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Mittwoch, 03. Oktober

Ich bin so müde. Ich verstehe es nicht... es war doch alles in Ordnung - alles war okay, für zwei lächerliche Wochen, und jetzt...! Ich bin müde, endlos müde und will einfach nur in meinem Bett unter der Decke liegen bleiben und mich nicht jeden Tag aufs Neue durch dieses sinnlose Leben quälen. Alles ist so anstrengend, und ich habe wieder dieses Gefühl, dass sich die Angst und das Heimweh anschleichen... ich kann nicht richtig atmen in solchen Momenten und will nur unter Leute. Ich brauche Ablenkung. Ablenkung.
Heute habe ich mich in der großen Pause noch beim drama club meiner Schule eingetragen, von dem ich während meiner drama class gehört habe. Bin mal gespannt wie der so ist.
Nach der Schule wollte ich direkt etwas essen, um nachher zum Yoga zu gehen, aber gerade als ich den Toaster rausgeholt hatte, klopfte jemand an meine Tür: Gabby und Amanda! Die beiden wollten zu Subways essen gehen und mich mitnehmen - mein erstes sub! Sehr lecker!! Aber mein Geld... ich habe solche Sorgen was das Geld angeht.
Aber das Wetter war heute herrlich! Sonnig und herbstlich, der Boden ist bedeckt mit roten, gelben, goldenen und braunen Blättern und es sieht einfach toll aus.
Ich habe nur Angst dass ich krank werde, da es anfängt kälter zu werden.

Donnerstag, 04. Oktober

Ich bin total pleite! Nach fair, was insgesamt relativ teuer war, und der Gebühr für Yoga und... ich muss dringend zum Frisör! Mein Kurzhaarschnitt ist total rausgewachsen und ich seh ziemlich fusselig aus.
Ich habe solche Angst zu versagen. Ich will nicht nach Hause schreiben müssen, dass ich es geschafft habe, alles Geld aus dem Fenster rauszuschmeißen, und sie um mehr bitten. Ich will es schaffen! Alleine! Ich will dass meine Eltern stolz auf mich sind und dass alle sehen, dass ich es geschafft habe! Alleine!
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mir alles selber schwer mache. Wenn ich nicht so hohe Ansprüche an mich selbst hätte, wäre das alles nicht so schlimm.
Mom ging es heute nicht so gut in der Arbeit, deshalb ist sie schon früher nach Hause gekommen. Es ist schön, sie hier zu haben, aber sie liegt nur in ihrem abgedunkeltem Schlafzimmer. Hoffentlich geht es ihr bald besser.
Heute abend kann ich meine emails abrufen!! Ich laufe rauf zur Schule, in der mein Dad arbeitet, und benutze wieder den Computer des Direktors. Er hat sogar msn auf seinem PC! Hoffentlich habe ich ein paar schöne emails von zu Hause.
Alles wird gut, ich schaffe das. Noch habe ich kein Heimweh. Kein Heimweh.

Freitag, 05. Oktober

Der Tag zieht an mir vorbei, ohne dass ich daran teilhabe. Ich sitze im Unterricht und langweile mich, weil ich mich nicht zugehörig fühle oder den Eindruck kriege, dass dies mein Unterricht ist, aus dem ich was lernen soll. Ich bin nur Zuschauer, Gast.
Ich glaube ich kriege eine Erkältung, ich fühle schon die ersten Anzeichen. Ich hasse es... ich kriege immer als erste eine Erkältung, die sich dann meistens direkt noch in eine ausgewachsene Nebenhöhlenentzündung entwickelt. Juchu. Ich sehe mich schon alleine zu Hause im Bett liegen - oh großer Gott, nein! Ich darf nicht krank werden, ich werde wahnsinnig wenn ich noch nichtmal mehr in die Schule gehen kann sondern den ganzen Tag in meiner Hundehütte verbringen muss! Ich fühle mich wie eingekerkert, ich kann nicht atmen. Ich versuche joggen zu gehen, um es besser zu machen, aber es wird immer kälter und ich habe Angst, mich zu verletzen.
Außerdem fühle ich kaum noch Energie in mir... ich bin total leer und kriege mich nicht aufgerafft. Und doch gehe ich jeden Morgen in die Schule, und heute bin ich sogar nach dem Unterricht zu Gabbys Locker gegangen und habe sie gefragt, was sie heute noch so macht. Amanda und sie haben mich dann direkt 'eingepackt' und wir sind gemeinsam zu Amandas Haus gelaufen.
Dort habe ich dann mitgekriegt, dass Gabby wohl seit einigen Tagen bei Amanda wohnt - das wusste ich noch gar nicht! Sie hat wohl tierischen Ärger mit ihrer Pflegemutter gehabt, bei der wir damals am 11. September waren und ist daraufhin zu Amanda abgehauen.
Ihre Lebensgeschichte ist sowieso ziemlich heftig - ihr Vater hat ihre Mutter verlassen, als Gabby geboren wurde, sie ist die ersten paar Jahre mit ihrem Bruder bei ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihren Stiefgeschwistern in Montreal aufgewachsen, bis ihre Mutter dann in einem Autounfall tödlich verunglückt ist; ihr Bruder ist daraufhin zu ihrem leiblichen Vater zurückgekommen und sie ist durch mehrere Pflegefamilien durchgereicht worden, bis sie schließlich in Simcoe gelandet ist. Ihr Vater kommt sie manchmal auf der Durchreise besuchen, ihre Geschwister sieht sie nie.
Wir haben den Nachmittag dann gemeinsam bei Amanda verbracht, ihre Mutter hat uns alle mit zu Arby's genommen, wo sie uns ein Abendessen spendiert hat (Arby's Burger sind fast alle mit roast beef - anders, aber lecker) und schließlich haben Amanda und ich auf ihrem Zimmerfußboden gesessen und Fotos von ihrem Traumtypen angesehen, während sie mir die ganze komplizierte Geschichte über ihn erzählt hat :) Gabby war währenddessen bei den Cadets, was wohl so eine Art militärisch angehauchte Pfadfinder sind, da sie dort Gruppenleiterin oder so etwas ähnliches ist. Als Amanda und ich es uns dann vorm Fernseher gemütlich gemacht hatten, platzte Gabby plötzlich wieder rein und zerrte uns aus dem Haus: Ihr Kumpel Brad war noch mitgekommen und so fuhren wir noch mit seinem Auto zu Wendy's, wo wir so viel Spass hatten... Obwohl es Freitag war, machte der Laden relativ früh zu, und so zogen wir noch weiter zu Tim Hortons (womit wir fast alle fast food Läden in Simcoe durch hatten ;)) und verbrachten den Rest des Abends damit, auf Papiertüten von Tim Hortons das deutsche Alphabet aufzuschreiben und laut auszusprechen - es war so lustig zu hören, wie Brad, Gabby und Amanda versuchten, "Ypsilon" zu sagen. Schließlich ernannte mich Brad zu "Queen Epsyllon", da er so begeistert von den deutschen Namen der Buchstaben war....
Wir haben so viel gelacht! Schließlich fuhr Brad mich nach Hause, und als wir gerade an der Schule vorbeifuhren, sah Gabby zwei kids von Cadets auf der Straße, also hängte sie sich bis zur Hüfte aus dem Autofenster und rief ihnen im Vorbeifahren irgendetwas zu - sie war eben etwas aufgedreht... Als Brad daraufhin allerdings um die Kurve in meine Straße einbog, blinkte hinter uns Licht auf: Polizei! Brad musste anhalten, der Polizist kam zu unserem Auto, leuchtete mit der Taschenlampe durch die Fenster in unsere Gesichter, ließ Brad aussteigen und Alkoholtests machen, wollte wissen, wer aus dem Auto gelehnt und geschrien hatte, wo wir herkamen und wo wir hin wollten... Es war so schrecklich!! Wir standen maximal 4 Meter von meinem Haus entfernt, das Blinklicht vom Streifenwagen beleuchtete die ganze Straße und war nicht zu übersehen, und ich bin noch nichtmal 6 Wochen in Kanada und schon habe ich Ärger mit der Polizei!! Ich hatte solche Angst, ich dachte wirklich, als nächstes packen die mich am Kragen und schleifen mich zum Flughafen und weisen mich aus...
Als wir schließlich weiterfahren durften, da ja nichts weiter festzustellen war, außer dass wir alle ein wenig aufgedreht waren und zuviel Spass mit unseren Wendys-Luftballons gehabt hatten, die aus allen vier Fenstern des Autos hingen, waren alle erstmal etwas geschockt... Brad drehte sich zu mir um, als er vor meinem Haus hielt und sagte: "there you are, Queen Epsyllon: a true Simcoe friday night - loads of junk food and trouble with the police!" Wir mussten so lachen und versprachen uns, diesen Abend so schnell wie möglich zu wiederholen...
Was für eine Nacht!

