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Der EB stammt von Anfang November 2004.

Ich lebe nun schon seit zwei Monaten hier in Ecuador, in einem Dorf auf 2628m Höhe in den Anden...
Am 2. September ging, nach einem Jahr Vorfreude und -bereitung, nach Träumen, Erlebnissen, Freundschaften und Ängsten, endlich der Flieger Frankfurt - Caracas - Quito.
Doch wirklich realisieren konnte ich es noch nicht, dass ich jetzt fast ein Jahr lang, getrennt von Freunden und Familie, in einem kleinen Land, in einer anderen Kultur, fast am anderen Ende Welt, leben soll. Es war kaum Aufregung da, kaum Trauer, fast keine Tränen, es war einfach unwirklich. Doch es ging los und sollte bald alles Wirklichkeit werden.

Der Flug war die erste Probe für uns 26 Austauschschüler aus Deutschland. Im Flug Frankfurt - Caracas wurden die ersten neuen Bekannschaften geschlossen, nach neun Stunden konnten wir das Flugzeug verlassen um zum ersten Mal südamerikanischen Boden, einen fremden Kontinent, zu betreten.
Die warme Luft strömte mir, mit Winterjacke und Schal bepackt, entgegen. Von AFS war natürlich außer venezuelanischen Austauschschülern auf dem Weg nach Deutschland niemand zu sehen und so mussten wir alleine umchecken. Die sechs Stunden Warten werden mit telefonieren, reden, gucken, warten und warten verbracht, langsam werden auch die letzten müde, die meisten von uns sind schon fast 20 Stunden auf den Beinen und die Tage vorher waren auch stressig.
Im Flugzeug Caracas - Quito will ich nur noch schlafen, doch in Bogota werde ich aus meinen Träumen gerissen. Im letzten Moment erfahren wir, dass wir umsteigen müssen. Wer weiß, wo wir gelandet wären, hätte Bobo nicht gefragt. Mit nicht grade guter Laune lasse ich wortlos die gesamten, strengen, kolumbianischen Sicherheitskontrollen über mich ergehen, um auf das Flugzeug zu warten, das mich endlich in MEIN Land bringen soll.
Mit großer Verspätung betreten wir also, total übermüdet, ecuadorianischen Boden und, wer hätte es noch geglaubt, alle Koffer, bis auf einen, sind schon da.
Dass also doch alles gut ist, denken wir auch nur bis zu dem Punkt, an dem wir genervt, müde und fast ohne Nerven feststellen müssen, dass leider kein AFS-Mitarbeiter da ist, der uns abholen könnte. Also stehen 26 übermüdete Austauschschüler nachts um 1 Uhr alleine am Flughafen in Quito, der bald schließt, und während die einen alle Nummern, die wir haben durchtelefonieren, kämpfen die nächsten mit der Höhenluft und andere wiederum geben alles, um ihre letzten Nerven zu behalten. Als wir dann irgendwann tatsächlich abgeholt werden und die letzten Sachen geregelt haben, sind die meisten total durchgefroren, in Quito ist es in der Nacht richtig kalt (was bin ich froh über Winterjacke und Schal), und haben kaum noch Kraft die Augen im Bus aufzuhalten, um den ersten Eindruck von Ecuador zu erhalten.
Um 4 Uhr (über 30 Stunden bin ich jetzt auf) finde ich mich endlich, endlich in meinem Bett im Camp wieder, um nicht den schönsten, nicht den schlimmsten, aber sicherlich einen meiner längsten und anstrengensten Tage zu Ende zu bringen.
Am nächsten Tag treffen nach und nach die restlichen Länder ein und wir merken, was die Sonne auf dieser Höhe bewirken kann. Brauchte man in der Nacht noch eine Winterjacke, so war es mittags richtig warm in der Sonne und am Abend hatten fast alle einen knallroten Kopf.
Ich fühle mich immer nocht nicht, wie in Ecuador, wie in meinem Austauschjahr, sondern wie in einem internationalen Jugendcamp mit deutscher Vorherrschaft. Noch einen Tag richtige Orientation, bevor der letzte, gemeinsame Abend ansteht, am nächsten Morgen geht es in die Familien, werden wir 103 ATS in ganz Ecuador (minus Oriente und Galapagos) in verschiedene Komitees verstreut.

