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Das Flugzeug ist gelandet. Es ist wirklich gelandet!!! Ich kann es nicht glauben... ich bin in meinem ganz persönlichem 'gelobten' Land!!! Der erste Blick aus dem Flugzeugfenster auf das Rollfeld von Toronto... ich versuche mir, den Anblick ganz fest einzuprägen - schliesslich soll dies einer der Momente sein, an die ich später zurückdenke und denke "Achja, damals...".
Hinter mir liegen ein stressiger Tag, an dem meine beiden Koffer absolut nicht zugehen wollten, meine Schwester beschlossen hatte, mir das Leben zum Abschied noch ein bisschen schwer zu machen, die Autofahrt nach Frankfurt einfach ewig gedauert hat, der Abschied von meiner Familie einfacher war als ich es erwartet hatte, da ich viel zu aufgeregt war um traurig zu sein (und schliesslich sehe ich sie in einem Jahr wieder - und ich bin ja nicht aus der Welt!), ewigdauerndes einchecken am Flughafen und ein 8 Stunden langer Flug mit den anderen YFU Canada Mädels, während dem meine Gedanken sich nicht entscheiden konnten, ob sie D-land nachhängen oder vorrauseilen nach Canada wollten.... Dazu die Unsicherheit dass ich immer noch nicht weiss, wohin ich kommen werde, oder wo ich die nächste Nacht verbringe.
Ich bin müde, glaube ich zumindest, aber auch aufgeregt, nervous, zittrig auf den Beinen, und weiss gar nicht mehr ob ich weinen, lachen oder einfach tot umfallen möchte. Schliesslich bin ich jetzt an dem Ort, an den ich mich seit Jahren gewünscht habe - und das ohne ihn überhaupt zu kennen! Ich bin verwirrt, weiss nicht mehr wo vorn und hinten ist, inzwischen ist es 23 Uhr meiner Zeit und die anderen 4 deutschen ATS, die drei Dänen und ich kommen nur langsam aus dem Flugzeug raus. Unser Flugbegleiter (sehr sehr lieber Mensch im übrigen... Er war mir sehr sympatisch, was es sehr lustig machte dass meine YFU Betreuerin in Kanada am Ende meines ATJ meinte, dass ich ihm sehr ähnlich wäre ) geht mit uns allen zum Einreiseschalter, wo der Spass richtig losgeht:
Der Beamte fragt mich, wo ich wohnen werde ("I have no idea"), wo ich zur Schule gehen werde ("I don't know yet"), ob ich mich innerhalb der nächsten 4 Wochen auf einer farm aufhalten werde ("Maybe, I don't know") usw usw.... Er guckt etwas beunruhigt und drückt mir einen grossen roten Zettel in die Hand. Danach geht's weiter zum Visumsschalter, wo wir erstmal ewig in der Schlange stehen dürfen...
Als ich dran komme, ist es Mitternacht nach meinem Gefühl - also gerade mal 18 Uhr kanadische Zeit. Ich gebe dem Beamten meinen Visumsantrag (man reist ohne Visum nach Kanada ein, nur mit einem Brief der kanadischen Botschaft in Deutschland, der sozusagen den Antrag auf das Visum darstellt) und meinen Pass und warte, bis er mit grimmigem Gesicht alle meine Daten in einen Computer eingegeben hat. Dann gehen die Fragen wieder los: Wo wirst du wohnen, wo gehst du zur Schule, warum weisst du das alles nicht, wie kannst du glauben dass du ein Visum kriegst wenn du nichts davon weisst,...... Ich versuche, tapfer zu lächeln und erkläre ihm dass ich mit einer Organisation komme, die garantiert dass ich bis zum Schulbeginn eine Familie und eine Schule haben werde, und schliesslich akzeptiert er das und schreibt auf mein Visum "Other Secondary School, Ont." wo der Name meiner Schule hingehört und lässt die anderen Felder frei....