Samstag, 6. Oktober

Nach dem Schrecken der letzten Nacht (zu allem Unglück hatten sich meine Gasteltern noch Sorgen gemacht, da ich auf dem Notizbrett in der Küche die Nachricht hinterlassen hatte, dass ich so gegen 10 zu Hause sein würde, und es war dann doch eher Mitternacht, bis ich endlich wieder da war,...) habe ich heute den Tag mit joggen begonnen, um mein wenigstens mein schlechtes Gewissen wegen meiner Ernährung von gestern zu beruhigen.
Nachmittags holte Gabby mich dann gemeinsam mit ihrer Tante ab - soweit ich da durchblicke ist es nicht ihre echte Tante sondern die angeheiratete Schwägerin von Gabbys ehemaliger Pflegemutter (alles etwas verwirrend und kompliziert, insbesondere da man bei solchen Themen auch nicht so direkt fragen kann...). Als wir dann bei Amanda hielten und noch mehrere Wäschekörbe voll Sachen ins Auto luden, beschloss Gabby schließlich doch, mich mal ein bisschen einzuweihen und erzählte mir strahlend, dass ihre Tante beschlossen hatte, dass Gabby bei ihnen leben dürfte! Ich freue mich so für sie, sie hat es wirklich verdient mal bei einer lieben Familie etwas länger bleiben zu dürfen! Außerdem ist ihre Tante wirklich sehr nett, sie scheint ein großes Herz für Heimatlose zu haben, denn es war wohl auch ihre Idee gewesen, mich für den Nachmittag und Abend zu ihnen zu holen und so mein erstes Thanksgiving dinner zu haben!
Nachdem wir Gabbys Sachen in ihrem neuen Zimmer verstaut hatten, sind ihr Cousin Jeff, der etwas jünger ist als wird, und wir raus gegangen - Gabbys Tante und ihre Familie leben in einem sehr schönen großen Haus etwa 20 min. außerhalb von Simcoe (was wohl leider bedeutet, dass ich Gabby nicht mehr nach der Schule sehen werde, da sie ab sofort den Schulbus benutzen muss), das inmitten von großen Feldern liegt. Um genau zu sein ist das Land hinter ihrem Haus Teil der mitunter größten Apfelfarm der Gegend - endlose, absolut endlose apple orchards, durch die wir fast drei Stunden lang streiften, ohne Ende Äpfel klauten, während Jeff und Gabby mir Schauergeschichten von Kindern erzählten, die beim Äpfelklauen erwischt wurden, mit dem Hund der Familie (Maggie) um die Wette rannten und als es schließlich dunkel und kalt wurde, unseren Weg mit der Taschenlampe zurück fanden.
Als wir durchgefroren und mit roten Gesichtern zu Hause ankamen, fühlte ich mich fast wie in einer alten Kindergeschichte: Im Haus erwartete uns die wohlige Wärme von einem Kamin, und der Esstisch war schwer beladen mit thanksgiving dinner: Truthahn, Erbsen, Möhren, Kartoffelbrei, cesar salad, stuffing, apple pie, pumkin pie, ....
Gemeinsam mit Gabbys Tante Debby, ihrem Onkel Tom, ihrem älteren Cousin Greg und dem jüngeren Jeff, schaufelten wir also diese unglaublichen Massen von Essen in uns rein, bis wir zum platzen voll fast von unseren Stühlen fielen und uns glücklich wie kleine Kinder an Weihnachten vor den Fernseher setzten... Ich hatte das Gefühl, wirklich Teil dieser lustigen Familie zu sein, die einfach alle so super lieb sind - und so nordamerikanisch ;)
So gegen 11 fuhr Debby mich dann nach Hause, wo ich totmüde von der frischen Luft und dem vielen Essen ins Bett fiel.

