tanzten weiter, als wäre nichts gewesen... Äußerst merkwürdig.
Schließlich entdeckte ich auch Jordan, der sich mit ein paar Leuten unterhielt und sich ganz gut zu amüsieren schien. Langsam näherte er sich der Gegend, wo ich inzwischen mit Gabby und ein paar ihrer Freundinnen tanzte (ein Hoch auf meine Entscheidung, in Kanada nur noch Turnschuhe zu tragen - erstens war ich dadurch nicht so viel größer als alle anderne und zum anderen habe ich mir einige Qualen erspart), und als er neben mir standt, begrüßten wir uns kurz, indem wir uns über die superlaute Musik irgendwas ins Ohr schrien, das wohl ein "Hi" gewesen sein könnte. Wir grinsten uns an, weil es einfach keine Chance gab zu reden, und fingen einfach an, wieder zu tanzen.
Ich war völlig baff: Ein Junge, der tanzt? Mit einem Mal fiel mir auf, dass das nichts so ungewöhnliches zu sein schien: In der ganzen Halle tanzten Jungs mit Mädels, und das zu normalen Songs, also R'n'B, softem Rock, ein bisschen Hip Hop usw.! Ich nahm mir sofort vor, das den deutschen Jungs zu vermitteln... ;)
Nach ein paar Songs ging Jordan weiter, und als der nächste langsame Song kam, spielte ich für einen Moment sogar mit dem Gedanken, demonstrativ in seiner Nähe zu stehen, aber das war mir dann doch etwas zu gewagt.
Ansonsten war der Abend wirklich sehr schön, auch wenn ich merke, dass ich mich zum einen mit Gedanken an Jordan von meinem täglichen Kampf gegen mich selbst ablenke und zum anderen mich mit Erinnerungen an den letzten Typen in meinem Leben, der keine Gelegenheit ausgelassen hat, mir vor meiner Abreise aus Deutschland weh zu tun, von Jordan fernzuhalten versuche....
Eine merkwürdige Situation.

Freitag, 21. September

Miki hier zu haben ist wirklich toll... Sie kocht abends für uns und wir reden unendlich viel. Ich habe schon soviel von ihr gelernt und sie konnte mir soviel erklären.
Ich glaube ich werde sie sehr vermissen, aber ich bin motiviert, denn sie hat es auch geschafft - und der Kulturschock Japen/Canada ist wohl noch um einiges krasser als Europa/Canada.

Sonntag, 23. September

Nach einem wunderschönen, entspannten Familienwochenende mit gemeinsamen Mahlzeiten, haben wir heute Miki zum Flughafen gebracht. Damit endet wohl die 'Pause', die ich von meinem Heimweh hatte, denn seit dem Ausbruch am Dienstag war mein Gefühlsleben relativ stabil und ausgeglichen. Doch jetzt, ohne meine neue Schwester, mit der ich über alles reden kann, habe ich Angst, dass alles sehr schnell wieder sehr schlecht werden kann. Wir werden sehen.
Am Samstag habe ich trotzdem einer meiner Vorsätze eingehalten, auch wenn es schwer war: Ich will Dinge tun, die ich in Deutschland nicht von mir erwartet hätte - und so bin ich alleine zu einem hard rock konzert (die Sorte mit agressivem head banging und pogo) gegangen, von dem ein paar Jungs aus meiner Englischklasse erzählt hatten. Die Musik war nicht ganz mein Fall, aber hey, ich bin etwas unter die Leute gekommen - auch wenn wir nur vorher geredet haben, weil nachher alle taub waren. Ich bin über meinen ängstlichen kleinen Schatten gesprungen, und wir werden sehen, was als nächstes auf meiner to-do-Liste steht ;)