Es soll einer meiner intensivsten Tage werden.
Die ersten ATS werden verabschiedet, es entsteht ein Gewusel aus Hetze, Warten, aus den letzten Worten, aus Ungeduld und Angst und bald kommt auch "mein" Bus. Jetzt wird es ernst. Die letzten Umarmungen und los geht es. Ich kann gar nicht aufhören zu gucken und sehe doch nur Bruchteile von dem, was meine neue Heimat werden soll. Je näher wir uns Latacunga nähern, desto aufgeregter werde ich. Wieso hat die Minute nur 60 Sek., wieso kann ich die Zeit nicht stoppen oder den Weg strecken, wie gerne würde ich noch Jahre so weiterfahren, neben den mir bekannten Menschen.
Gleichzeitig wächst die Neugier, wie wird es sein, was wird sein?! Dann geht alles ganz schnell, wir erreichen Latacunga, bekommen den ersten Eindruck von der Stadt und es heißt aussteigen. Es bleibt kaum Zeit zum Verabschieden, da finde ich mich auch schon in irgendwelchen fremden Armen wieder. Doch der nächste Schock lässt nicht lange auf sich warten, meine Familie ist noch nicht da, aber mich soll hier nichts mehr beeindrucken.
So stehe ich zwischen irgendwelchen fremden AFS-Mitarbeitern, später noch neben einer Dänin, bei der alles noch viel komplizierter ist, mit meinem Koffer in der Hand, in dieser fremden Stadt, in einem fremden Land mit fremder Sprache, winke dem Bus, der mit den restlichen Austauschschülern weiterfährt, hinterher und sehe meine Komitee-Compañeros mit ihren Familien wegfahren.
Wir gehen in das Haus von der AFS-Frau, ich verstehe nichts, lasse alles mit mir machen und träume von einer super lieben Gastfamilie, die mich jeden Augenblick in die Wirklichkeit zurückholen könnte. Es klingelt und ich sehe eine kleine Frau mit einem großen Mann, die ich irgendwo schon einmal gesehen habe, an der Tür stehen. Das können nur mein neuer Papa und meine neue Mama sein, nach wenigen Augenblicken stehe ich neben ihnen. "Dieses sind also die Menschen, die meine Eltern sein sollen, die mit dieser AFS-Frau reden", geht mir durch den Kopf und ich verstehe kein Wort von der Unterhaltung, genauso muss ich auch ausgesehen haben. Ersteinmal geht es einkaufen und ich werde nach meinen Wünschen gefragt. Ich allerdings war nicht in der Lage meine Wünsche zu äußern, abgesehen davon, dass ich keine "Extrawürste" wollte, ersteinmal die Familie, die Gewohnheiten, die Regeln kennenlernen, außerdem kannte ich so viele Sachen noch nicht, waren anders. Doch dieses mit meinen fünf Worten Spanisch zu erklären, sehr, sehr schwer. Und dann noch diese Gastfreundschaft, mit der ich so viele Probleme hatte.
Endlich fahren wir weiter, Richtung Salcedo. Ich bin total gespannt auf dieses kleine Dorf, von dem ich Einwohnerzahlen zwischen 1000 und 20.000 gehört habe, auf mein angeblich 5-stöckiges Haus, auf meine Geschwister, auf meine grosse Familie. Gleichzeitig wieder diese "Angst", die große Anspannung, die wahrscheinlich jeden klaren Gedanken verweigert und mich so schrecklich ruhig bleiben lässt. Als wir Salcedo erreichen, fallen mir im ersten Augenblick vor allem die vielen Indigenas auf, die die Straße bevölkern. Heute ist Markttag d.h., dass die ganzen Straßen rund um den Markt mit Verkäufern und Menschen belagert sind, die Indigenas kommen an diesen Tagen aus den Bergen. Plötzlich halten wir, wir sind angekommen. Mein Gastvater hupt, ein kleiner Junge in Cordhose und Weste öffnet das Tor, wir fahren hinein. Aus dem Fenster sieht mir eine Schar von Augen entgegen, die bald auf dem Hof steht. Der kleine Junge ist mein Bruder, der Rest der Augen gehört zu meiner Familie, die ich der Reihe nach begrüße. Heftig umarmt werde ich nicht, aber lieb begrüsst auf jeden Fall.
Irgendwie komme ich dann ins Haus, auf das Sofa, den Rucksack noch auf dem Rücken, von der Familie umgeben, die so viel Geduld mit mir hat, mich viel fragt und erzählt auf Spanisch und Englisch. Ich bin immer noch angespannt, auch wenn ich es in diesem Augenblick kaum spüre. Mein Zimmer, das mich an ein Hotelzimmer erinnert, das Zimmer von Nataly, die Küche werden mir gezeigt. Das ganze Haus ist neu, der Kühlschrank ist leer, deshalb haben wir also eingekauft. Wir gehen nach draußen, ich bekomme eine Wasserflasche in die Hand gedrückt, mit der ich bis zum Abend herumlaufen werde.
Zu fünft in unser Auto gequetscht, fahren wir ins Restaurante. Dort gibt es ecuadorianisches Essen, Suppe mit Mais, Fleisch, Kartoffeln in großen Stücken. Ich weiß nicht, wie ich sie essen soll, beobachte, sie werden mit dem Löffel genommen, zur Not kommt die Hand zur Hilfe und man beißt ab. Schon nach der Suppe bin ich ziemlich satt, doch erst jetzt kommt das "wirkliche" Essen, die Hauptspeise. Ich esse sie fast ganz auf, möchte nicht unhöflich sein.
Was mir richtig gut geschmeckt hat, ist der frische Saft, den man zu jedem Essen macht. Viel geredet wurde nicht, ich war immer noch sehr mit meinen Eindrücken beschäftigt, meinen Gedanken, andererseits waren natürlich meine Erwartungen an mich, gleich los "zu labern", gleich "Familie zu sein" so hoch, dass ich sie nicht erfüllen konnte.