Sonntag, 7. Oktober

Mit einem Ruck wache ich auf: Heute ist Sonntag! Heute ist die Geburtstagsfeier von meinen Gast-Großeltern in Port Dover! Die pot luck Party! Zu der jeder was zu essen mitbringt! Ich muss kochen!!! Horror überfällt mich, und ich muss mich zwingen aufzustehen und runter zu gehen. Meine mom ist aber immer noch restlos begeistert von der Idee, dass ich etwas typisch deutsches aus dem Dr-Oetker-Kochbuch auf englisch koche... wessen Idee war es eigentlich, dieses blöde Buch als Gastgeschenk mitzunehmen?! In Gedanken verwünsche ich meine Mutter, als ich mit Sandy zum Einkaufen fahre - der Umfang der Katastrophe wird mir aber erst klar, als wir zu "Kapern" auf meiner Einkaufsliste kommen. Da ich den englischen Namen aus dem englischen Kochbuch habe, kann es kein Übersetzungsfehler sein, das niemand versteht was ich will - meine Gastmutter schaut mich groß an und sogar die Angestellten im Laden haben noch nie etwas von Kapern gehört. Ob es ein Gemüse ist, wollen sie wissen... Du meine Güte, wie beschreibt man denn Kapern?! Erst der dritte Angestellte glaubt sich zu erinnern, sowas schonmal gehört zu haben, und siehe da, es gibt sie sogar!! Stolze Besitzerin eines kleinen, sündhaft teuren Gläschens Kapern, mache ich mich wieder auf den Weg nach Hause, wo ich Seite an Seite mit Sandy das Essen zu bereite. Sie macht eins ihrer wundervollen stews und ich mache (wer es bis jetzt noch nicht erraten hat...) Königsberger Klopse!
Dafür dass ich null Kocherfahrung habe und auch im Leben noch nie gesehen habe, wie Königsberger Klopse gemacht werden, klappt es erstaunlich gut - auch wenn es etwas länger dauert.... Zum Glück hat Mom mich gezwungen, früh genug anzufangen, und so fahren wir so gegen 4 schließlich zu den Großeltern nach Port Dover, im Kofferraum mein ganzer Stolz: Richtige, echte, gutschmeckende, selbstgemachte Königsberger Klopse!
Als wir schließlich ankommen, wird mir aber doch nochmal etwas mulmig - ich kenne zwar die Großeltern von ihrem Besuch bei uns als Miki da war, aber das war quasi mein Territorium. Jetzt, bei ihnen zu Hause, sehe ich mich plötzlich rund 10 unbekannten Gastfamilienmitgliedern gegenüber, die alle sehr schnell und sehr aufgeregt reden und lachen und die ich nun nach und nach kennenlerne: Der Großvater begrüßt mich wieder mit seinem breiten Grinsen, kaugummikauend und mit sportlich nach hintem gekämmten Haar, umarmt mich herzlich und warnt mich vor meinem Onkel Gary, die Großmutter gibt mir wieder ihre zerbrechliche kleine Hand und sagt mit wässrigen Augen, dass sie sich freut, mich wiederzusehen, meine Tante Janet ist restlos begeistert davon, dass ich größer bin als sie, und holt ihre Tochter Jordi ran, die mit ihren langen schwarzen Locken absolut toll aussieht und außerdem eine unglaublich interessante Person ist, die momentan Theaterwissenschaften irgendwo weiterweg studiert, dann fällt Janets Mann, Onkel Gary, über mich her, der wohl gar nicht weiß, an welches meiner Körperteile er seine Hände zuerst legen will, sich aber schließlich zusammenreißt und es bei einem bärtigen Kuss auf die Wange sein lässt, und mich an seinen schüchternen aber süßen Sohn Jonathan weiterreicht, der mich flüchtig anlächelt und dann wieder verschwindet, woraufhin meine etwas jüngere Cousine Sonya, die mit einem rotblonden Lockenkopf genauso frech aussieht, wie sie ist, die Chance nutzt, mich ihrer Familie, also ihrem Vater Dick vorzustellen, da der Rest aus irgendwelchen Gründen nicht kommen konnte...
Wie ich später rausfinde, sind wir wohl gar nicht im Haus meiner Großeltern, sondern in Aunt Janets Haus. Es ist eigentlich schon eher ein Anwesen - sehr schön und groß, gut gelegen und alles. Merkwürdig, Sandy scheint als älteste die schlechtesten Startbedinungen gehabt zu haben - sie hat mal erwähnt, dass sie direkt nach der high school anfangen musste, zu arbeiten, während ihre Schwester Janet und ihr Bruder Dick aufs College gehen durften.
Alles in allem sind wir also 14 Leute, denn Greg, Doug und Tracie sind auch gekommen und so machen wir uns (schon wieder!) über das riesige dinner her. Ich habe wohl den Ehrenplatz neben meinem Großvater bekommen, der immer mal wieder meine Hand nimmt und mir eine weitere lustige Geschichte aus seinem scheinbar unerschöpflichen Fundus erzählt. Ein sehr liebenswerter Mensch! Nach dem Essen spülen Sandy, Janet, Jordi und ich ab, und Jordi und Janet überhäufen Sandy und mich wieder mit Komplimenten dafür, wie toll ich doch bin ;), sie gehen sogar soweit zu sagen (nach nur einem Nachmittag) dass ich die beste ATS bin, die Mom und Dad jemals hatten (yes yes yes ich bin besser als Natalia!!! :D). Während des Abspülens fragt Janet mich auch, wie ich die Königsberger Klopse gemacht habe, da sie total gut angekommen sind. Fröhlich plaudernd tauschen wir in der Küche stehender Weise Rezepte aus, während die Männer einen Drink im Wohnzimmer einnehmen - ich komme mir vor wie in einem Idealbild der 50er Jahre.
Insgesamt habe ich wohl einen ziemlich guten Eindruck gemacht, und ich mag diese neue Familie auch schon sehr gerne. Ich bin gespannt was wir noch so alles erleben werden!
Das einzig negative ist wirklich dieser Unterschied zwischen Janets und Sandys Leben. Janets Haus wirkt so wohlhaben verglichen mit unserem kleinen Schuppen... ich frage mich, wie fair es sein kann, wenn zwischen Geschwistern schon solche Ungleichheiten bestehen, und fange an zu verstehen, warum Sandy sehr gereizt reagiert, wenn sie über Janet redet oder von ihr hört (z.B. "natürlich organisiert sie die Geburtstagsparty für unsere Eltern - sie muss ja auch sonst nichts tun!!")...
Als wir ziemlich spät wieder nach Hause fahren, ist mir sehr wohl bewusst, dass dies ein absolut wundervolles Wochenende war.
Warum fühle ich mich dann so schlecht? Warum bin ich so unglücklich? Warum habe ich das Gefühl dass ich nur schauspielere, dass ich all die Gespräche mit meinen neuen Freunden und meiner neuen Familie gar nicht selber führe sondern alles von weiter weg beobachte, mir selber zu sehe und mich inmitten von Menschen unglaublich einsam und verloren fühle?
Ich will einfach wieder in mein Bett, mich verstecken und morgen aufwachen und fühlen, dass es besser geht - und nicht, dass es wieder ein bisschen schlimmer ist als gestern.
Ich verstehe es nicht... es läuft doch alles so gut...