Ich kriege meinen Pass wieder und gehe erleichtert durch die nächste Milchglasschiebetür zur Gepäckausgabe. Die letzten Koffer, die da einsam im Kreis fahren, gehören wohl uns Yfulern.... Ich nehme meine beiden und gehe auf die Kontrolle zu, und mir wird schon wieder ganz anders als ich den Blick der Kontrolleure sehe: Der rote Zettel in meiner Hand scheint nichts gutes zu heissen. Stefan, der Flugbegleiter, dreht sich zum Glück nochmal um und sieht, wie die beiden Beamten sich daran machen, meine Koffer zu öffnen und ich einfach sprachlos daneben stehe (wie um alles in der Welt soll ich die wieder zu kriegen, wenn ich heute morgen schon gemeinsam mit meiner Mutter darauf sitzen musste, damit die überhaupt zugingen??!!!) und geht dazwischen. Aus dem Gespräch kriege ich nur soviel mit, dass es um irgendeine Seuche geht, die ich wohl angeblich gerade einschleppe, und die sie jetzt dringen aus meinen Sachen rausdesinfizieren müssen.... Das verwirrt mich dann doch etwas, und erst als Stefan sie beruhigt hat und ich meine Koffer (ungeöffnet!!) mitnehmen darf, erklärt er mir, dass Kanada Angst hat, dass europäische Einreisende die Maul-und-Klauen-Seuche miteinschleppen, und da ich 'eventuell' innerhalb der nächsten 8 Wochen auf einer farm leben würde, war ich eine Risikoperson. Und da ich die Frage der Kontrolleure, ob ich "boots" dabei habe, mit "yes, I do" beantwortet hatte, dachten die, ich hätte Arbeitsstiefel dabei, in deren Sohlen sich Dreck und die Seuche befinden könnten. Das ich mit "boots" meine dunkelgrünen hochhackigen Stiefel meinte, und dass ich in den letzten zwei Jahren keinen Bauernhof mehr aus der Nähe gesehen hatte, war wohl etwas untergegangen....
Also, endlich auf der anderen Seite, bin ich endlich offiziell in Kanada!! Der erste Eindruck ist bleibend: Zwei kleine (ich bin 1,85 und hab deshalb ne Abneigung gegen kleine Menschen, die mich umarmen wollen) und recht rundliche Frauen rennen auf mich zu und fallen mir um den Hals (so gut das geht): "Welcome to Canada!!!!!!!!!"
Es kommt mir wie Stunden vor... Seit Stunden fahren wir durch die kanadische Nacht, haben vor Ewigkeiten die hellen Lichter der Toronto-Gegend verlassen und sind jetzt in einer etwas weniger besiedelten Gegend, die von der Strassenbeleuchtung in ein trübes Gelb getaucht wird.
Anfangs war die Unterhaltung schleppend - viel zu aufgeregt sind wir alle, die beiden Ecuadorianerinnen und 'wir Deutsche'. Der Shuttle Fahrer hört seine Musik, unterkühlt das Auto mit einer für mich ungewohnt starken Klimaanlage, und spricht wenig mit uns. Vermutlich verunsichert ihn das Sprachendurcheinander dass wir verbreiten: Gaby und María-José unterhalten sich laut auf Spanisch; Gaby ist zu unsicher um Englisch zu sprechen und lässt MJ übersetzen. Janna und ich versuchen Englisch miteinander zu sprechen, unterbrechen uns aber immer wieder gegenseitig um auf Deutsch nach Wörtern zu fragen.
Ich sitze am Fenster und suche immer wieder nach Anhaltspunkten draussen - wo sind wir, wie spät ist es, wie lange müssen wir noch fahren? Der Flughafen, an dem wir vier Mädels nach langem Warten unter vielen Verabschiedungen von den YFU Mitarbeiterinnen in das Shuttle gesteckt wurden, scheint wie eine weit entfernte Welt - kaum hat man sich an sein neues Umfeld gewöhnt, muss man weiter. MJ spricht sich ihren ganzen Frust von der Seele - die beiden müssen einen Höllentrip aus Ecuador hinter sich haben, so wie es sich anhört. Ihr fliessendes Englisch schüchtert mich ein - normaler Weise wäre ich nicht so schüchtern, auch mal was von mir zu geben. Aber ihre südamerikanische, laute, impulsive Art verschreckt mich zu sehr - und woher sollte ich wissen, dass sie später einer meiner besten Freundinnen werden würde?!