"Zu Hause" sind wir gleich wieder losgefahren, mit Tante und Cousin nach Baños, eine Stadt inmitten grüner Berge, mit heiligen, heißen Quellen und vielen Schwimmbädern und Touristen. Ich durfte (musste schon fast) vorne sitzen, um mehr zu sehen. Zu dieser Zeit wusste ich noch gar nicht, wo es hingeht. Zwischendurch sind wir manchmal ausgestiegen, damit ich noch mehr sehe. Ich habe nur geguckt, geguckt, geguckt, einfach geguckt. In meiner Kleidung, wie ich am Morgen aus Quito losgefahren bin, mit Gürtelbeutel, Bauchtasche, Jacke und Schal.
Obwohl die Landschaft von Ecuador ziemlich schön ist, konnte ich meine Augen kaum noch aufhalten. In Baños sind wir ausgestiegen, ich bin einfach hinter meiner Familie her, kam mir einerseits so vor, als würde ich sie schon Jahre kennen, andererseits waren sie mir noch so fremd und ich "merkwürdiges", deutsches, blondes Mädchen ihnen sicher auch.
Je länger wir durch Baños gegangen sind und Park, Kirche & Co angeguckt haben, desto müder würde ich.
Als wir wieder zurückgefahren sind, war es schon dunkel. Allerdings wird es hier auch schon zwischen 18 und 19 Uhr dunkel jeden Tag, das ganze Jahr.
Im Auto haben wir drei "Geschwister" geschlafen und plötzlich stand ich wieder vor "meinem neuen Zuhause", in dem sich schon wieder viele Verwandte befanden, doch ich habe mich schnell verabschiedet, ich brauchte einfach ein Bett. Von den Gesichtern und Namen meiner neuen Grossfamilie hatte ich zwei Drittel vergessen.
Nachdem das Wasser endlich ging, zum Glück haben wir große Reserven im Haus, so dass ich mein Duschen nie planen muss, lag ich bald in "meinem" Bett und ein grosser Teil der Anspannung wich von mir, dafür hatte ich das erste Mal in meinem Leben Heimweh.
In der Nacht wurde ich krank, das ganze viele Essen kam aus mir heraus und doch bin ich irgendwann eingeschlafen um am nächsten Morgen in meinen zweiten Tag hier zu starten, zu Hause anzurufen und meinen Koffer auszupacken.