Montag, 8. Oktober - Thanksgiving

Jeden Tag sage ich mir, dies ist mein Jahr, dies ist mein Traum und ich muss das Beste daraus machen. Überfordere ich mich damit? Ist das der Grund, warum es mir so schlecht geht? Setze ich mich unter Druck? Es ist doch schließlich eine Tatsache, dass mir nur wenig Zeit hier drüben gegeben ist und dass jeder verschwendete Tag nie wieder zurück kommt sondern eine für immer verlorene Chance ist. Außerdem weiß ich, dass ich viel anfälliger für Heimweh bin, wenn ich nichts zu tun habe - also überfordere ich mich nicht, sondern beschütze mich selbst. Mir ist klar, dass dies das normale Leben ist und ich nicht jeden Tag ein Feuerwerk an action und Aufregung erwarten kann, aber in meinem Leben in Deutschland war doch auch eigentlich immer was los, und ein paar Freunde und ein bisschen Beschäftigung ist ja auch nicht zuviel verlangt.
Natürlich habe ich relativ hohe Erwartungen an mich selbst, aber ich weiß dass ich es schaffen kann und meiner Meinung nach ist dies auch die einzige Art und Weise, wie ich hier leben kann. Was soll ich machen? Nochmehr Zeit däumchendrehender Weise alleine im Wohnzimmer verbringen?? Ja, gut, ich bin wirklich ziemlich müde und kaputt und wache morgends immer mit dem eigenartigen Gefühl auf, dass ich noch weniger Energie als am Abend zuvor habe, aber das liegt bestimmt nicht daran, dass ich mich hier überfordere. Soviel tue ich nun wirklich nicht!
Heute habe ich wieder nur rumgehangen, außer dem Abendessen mit Mom, Dad, Greg und der Mutter meines Dads war heute auch nichts los. Wieviel mehr Ruhe braucht der Mensch?!
Ich will doch nur das Beste aus dieser Chance machen. Ich will das meine Eltern stolz sind, einfach nur mal stolz auf mich...

Dienstag, 9. Oktober

Endlich wieder Schule! Der Abend gestern war zwar ganz nett, aber meine Großmutter väterlichseits ist wirklich recht anstrengend und etwas nervig... ständig tut ihr irgendwas weh und alles ist furchtbar. Sie heult immer nur rum - okay, sie hat allen Grund dazu (ihr Mann ist vor drei Jahren an Krebs gestorben, und eine Woche später hat sich ihr Sohn, also der Bruder meines Gastvaters, erhängt), aber ich habe in Simcoe eigentlich noch niemanden kennengelernt, der ein einfaches und normales Leben hat, aber die anderen lassen sich nicht alle so hängen, jammern nur rum und fallen anderen noch zur Last! Schrecklich.
Nach einem weiteren deprimierenden Schultag beschließe ich, dass ich mehr zu tun brauche, und traue mich endlich, am Abend das Gebäude der Young Theatre Players zu betreten. Ich erfahre, dass es eine Art private Schauspielschule ist, denn die Gebühr für die Teilnehmer ist sehr hoch, dafür haben sie auch Schauspiel-, Gesangs- und Tanztraining und führen pro Semester ein anspruchvolles Stück auf hohem Niveau auf. Ich kann mir die Teilnahme nicht leisten, außerdem hat das Semester bereits begonnen, also frage ich, ob ich nicht vielleicht einfach ein bisschen volunteer Arbeit machen kann (ha, wenn man einmal das System hier drüben durchschaut hat...! Freiwilligenarbeit ist hier sehr stark verbreitet, und jetzt, wo die fair Arbeit vorbei ist, brauche ich dringend mehr... es macht süchtig! ;)). Der etwas exzentrische Leiter der Young Theatre Players überlegt kurz und nimmt mich dann mit in den Übungsraum (das Gebäude ist unheimlich cool, mit einer metallenen Wendeltreppe die in das obere Stockwerk führt, wo ein Aufenthaltsraum mit Couch, Bar, etc., der Übungsraum mit Bühne, Lichttechnik, etc., der green room (quasi der Backstagebereich mit Umkleide, Maske, Aufbewahrungsbereich für Requisiten, etc.) und so weiter ist. Außerdem noch das Büro und eine Art Lagerraum für alte Requisiten und Kostüme. Dafür, dass der Übungsraum sehr klein ist, beinhaltet er überraschend gute Technik, sowohl was Licht als auch was Bühnenbilder angeht.
Und so ende ich inmitten von Simcoe Composite School Schülern, die ich vom sehen her fast alle kenne, und werde als der neue volunteer vorgestellt. Ich darf beim Schauspieltraining und den Proben für das Stück (dieses Semester: The merchant of Venice) anwesend sein, und mache kleinere Arbeiten, wie das Sortieren der make up Kiste und das Vorbereiten von Texten, Arbeitsmappen und ähnlichem. Der Leiter des ganzen ist mir etwas unangenehm von seiner Art her, aber die kids sind echt nett und obwohl sie alle etwa ein Jahr jünger sind als ich, verstehe ich mich echt gut mit ihnen. Es ist zwar etwas merkwürdig, dass ich eine Art Dienstmädchen für sie bin, aber es macht auch Spass, und ich freu mich auf unsere erste Aufführung.

