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Ich hatte seit einer Woche nicht mehr geschlafen. No kidding. Jede Nacht war irgendwas - Abschiedsparty hier, Abschiedsparty da, das letzte mal die ganze family sehen gehen, das letzte Mal hierhin, das letzte mal dorthin, ich will aber noch EINMAL nach Mitternacht zu Tim Hortons, ich war noch nie in ner kanadischen Notaufnahme bei Nacht, bla bla bla bla... Und in der Nacht vor meinem Abflug UND in der Nacht davor musste ich jeweils einer anderen ATS Tschüss sagen, und ehrenhalber natürlich bis 4:30 am dableiben, bis sie dann endlich wegfuhren, und trotzdem am nächsten (gleichen?) morgen um 9 Uhr aufstehen um mit meinem Dad was zu unternehmen *im stehen einschlaf*
Aber man will ja die letzte Zeit noch nutzen!!! However, der Tag der Tage kommt, egal wie müde ihr seid und egal wie viel ihr eigentlich noch zu tun habt... also ab in's Auto, drei Stunden später: Rein in den Flughafen, family das letzte Mal umarmen, einchecken, rausfinden dass YFU vergessen hat euch zu sagen wo ihr euch mit den anderen ATS treffen sollt, alleine durch den Zoll gehen, rausfinden dass ihr euch draussen treffen solltet, Zollbeamte bequatschen euch wieder rauszulassen, rausgehen, YFU students finden, YFU staff nochmal umarmen, family wirklich das LETZTE mal umarmen, mit allen ATS durch den Zoll, rein in's Flugzeug, warten, fühlen wie sich das Flugzeug in Bewegung setzt, das erste Mal seit der Eingewöhnungs-Heimweh-Phase anfangen zu heulen, ganz schrecklich in Tränen aufgelöst sein als die Räder vom Boden abheben, letzter Blick auf's wunderschöne Toronto bei Nacht, Taschentücher an die anderen ATS weiterreichen, langsam beruhigen, auf einen langen Flug einstellen, feststellen wie komisch sich deutsche Wörter wie "Rückenlehne" und "Klapptisch" anhören, der deutschen Stewardess auf akzentfreiem Englisch mitteilen, dass man bitte sofort ein bisschen Sekt will, Abendessen mit Wein, danach Baileys, ... irgendwann der verzweifelte Versuch zu schlafen, aber viel zu viele Briefe von Freunden und Familie zu lesen... irgendwann endlich endlich landen, langsam aussteigen, noch langsamer durch den Zoll, von den Beamten aufgefordert werden, doch langsam wieder Deutsch zu sprechen ("No, sorry, but I don't think so!!"), es lange rauszögern sich von den anderen ATS zu verabschieden, weil keiner so recht die ungewisse Reise in's normale Leben wagen will, schliesslich doch verabschieden, Gepäck holen, von einem netten deutschen Kerl mit holprigem Englisch Hilfe angeboten bekommen (hab wohl zu auffällig auf Englisch geflucht), alles auf den Wagen packen, vor der Milchglas-Schiebetür stehen und dieses klamme Gefühl im Herzen haben "Das war's", sich nicht trauen durchzugehen, keine Wahl haben, ganz alleine sein, tief Luft holen, Angst vor dem auf der anderen Seite haben, Muskeln anspannen, Kopf hoch, Wagen anschieben, die Tür geht auf................
...den Wagen um die Ecke schieben, die Halle automatisch nach vertrauten Gesichtern absuchen, das erste Mal seit einem Jahr
(ein Jahr!! Bei dem Gedanken so viele Erinnerungen: Erster Tag mit der hostfamily, erster Schultag, erstes Mal wo man sich wie zu Hause fühlt, Herbst, erste Mal bei ner Freundin übernachten, erster Schnee, Weihnachten, Geburtstag, mit vielen Freunden immer mit irgendwas beschäftigt sein, erste Zeugnisse, in's team aufgenommen werden, Freund kennenlernen, verreisen, zweites Semester, gute Noten kriegen, stolze Gasteltern haben, endlich Sommer, Ausflüge, mehr Freunde, schwimmen gehen, senior Veranstaltungen, anfangen sich zu verabschieden... Ein ganzes GANZES Jahr und all das ist vorbei vorbei vorbei)
wieder die eigenen Eltern sehn, Bruder umarmen, beste Freundin umarmen
(fremde Leute, fremde Leute - sie sehen aus wie Leute die man mal kannte aber sie wirken fremd, sind das wirklich die Leute die ich so vermisst hab)
Begrüssungsgeschenke kriegen, langsam in Bewegung versetzen, Richtung Auto gehen, erste Fragen gestellt bekommen
(oh Gott wie heisst das und das nochmal auf Deutsch, wieso weiss ich die Antwort nur auf Englisch, warum kommt aus meinem Mund nur Englisch, warum krieg ich dafür solche verständnislosen Blicke) nicht wissen wo man anfangen soll zu erzählen, ausflippen über Auto mit Standartschaltung (noch mehr dieser Blicke was ist denn los ich hab doch gar nichts gemacht, warum komm ich mir plötzlich selber laut und übertrieben und schrill vor im Gegensatz zu meiner alten besten Freundin, wo ich mich bis eben nur für lebensfroh und fröhlich hielt??)