Mittlerweile bin ich also schon zwei Monate in diesem kleinsten Andenstaat, das die "Mitte der Welt" beherbergt (ein Monument auf dem Äquator) und lebe mich immer mehr ein. So ganz als meine Heimat kann ich es hier noch nicht bezeichnen, ich bin immer noch in der Eingewöhnungsphase, doch ich liebe mein Leben hier immer mehr und habe auch schon relativ viel gesehen.
Ich war auf dem höchsten, aktiven Vulkankegel der Erde (Cotopaxi), allerdings "nur" bis zur Schneegrenze, inmitten vieler Touristen. Da kam ich mir schon ein wenig ecuadorianisch vor :-) Auf dieser Höhe war jeder Schritt anstrengend, am Abend hatte die ganze Familie Kopfschmerzen.
Mit Gastmama un Schwester ging es einen Tag in die größte Stadt (Guayaquil) hier in Ecuador. Ich habe die Hitze, das Wasser (Hafenstadt) und das Großstadtgefühl genossen, auch wenn ich nicht viel gesehen habe. Die Busfahrt hin un zurück war ziemlich "aufregend", mit den viele Polizeikontrollen und die Busse hier haben auch keinen europäischen Standard.
Die Geschäftsreise nach Coca, eine Stadt im Oriente, mit meinen Gasteltern, Onkel, "Cousin" und anderen Helfern, werde ich sicher nicht vergessen.
13 Stunden Autofahrt in tropischer Nachtwärme, Angst vor Malaria (unnötig), einen Tag warten auf die Dusch, das Gefühl "niña" genannt zu werden und sich daran zu gewöhnen, aus unerfindlichen Gründen als Mitarbeiter erkannt zu werden, weil ich nichts weiß, weiterfragen, in dem "Restaurant", in dem auch die vielen Companymitarbeiter essen und das mir am Anfang so komisch vorkam, zu essen, die Hitze und der Tropenregen, der unsere Sachen fast weggeschwommen hätte, die Morgene alleine im Hotel, die vielen jungen Frauen, die entweder kleine Kinder haben oder schwanger sind, die Träume, Gedanken, die kamen, wenn ich mal wieder nichts zu tun hatte, die "Ausflüge" in die Stadt, sobald einer (meist mein "Cousin") frei hatte, das Tanzen, die Bootsfahrt (die viel zu kurz war) an den waschenden Frauen und badenen Kindern im Fluss, der angeblich viele gefährliche Tiere beinhaltet, vorbei, der Markt, auf dem raupenähnliche Viecher lebend aufgespießt, gegrillt und dann gegessen wurden und die ich einfach nicht essen konnte, die Augenblicke, in denen kein Kunde auf dem Platz ist und ich inmitter der "Arbeiter" lache und dann am letzten Tag die ganze Nacht mit dem Bus zurück, um 6 Uhr zu Hause anzukommen, zu duschen und um 6.30 Uhr mir dem Buseta zur Schule zu fahren, total müde. Ich war nochmal einen Tag im Oriente, in einer anderen Stadt, es ist einfach alles grün. Ich würde gerne einmal hinein.
Ganz am Anfang habe ich einen Stierkampf miterlebt, doch ich konnte kaum hinschauen. Es war ekelig und ich möchte es nie wieder erleben.
Als ich hier angekommen bin, waren die Feste von Salcedo. Es gab viele Umzüge und Reinaveranstaltungen. Weil meine Cousine die Reina (Miss) von unserem Stadtteil ist, habe ich auch viel hiervon mitbekommen. Mein Magen hat mir einige Probleme gemacht, doch ich habe sie überwunden.
Zu Allerheiligen und Allerseelen wurde ein Getränk aus 7 puren Früchten und Colada gemacht (Colada Morada), das richtig lecker ist. Ich habe das Nationalgericht Cuy (Meerschweinchen) probiert, doch es schmeckt mir nicht so sehr.

Ich gehe jeden Tag von 7-14.20 Uhr auf meine katholische Privatschule, die von einem etwas verrückten italienischen Pater geleitet wird, mach aber kaum Hausaufgaben (anders als meine compañeros), weil ich im Unterricht nichts verstehe. Dafür gehe ich nachmittags ins Fitnessstudio und kämpfe mit meinem Spanisch, das einfach nicht kommt, träume davon auf Spanisch zu träumen. Ich habe sehr viele Eindrücke verabreiten müssen, verabreite sie immer noch. Ich habe viel mit mir kämpfen müssen, kämpfe immer noch. Denn obwohl mir das Leben gar nicht so ander erschien, ich auf einen sehr großen Unterschied gefasst war (andererseits wusste ich doch kaum was von diesem Land), der nicht kam, ist das Leben doch anders. Die Kultur, die Umgebung, einfach überall sind Unterschiede. Und trotzdem merke ich auch immer wieder, dass wir alle, ob in Ecuador oder in Deutschland, auch "nur " Jugendliche, Kinder, Menschen sind mit Träumen, Jugendliche, die eine Jugend wollen und doch alle verschiedene Möglichkeiten und Horizonte für ihr Leben, für ihre Träume haben.

Alle liebe aus Ecuador

Judith

(www.judith-on-tour.de.vu)