Mittwoch, 10. Oktober

Ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr. Ich belüge mich konsequent selbst, indem ich mir die ganze Zeit vormache, das alles okay ist und ich es schaffe und alles gut wird... Ich glaube nicht mehr daran.
Heute morgen bin ich aufgewacht, und habe es nichtmal bis aus dem Bett geschafft, bevor die erste Tränenwelle kam. So schlimm war es noch nie. Ich saß in meinem Bett und heulte, dann bin ich heulend unter die Dusche gegangen, und habe nur kurz aufgehört, um mir die Kontaktlinsen einzusetzen, bin dann total fertig ohne Frühstück in die Schule gegangen, habe im Unterricht meinen Gedanken nachgehangen und mehrfach den Raum verlassen müssen weil ich schon wieder heulen musste. Ich kann und will einfach nicht mehr, ich breche ständig in Tränen aus und fühle mich so elend, so unglaublich elend, das noch nicht mal mehr Heulen hilft. Ich schaffe es einfach nicht...
Nach der Schule habe ich einen Brief von zu Hause gekriegt, in dem Mama unter anderem geschrieben hatte, das sie so stolz auf mich sei... Ich konnte überhaupt nichtmehr aufhören und fing an, mich zu fragen, wieviel Wasser ein Mensch verlieren kann ohne einfach tot umzufallen. Ich will einfach nur nach Hause, zurück zu Menschen die mich lieben und die ich kenne und zurück in ein Leben in dem ich nicht jeden einzelnen verdammten Tag um alles kämpfen muss, in dem einfach einige Dinge selbstverständlich sind und nicht so unendlich hart... Ich hasse es!! Ich hasse mein Leben hier und ich will nicht mehr, ich will einfach nach Hause! Ich ertrage es nicht...
Nichtmal mehr Yoga hilft, ich hab es während der Meditationsphase nichtmal geschafft, mich halbwegs zu entspannen, sondern konnte die ganze Zeit nicht richtig atmen, weil ich so angespannt bin. Total am Ende.
Jetzt, wieder allein zu Hause und mit den Nerven völlig am Ende, versuche ich noch nichtmal mehr mich zusammenzureißen. Ich heule seit über einer Stunde, laut und lang und aus tiefstem Herzen. Es ist mir alles egal... wenn ich schon das Gefühl habe, dass alles in mir zerreißt, kann ich es auch raus lassen.
Die Hunde halten Abstand von mir.

Donnerstag, 11. Oktober

Als Mom gestern schließlich so gegen 10 nach Hause kam, hatte ich mich wieder im Griff. Ich will sie nicht belasten, und so behielt ich meine Gefühle für mich und ging früh ins Bett. Ich kann es nicht ertragen, wenn sie mich mit ihren ohnehin so traurigen Augen auch noch so ansieht, als würde etwas mit mir nicht stimmen...
Ich habe einen Trick entdeckt - wenn ich nicht versuche, mich zusammenreißen, sondern mein Elend einfach rauslasse, geht es für eine Weile besser. Dazu habe ich inzwischen schon ein regelrechtes Programm entwickelt: Wenn ich aufwache, nehme ich das Foto von meinen Eltern und gucke etwa zwei Minuten stumm darauf. Dann fangen die Tränen ganz von alleine zu fließen, und der ganze Schmerz und die ganze Sehnsucht nach Hause überschwemmt mich. Aber da ich alleine in meinem Zimmer bin, ist es okay, ich kann es rauslassen, und nach etwa 20 Minuten habe ich mich soweit im Griff dass ich aufstehen kann und mit einem leeren Gefühl in mir den neuen Tag in Angriff nehmen kann. Alternativ funktioniert dieses Programm übrigends auch sehr gut mit dem Gruppenfoto aus England, wo ich mit meinen besten Freunden drauf bin. Wir sehen so glücklich aus... und sie sind es sicherlich immer noch, zu Hause, dort, wo wir alle hingehören. Zusammen.
Heute habe ich allerdings einen entscheidenen Fehler gemacht: Statt dieses leere Gefühl vorsichtig zu bewahren und den ganzen Tag quasi in diesem emotionalem Leerlauf zu verbringen, bin ich während meiner ersten Stunde, dramatic arts, in die Bibliothek gegangen, wo wir eigentlich unsere Ideen für eine Szene in dem Stück, das wir schreiben, abtippen sollten, online gegangen und habe emails von zu Hause gelesen... Oh Gott ich will zurück!
Auf dem Weg in meinen Geschichtskursraum fragte MJ nach nur einem Blick auf meinen Gesichtsausdruck, wie es mir ginge... und schon wieder Tränen. Daraufhin schleppte sie mich in der Pause mit zu ihr und Anna an den Tisch, wir saßen draußen weil das Wetter nochmal ganz schön war. Die ganze Pause lang erzählten wir drei uns also gegenseitig, dass wir auf gar keinen Fall aufgeben würden und heulten uns gleichzeitig vor, wie schrecklich alles ist - MJ ist sogar so weit runter, dass sie vor lauter Einsamkeit angefangen hat, ihren Kater zu umarmen, obwohl sie eine Katzenallergie hat. So schön es auch ist zu wissen, dass es anderen genauso schlecht geht wie mir, so einsam fühle ich mich trotzdem noch in meiner kleinen Welt, weil aus meiner Sicht sich Anna und MJ einfach viel näher stehen. Und ich ganz allein.
MJ gab sich trotz allem die größte Mühe und impfte mir ein bisschen spirit ein: "Wir wissen es kann nur besser werden! Wir werden es schaffen! Wir wollten dies! Wir wussten das es hart werden würde! Jeder Tag bringt uns ein Stückchen näher an unsere Rückkehr nach Hause! Wir werden es schaffen!" Beim Verabschieden, als der Gong uns sagte, dass der Unterricht wieder anfing, fiel mir auf, dass Anna und MJ sogar ihre locker nebeneinander haben. Traurig ging ich zurück zu meinem, der inmitten von lauter 10.-Klässlern denkbar ungünstig ist.
Nach dem Abendessen bin ich wieder zu Dads Schule gelaufen und habe dort meine emails weiter bearbeitet, nachdem ich es morgens abbrechen musste... Ich habe beschlossen, diese beiden Leben deutlicher zu trennen. Dies ist Kanada, und ich kann hier nur überleben, wenn ich Deutschland vergesse und aufhöre, mich dorthin zu wünschen. Also tagsüber kein D-land-Kontakt mehr, keine emails während der Schulzeit, keine Fotosessions vor oder nach der Schule und keine Briefe schreiben während des Unterrichts. Ich muss mich auf hier und jetzt konzentrieren, sonst gehe ich kaputt.