Gaby plappert immer wieder hektisch auf Spanisch los; Janna ist interessiert und fröhlich wie immer, sie hat den langen Flug aus Deutschland deutlich besser verkraftet als ich.
Mein Zeitgefühl ist völlig verloren - immer wieder lehne ich mich vor um die Uhr auf dem Amaturenbrett sehen zu können. "11 o'clock" teile ich den anderen mit - und gleichzeitig schießen meine Gedanken zurück nach Deutschland: Da ist es jetzt 5 Uhr morgens! Die Sehnsucht nach einem Bett wird stärker... und immer noch kein Ende in Sicht. Der Fahrer ist der Einzige der weiß wo wir hin müssen - Horrorvorstellungen, wie die, dass wir jetzt in den Händen eines wahnsinnigen Kanadiers sind, der uns entführen und foltern wird (oder alternativ einfach nur in einem dichten dunklen Wald aussetzt) schießen durch meinen Kopf, werden jedoch schnell verbannt.
Positiv denken!! Die Devise seit Wochen. Wochen... und schon bin ich in Gedanken wieder zu Hause, vor meinen Augen seh ich die Verabschiedungsszene von meinen Freunden, wie sie mir noch etwas nachriefen und ich es nicht hören konnte, weil ich schon über die Brücke gegangen war und auf der anderen Seite des Rheins stand... Niemals würde ich wissen was sie alle im Chor über den Fluss schrien, aber ich weiss dass es das letzte war, dass ich von ihnen hören würde. Als ich sie wiedersah, waren wir alle nicht mehr die selben von damals.
Zwanzig Minuten bis Mitternacht - sogar MJ ist nahezu verstummt, nicht jedoch bevor sie mir lang und ausführlich erklärt hat, dass wir unbedingt die Familie B. (die Familie, die mir von YFU Deutschland als Arrival Family genannt wurde, und die mir am Telefon mitgeteilt hat, dass ich frühstens in zwei Wochen bei ihnen leben könnte) überzeugen müssten, uns für das ganze Jahr zu behalten, da sie die gleiche Familie zugeteilt bekommen hatte, und es sich scheinbar in den Kopf gesetzt hat, dort mit mir gemeinsam ihr Jahr zu verbringen. Ich nicke nur und lächle - weitere Schreckensvisionen von uns beiden als Gastschwestern nehmen mir die Fähigkeit zu sprechen...
Die letzten Dörfer sind schon eine Weile her, jetzt fahren wir durch die völlige Dunkelheit (die dunklen Wälder kommen mir wieder in den Kopf, und ich überlege ob ich irgendwelche waffentaugliche Dinge bei mir habe....), als der Fahrer uns plötzlich auf dialektfarbigen Englisch mitteilt, dass wir beinahe am Ziel sind.
Schliesslich schwenken die Scheinwerfer auf einen Feldweg, und ein Farmhaus wird angeleuchtet. Warmes Licht scheint aus zwei Fenstern, der Rest ist dunkel. Der Shuttle Bus hält vor der Veranda, wir schnallen uns ab und suchen unseren Kram zusammen, als eine Frau die quietschende äussere Haustür, die mit ihren Netzen als Insektenschutz dient, öffnet und auf uns zukommt. Nun muss dazu gesagt werden, dass Diane wirklich dem Bild einer 'wohgenährten' Nordamerikanerin entspricht. 'So breit wie hoch' trifft es recht direkt und macht es zu einer merkwürdigen Szene, wie Diane uns alle (die Südamerikanerinnen unglaublich klein und zierlich in ihren Armen, Janna und ich auffallend gross und schlank) herzlich begrüßt und uns mitsamt unseres Gepäcks ins Haus scheucht. Als MJ und ich unsere Koffer mit einem erleichterten Gesichtsausdruck ('endlich angekommen') auf die Verande hochschleppen wollen, dreht sich Diane um und erklärt uns lächelnd: "Oh no, you two aren't staying here! My neighbours are coming to pick you up any minute"...