und alte Lieblingskekse
(darf ich jetzt erzählen wie lecker die Kekse meiner mom sind oder macht das alle nur noch gereizter?),
losfahren Richtung Heimat, bemerken wie schlecht und grau das Wetter ist
(oh nein ich denke laut -jetzt gucken alle so als wäre es unangebracht von mir so gebräunt und glücklich zu sein, vielleicht sollte ich meine Sonnenbrille vom Kopf nehmen, und warum kriege ich keine richtigen Antworten auf meine Fragen sondern immer noch mehr Fragen die mich dazubringen, Englisch zu denken und schlechtes Deutsch zu sprechen??),
nach 2 Stunden Autofahrt endlich ankommen, noch mehr Freunde zu Hause antreffen, sich unheimlich freuen, verständnisvolle Blicke von Mädel kriegen, die auch ATS war und seit einer Woche zu Hause ist, Koffer in's Zimmer schleppen, nicht wissen was man mit den rumstehenden Freunden anfangen soll
(ich bin hier doch selber nicht zu Hause, wie können die von mir erwarten den Gastgeber zu spielen, ich fühl mich selber wie ein Fremder...)
hilflos den Freunden die kanadischen Fotos in die Hand drücken,
(ich weiss dass das nicht so interessant ist aber guckt doch bitte bitte trotzdem... ach sie scheinen sogar recht interessiert, vielleicht läuft doch alles wieder von allein)
die beiden Koffer auf links drehen und alles auf den Boden auskippen, feststellen dass man bei den shoppingtrips in Kanada in den letzten Tagen wohl doch nicht genügend Mitbringsel für die daheimgebliebenen Freundinnen gekauft hat
(es tut mir ja leid aber ich konnte kaum alles von meinem kanadischen Leben organisiert kriegen in den letzten Tagen, wie sollte ich mich da noch um mein deutsches kümmern...)
die Geschenke auf später verschieben, ein paar knittrige Anziesachen aus dem Haufen ziehen
(kein sehr guter "erster" Eindruck... ausgerechnet mein liebstes Kanada-t-shirt fällt mir in die Hände, ob das so gut ist, irgendwie scheint von mir erwartet zu werden, etwas weniger kanadisch zu sein)
in der Dusche feststellen dass es sich noch wie vor einem Jahr anfühlt, man noch automatisch weiss welches das beste Handtuch ist, frisch fühlender-weise runtergehen, wo die Eltern inzwischen ein grosses Essen vorbereitet haben, sich kopfüber in die Unterhaltung mit den Freunden stürzen
(merkwürdig... gegenüber sitzt mir der Typ, der für drei Jahre die grosse Liebe meines Lebens war und mir noch am Tag vor meinem Abflug nach Kanada das Herz gebrochen hat, und jetzt fühle ich gar nichts - ich sehe ihn an und sie die Vergangenheit einer Person, die ich nicht mehr bin)
langsam wieder wohl und glücklich fühlen
(es sind eben doch noch meine Freunde, auch wenn ich sie ansehe und mir bewusst wird, dass sie niemals in ihrem Leben in Simcoe waren oder sein werden, dass sie niemals verstehen werden wie es sich anfühlt ein Simcoe Sabre zu sein, dass sie nichts von dem letzten Jahr meines Lebens, dem Jahr das mir so unglaublich wichtig ist, nachvollziehen können,...)
feststellen dass auch ein Jahr Trennung eine Gruppe wie diese nicht auseinanderbringen kann, irgendwann abends alle rausschmeissen, die Gastfamilie anrufen und sagen dass man gut angekommen ist, der Familie noch bis Mitternacht Fotos zeigen und Geschichten erzählen, dann endlich ENDLICH total erschöpft in's eigene Bett fallen, in Mitten des fast leeren Zimmers mit dem grossen Klamotten-Schulsachen-Geschenke-Erinnerungsstücke-Haufen in der Mitte, und dann endlich schlafen schlafen schlafen schlafen....
(Bin ich wirklich wieder zu Hause?)