Freitag, 12. Oktober

Ich schleppe mich durch den Schultag und spiele das alte Spiel... alles ist gut und keiner darf merken, dass es in mir ganz anders aussieht. Wer will schon mit einer heulenden Heimwehkranken befreundet sein? Ich muss so normal wie möglich wirken...
Nach der Schule fahre ich mit Gabby zu ihr nach Hause, wo wir zunächst das Jubiläum ihrer Großeltern mit einem großen dinner feiern. Irgendwie bin ich zufällig immer anwesend wenn es etwas zu feiern gibt im Hause France... Vielleicht liegt es daran, dass Gabby mal einen Blick in unseren Kühlschrank geworfen hat, als sie etwas zu trinken suchte, und ich auf ihre Frage hin, ob es darin immer so leer sei, geantwortet habe, dass es sogar noch verhältnismäßig voll sei... Jetzt werde ich immer gestopft und gefüttert ;)
Nach dem Essen machten Gabby und ich uns an die Arbeit für unser Geschichtsprojekt - wir wollten ein authentisches Kriegsgefangenlager basteln, was irgendwie makaber war, da wir total viel Spass daran hatten, als würden wir eine mittelalterliche Burg und nicht einen Ort der menschlichen Grausamkeit basteln. Während wir uns also beim Zusammenkleben von Wassereisstielen mit der Heisskleberpistole die Finger verbrannten, guckten wir noch A Knight's Tale und redeten und lachten... Ein weiterer schöner Abend. Ich bin so froh dass ich Gabby habe und wir über allen Blödsinn reden können, aber ich wünschte auch, ich könnte ihr erklären, wie es mir wirklich geht. Ich komme mir schlecht vor, weil ich ihr und auch meinen Gasteltern und allen anderen verheimliche, wie ich mich fühle - aber wenn ich es auch nur andeute, nehmen es alle persönlich, als sei es ihre Schuld, dass ich mich nicht so 100%ig zu Hause fühle. Ich will nicht, dass andere sich schuldig für meine dämlichen Gefühle fühlen.

Samstag, 13. Oktober

Die Nacht verbrachten wir in Schlafsäcken vorm Fernseher, und am nächsten Morgen fuhren wir mit Debby nach Port Dover. Die beiden hatten Spitz gekriegt, dass ich zwar schon in Dover gewesen war, aber noch nie Lake Erie gesehen hatte. Und so holten wir uns hot dogs am angeblich besten Stand in der ganzen Umgebung und fuhren an den See, der tatsächlich wie ein Meer wirkt, da man bei weitem kein Ufer sehen kann, sondern nur Wasser, Wasser, Wasser, bis zum Horizont. Wirklich sehr schön!! Ich freue mich darauf, wenn es warm genug zum Schwimmen wird, dann ist es bestimmt super schön dort.
Auf der Rückfahrt grummelte Debby irgendwas darüber, dass es unverständlich sei, warum meine Gasteltern mir noch nichtmal den See gezeigt hätten... Sie fragte nach ein paar anderen Orten ("Toronto? Hamilton? Kitchener?? Long Point???"), die ich alle verneinen musste - schließlich war ich abgesehen von Gregs Haus in Windsor, als wir ihm beim Umziehen geholfen haben, und dem Camp in der Nähe von London, in dem das YFU Camp war, und dem Haus von Tante Janet in Port Dover noch nicht außerhalb von Simcoe. Ich konnte ihrem Gesicht ansehen, dass Debby das nicht sonderlich gut fand (da stimme ich ihr ja auch voll und ganz zu!), und dass sie mich am liebsten direkt auch noch behalten hätte... aber sie hat schließlich schon Gabby aufgenommen, und sie braucht es eher als ein ATS, der eh in 10 Monaten nach Hause fliegt.

Sonntag, 14. Oktober

Eigentlich sollte ich heute mit Mr Zeldon, meinem horticulture Lehrer, der zwar etwas merkwürdig aber sehr lieb ist, zu einem Rugby Spiel von einer Frauen-Universitätsmannschaft fahren. Er will wohl SchülerInnen für das Spiel begeistern damit er ein eigenes Team an SCS starten kann, und er hat mich gefragt ob ich nicht Lust habe, mitzukommen. Aufgrund des Wetters (Schnee... zumindest weiter nördlich, wo das Spiel sein sollte; wir warten immer noch darauf) fiel das Spiel leider aus, deshalb habe ich stattdessen meine Hausaufgaben gemacht und mir die Augen ausgeheult, nachdem Freunde meiner leiblichen Familie, die in Philadelphia leben, mich angerufen hatten um zu hören, wie es mir geht. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, jemandem relativ unbeteiligtem die Wahrheit über meine Situation sagen zu können, und das tat gut, aber nach 20 Minuten war es schon wieder vorüber und ich war immer noch in diesem Haus, in diesem Dorf, in diesem Leben das ich nicht will.
Mom versuchte mir zu helfen, aber statt es besser zu machen, deprimierte es sie auch nur noch, und so saßen wir beide weinend in der Küche. Langsam habe ich das Gefühl, dass ich versuche die letzten 16 Jahre meines Lebens, in denen ich so gut wie nie geweint habe (ich fand das immer sehr lächerlich) wieder aufzuholen.