Immer noch nicht am Ziel?? Hört diese Reise denn nie auf?? Es wäre leichter zu verkraften wenn ich wenigstens wüsste, wo dies alles hinführt. Die Ungewissheit fängt an, an mir zu nagen - nach zwei Monaten, in denen ich ständig allen erklären musste, wie es sein kann, dass ich keine Gastfamilie habe, und in denen ich mich ständig rechtfertigen musste, für mich, meine Austauschorganisation, mein Gastland, bin ich erschöpft, ich will endlich einen Platz zum schlafen, eine Familie, eine Heimat!! Wie soll dieses Austauschjahr denn richtig anfangen, wenn ich die ganze Zeit von einem Ort zum nächsten geschickt werde!!
Im Haus werden meine Nerven erstmal mit frischen, selbstgebackenen Keksen beruhigt, und während Gaby und Janna ihre Koffer in ihre Zimmer bringen, sitzen MJ und ich am Küchentisch und starren die Uhr an - wie lange können denn auch Nachbarn brauchen, um uns abholen zu kommen?
Kurz vor eins werden wir von Motorgeräuschen aus unserem Halbschlaf geweckt - immer noch sitzen wir an dem Küchentisch, nur die Kekse sind inzwischen verschwunden. Von der völlig erschöpften Gaby und der immer noch fröhlichen, aufgeregten und interessierten Janna haben wir uns schon verabschiedet, nur Diane sitzt noch bei uns und plappert fröhlich vor sich hin; viel verstehe ich nicht von dem was sie sagt.
Die Nachbarn, Bob und Linda, kommen in die Küche, begrüßen uns kurz, laden unsere Sachen in ihren Jeep, reden scheinbar ewig mit Diane und steigen endlich ein. MJ verfällt in ein für sie ungewöhnliches Schweigen - obwohl ich sie erst vor wenigen Stunden kennengelernt habe, kommt sie mir jetzt wie der vertrauteste Mensch auf diesem fremden Planeten vor.
Ich übernehme den höflichen small talk mit Bob und Linda, die interessiert aber kühl bleiben. Nach einer halben Stunde Fahrt sind wir fast da, verkündet Linda schliesslich, und erwähnt gleichzeitig nebenbei, dass ihre Enkel bei ihnen sind, denn die haben die Windpocken und deshalb passt Lindas Tochter Chrystal auf sie auf - "Chicken Pox??????" MJ ist plötzlich wieder aufgewacht, und hat ihren alamiert-schockierten Ton wieder. Mit ihrem fließendem Englisch erklärt sie aufgeregt und hektisch, dass sie die Windpocken noch nicht hatte, und macht Linda und Bob sehr bestimmt klar, dass sie das Haus nicht betreten kann, so lange die kranken Kinder da sind.
Also werde nur ich in das Haus geführt, kurz Chrystal vorgestellt und in mein vorrübergehendes Zimmer gebracht, Bob fährt MJ zurück zu Diane.
Plötzlich allein sitze ich auf einem ungewohnt großem, hohen und weichen Bett und sehe mich um. Das Zimmer ist klein und relativ leer, scheinbar länger unbewohnt. Statt einer Bettdecke sind Lacken und ein Quilt auf dem Bett - in meinen müden Augen so ziemlich das verführerischste was ich seit langem gesehen habe. Schnell gucke ich auf den Radiowecker: Viertel nach eins.
Ich lege mich erschöpft auf das Bett und versuche irgendwie, alle diese Gedanken in meinem Kopf zu beruhigen und mir darüber klar zu werden, dass ich da bin. DA. Wo immer dieses 'da' auch sein mag... Ich komme wieder ein bisschen aus meinem Halbschlaf hoch als Linda das Zimmer betritt und mich zudeckt: Ich bin eingeschlafen bevor ich mich zudecken konnte. Bevor ich endlich wirklich einschlafe, um meine erste Nacht in Canada zu verbringen, taucht ein letzter Gedanke in meinem erschöpften Kopf auf:
"Home...(?)"