Montag, 15. Oktober

Ich weiß selbst nicht, wie ich es schaffe, auf der einen Seite soviel Energie und Zeit in mein Heimweh zu investieren und gleichzeitig noch mit dem Berg von Hausaufgaben und Projekten fertig zu werden, die wir in Geschichte und Theater aufkriegen. Aber irgendwie klappt es...
Heute war ich wieder schwach und habe emails während der Schulzeit gelesen. Ich hätte mir nie den Computercode, den die Schüler hier benötigen um die Schulcomputer zu benutzen, holen dürfen... ich missbrauche jede Gelegenheit, wie heute, als wir eigentlich für etwas für history recherchieren sollten. Nach der Schule, als ich schon wieder heulend in meinem Zimmer saß (inzwischen kann ich meine normalen Tätigkeiten relativ ungehindert weitermachen, während ich weine - alles eine Frage der Gewöhnung), beschloss ich, in meinem YFU world traveller Heft den Kulturschock nachzuschlagen, und siehe da: Angst vor Krankheit, Versagen, Geldverlust, etc. sind deutliche Anzeichen eines Kulturschocks, ebenso wie unkontrollierbares Weinen. Tatahh!! Ich habe einen Kulturschock. Ist das etwas wofür ich mich schämen muss? Bedeutet das, dass ich ungeeignet für einen Austausch bin? Bin ich zu engstirning um mich anzupassen und leide deshalb darunter??
Beim Abendessen ließ ich das Heft rumliegen, und brachte schließlich, als meine Mom es erfolgreich ignorierte, die Sprache darauf: Ich habe einen Kulturschock! Die Reaktion meiner Gastmutter kam etwas unerwartet: "Ja, ich habe auch das Gefühl, dass es dir etwas zu schlecht geht, als dass es noch normal wäre. Hast du schon mal daran gedacht, etwas zu nehmen, das verhindert, dass du noch weiter runter kommst?" WAS?! Beruhigungstabletten?? Ich glaube ich spinne!
Dann fiel mir allerdings ein, dass meine Mutter das gleiche in ihrem letzten Brief geschrieben hatte... das Baldrian immer eine natürliche Möglichkeit sei, meine Gefühlswelt zu stabilisieren... Ich kann es nicht glauben! Ich fühle mich, als müsste ich sterben, wenn ich nicht sofort nach Hause fahren darf (was ich nicht darf, weil ich mir selber verboten habe, zu versagen, woraufhin ich gegen mich selbst kämpfen muss, was das ganze noch schlimmer macht), und alles was meine Mutter und meine Gastmutter dagegen tun wollen, ist, mich auf Medikamente zu setzen. Super. Die beiden können ja mal nen Club gründen.
Ich kann keine Medikamente nehmen, und zwar nicht nur weil ich keine Lust habe, meine Gefühle durch Chemie zu beteuben, sondern vielmehr, weil ich dafür erstmal zugeben und akzeptieren müsste, dass ich ein ernstzunehmendes Problem habe. Das will ich nicht! Ich habe kein Problem, ich bin kein Versager, ich schaffe das und ich werde nicht aufgeben! Egal wieviel ich weinen muss weil ich anders nicht mit diesem schrecklichen Gefühl in mir umgehen muss, daran werde ich nicht sterben, und ich werde nicht zugeben dass ich weniger vertrage als Anna, die mexikanische Heulsuse oder sonstwer! Ich bin nicht schwächer oder schlechter als irgendein anderer ATS!!

Dienstag, 16. Oktober

Gestern Abend war eigentlich noch ganz okay, denn nach der üblichen Cadets-Stunde holten Brad und Gabby Amanda und mich ab, und wir verbrachten noch etwa eine Stunde in Wendy's. Eine neue Tradition ist geboren!!
Allerdings sah die Welt heute wieder ganz anders aus...
Nach vielem Nachdenken während endlosen Unterrichtsstunden war es schließlich soweit: Ich gestand mir selbst ein, dass ich es nicht schaffe. Ich kann diese Situation nicht alleine meistern und ich weiß nicht mehr weiter, und ich werde daran kaputt gehen, wenn ich nicht bald etwas ändere.
Also ging ich nach Hause und lief einige Male unentschlossen vor dem Telefon auf und ab, bis ich schließlich den Hörer in die Hand nahm und 1-800-TEENAGE, die kostenlose Notrufnummer vom YFU Kanada Büro, wählte.
..."YFU office Camebridge, Barb Bond speaking, how may I help you?"
-"Hi Barb, this is Carrie from Simcoe calling..."
-"Oh hey Carrie, how are you doing?? Nice to speak to you again, I haven't heard from you since the orientation camp. How are you girls doing down there all on your own?"
-"Well we are fine... eerr..."
-"Carrie, are you okay? You don't sound good at all - are you sure everything is fine?"
-"No, nothing is fine... I.... I can't do this anymore..."
-"Ssshh, calm down girl, everything will be okay, don't cry!! We'll find a way out of this - tell me what's wrong first"
-"I... I just don't know how to go on, I don't know what to do! I feel so empty and so tired and I can't stop crying and I just want to go home and I hate everything but I love it at the same time and I know that I can't go home and that I can't give up but it doesn't feel like I can survive this any longer and..."
-"It's okay, it's okay, calm down Carrie!! Why don't you just sit down with your area rep and talk about this? It is totally normal for you to feel like this, don't you worry, so just talk to your area rep and you'll figure a way out to deal with this situation. Everything will be fine!"
-"But.... I don't know who my area rep is!"
-"Well, I'll just look it up, hang on a moment... ah, yes, there you are, Carrie, MJ and Anna in Simcoe... your area rep is... oh...."
-" Oh what?"
-"I'm sorry sweetie, it seems like you don't have an area rep"
-"I... I.... I don't have an area rep?!"
-"Hush now, don't you worry, we'll figure something out... Let me see... are you free on thursday night? I'll come down to Simcoe and we'll have a coffee or something and talk, alright? What about 6ish?" -"Err, yes, that is fine with me..."
-"Alright then, you'll tell MJ and Anna to be at your house at 6 and I'll pick you up. How does that sound?"
-"That sounds great..."
-"Do you think you'll manage till then?"
-"Yes, yeah... I think so"
-"Great! You'll keep up till then and I'll come down and we'll see what we can do. Don't worry anymore, everything will be fine. Alright? See you on thursday then!"
-"Okay... thanks Barb. See you on Thursday."

Ich kann es kaum glauben! Ich habe um Hilfe gefragt, ich habe zugegeben dass ich es nicht schaffe und es ist okay! So unwahrscheinlich das zu sein scheint, aber mit einem Schlag geht es mir besser. Barb wird extra für mich nach Simcoe kommen, sie wird mir helfen und alles wird gut!
Diese frohe Botschaft teilte ich sofort Anna, MJ und Gabby mit, als die drei bei mir auftauchten um gemeinsam für unseren nächsten Geschichtstest zu lernen... wie die letzten Male war es allerdings nicht mal ansatzweise Lernen, sondern vielmehr eine zwei Stunden lange Therapiesitzung für alle vier... Wir haben uns ausgeheult, uns unsere Probleme und Träume erzählt, und waren einfach vier Freundinnen, die füreinander da sind... Inzwischen versuche ich nicht mehr, mich so krampfhaft von den beiden anderen ATS fernzuhalten. Ich hatte mir so fest vorgenommen, nicht mit ihnen rumzuhängen, aber wir sind nun mal in einer Situation und uns auch irgendwie ähnlich und gleichzeitig so anderes... Inzwischen ist es mir aber wirklich egal, wenn ich mich nun mal gut mit ihnen verstehe, warum soll ich nicht mit ihnen befreundet sein?!

Mittwoch, 17. Oktober

Kann es sein, dass es einem besser geht, sobald man um Hilfe fragt und akzeptiert, dass man Hilfe braucht? Der Teufelskreis aus negativen Gedanken (ich schaffe das nicht - aber ich darf nicht aufgeben - ich kann nicht einfach abbrechen und nach Hause fliegen - ich muss hier blieben - aber ich kann nicht hierbleiben - ich schaffe das nicht - ...) ist plötzlich verstummt, als hätte ich das alles, die ganze Situation, das ganze Problem in eine Box gepackt und gesagt: Du darfst erst morgen abend wieder rauskommen wenn Barb da ist, bis dahin kann ich dir auch nicht helfen.
Allerdings musste natürlich sofort etwas anderes schieflaufen: Da ich morgen nicht meine emails checken kann, da ich mit Barb verabredet bin, hinterließ ich heute morgen eine Nachricht eine für meinen Dad, dass ich um 7:30 zu seiner Schule kommen würde - nur leider schrieb ich wohl 6:30, da ich in Eile war, und er wischte die Nachricht aus, bevor er zur Arbeit ging, so dass ich meinen Fehler nicht bemerkte. Als ich Nachmittags von der Schule wiederkam, war Mom schon zu Hause, was für einen Mittwoch ungewöhnlich war, da das normalerweise ihr längster Tag ist. Allerdings hatte sie eine Migräne und lag wieder im abgedunkelten Schlafzimmer, in das ich ihr um 6 leise zurief, dass ich zur Yogastunden gehen würde... Ich verließ das Haus, und als ich um kurz nach 7 wieder kam, war sie völlig aus dem Häuschen: Dad hatte kurz nach halb 7 zu Hause angerufen, da ich nicht an der Schule auftauchte, und sie konnte ihm nur sagen, dass ich kurz vor 6 das Haus verlassen hatte, also machten sich die beiden die größten Sorgen dass ich irgendwie unter die Räder gekommen sein könnte, da ich für die kurze Strecke zwischen Schule und Haus unmöglich länger als 45 Minuten brauchen konnte. Dad terrorisierte die arme, migränegeplagte Mom so lange mit seinen Anrufen, bis sie schließlich nachgab und anfing, bei der Lehrerin anzurufen, die mir damals den Yoga-Kurs empfohlen hatte, und sie fragte, ob ich wohl dorthin gegangen sein könnte, und bei Gabby anrief, um sie zu fragen, ob ich irgendwas über meine Pläne gesagt hatte, ... sie war wohl kurz davor, die Polizei anzurufen als ich völlig entspannt vom Yoga wiederkam. Ooops....
Bis ich dann schließlich an der Schule war, war Dad mit den Nerven völlig fertig, auch wenn er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Ich emailte an meine Mutter, dass ich YFU um Hilfe gebeten hatte und sagte ihr, dass ich sie am Wochenende anrufen würde. Bis jetzt habe ich kein Mal mit ihr gesprochen, weil ich solche Angst vor Heimwehattacken habe, wenn ich ihre Stimme höre. Sie fehlt mir so.

Donnerstag, 18. Oktober

Nach einem weiteren unspektakulären Schultag kamen Anna und MJ mit zu mir nach Hause, wo wir auf Barb warteten, die typisch YFU bzw. Kanada-mäßig viel zu spät kam...
Als wir zu ihr ins Auto stiegen, erwartete uns noch eine Überraschung: Jessica, die andere deutsche Praktikantin, war mitgekommen um mit uns zu reden und zu hören, wie es uns geht!
Wir fuhren zu Tim Hortons und fingen an, über unser bisheriges Leben in Kanada zu reden. Während Anna über ihren ekligen Gastvater, der den ganzen Tag halbnackt im Wohnzimmer sitzt, und MJ über ihre super perfekte Familie redeten, nahm Jessica mich etwas zur Seite und fragte mich auf Deutsch was los sei... Obwohl mir das Deutsche wesentlich schwerer fiel als das Englische, war ich dankbar für die Gelegenheit, einfach mal alles loszuwerden und erzählte ihr von meinen Versuchen, mein Leben in den Griff zu kriegen und mich abzulenken usw. Sie war völlig geschockt! Sie erzählte mir von ihrem Austauschjahr, und davon, wie tot sie sich jeden Abend gefühlt hat, einfach weil es so unglaublich anstrengend ist, sich jeden Tag in einer fremden Umgebung mit einer fremden Sprache zurecht zu finden. Sie meinte, ich würde einfach zu viel versuchen und sollte einfach mal einen Gang runterschalten.
Barb bat uns dann, nochmal auf Englisch zu wiederholen, was loswar, und als ich eine Kurzfassung erzählte, meinte sie auch, dass ich mir selbst mehr Zeit lassen sollte und mich beruhigen sollte. Dann holte sie einige Fragebögen hervor, die wir wohl eigentlich jeden Monat mit unserem Area Rep ausfüllen sollte, und Anna, MJ und ich begannen, die Fragen zu beantworten. Anfangs waren wir noch recht ernst und versuchten, ehrliche Antworten auf die Fragen "wie lernst du neue Leute kennen" und "glaubst du, dass deine Gastfamilie Spass daran hat, dich bei sich zu haben?" doch mit der Zeit wurden wir immer alberner und fingen an, mit der guten alten Ironie an die ganze Sache ranzugehen... Es wurde noch ein sehr lustiger Abend.
Kurz vor 10, als Jessica und Barb langsam wieder fahren mussten, sagte Barb abschließend, dass sie sich absolut sicher sei, dass ich bald wieder okay sein würde, aber dass sie es auch völlig verstehen könnte, wenn ich lieber die Gastfamilie wechseln würde um mehr Familienleben zu haben und der Einsamkeit aus dem Weg zu gehen. Ohne zu zögern lehnte ich das Angebot ab - ich glaube zwar auch, dass es mir besser ging, wenn ich nicht jeden verdammten Tag bis 8, 9 oder 10 Uhr alleine zu Hause sein würde, aber ich kann es auf gar keinen Fall übers Herz bringen, der Familie, die mir ihr Haus und ihr Leben geöffnet hat, zu sagen, dass sie mir nicht gut genug sind und ich lieber woanders wohnen will. Trotzdem dachte ich sehnsüchtig an Tante Janets großes Haus oder die schönen Villen, die auf dem Weg zu Dads Schule liegen und bei denen ich mir immer vorstelle, was für tolle Familien darin wohnen könnten...
Schließlich brachte Barb uns alle nach Hause und sagte zur Verabschiedung: "Mädels, ich habe den Eindruck, dass ihr Simcoe schon ziemlich gut im Griff habt - ihr schafft das schon"
Sie hat recht! Wir haben dieses Dorf im Griff, wir werden es schaffen und wir sind nicht allein... alles wird gut.